„Die Känguru Chroniken“ von Marc-Uwe Kling

Was passiert, wenn die Wohnung eines (Klein-)Künstlers von einem kommunistischen Känguru heimgesucht wird? „Die Känguru Chroniken“ verraten es.

Es klingelt an der Tür, ein Känguru steht davor und möchte sich ein paar Eier zum Backen ausleihen – bald darauf ist es dann auch schon in der Berliner Wohnung eingezogen. Was skurril beginnt wird nur noch seltsamer – sehr zur Freude des Lesers. Der deutsche Autor, Liedermacher und Kabarettist Marc-Uwe Kling erschafft in seiner Textsammlung „Die Känguru Chroniken“ einen fiktionalen Mitbewohner, der in dessen Kleinkünstler-Lebenswelt einfällt und diese mit seinem unvollendeten kommunistischen Manifest und seinen kreativen Schmarotzereien gehörig auf den Kopf stellt. Denn es handelt sich nicht um irgendein Känguru. Als ehemaliger Vietcong und späterer Bürger der DDR steht das Beuteltier voll hinter seiner marxistischen Botschaft und ist großer Fan der Band Nirvana sowie den Filmen von Bud Spencer und Terence Hill.

Känguru mit Chronik. Foto: Lars Eggers

Känguru mit Chronik. Foto: Lars Eggers

Das Zusammentreffen eines Kängurus, dessen Vorstellung in den frühen 90er Jahren stehengeblieben ist und einem mit dem Erfolg ringenden Kabarettisten des 21. Jahrhunderts führt zu allerlei Situationskomik, die einen als Leser regelmäßig dazu bringt laut mit zu lachen. Aber „Die Känguru Chroniken“ sind mehr als lesbarer Slapstick (auch wenn dieser nicht zu kurz kommt, wenn das Känguru die roten Boxhandschuhe aus dem Beutel zieht). Neben einer gehörigen Prise Gesellschaftskritik und mitunter rührenden Episoden des menschlichen (beziehungsweise des menschlich-beuteltierischen) Zusammenlebens kann man hier persönliche Einsichten in das Leben eines Kleinkünstlers erhaschen. Man erkennt auch schnell, dass Marc-Uwe Kling ein offensichtlich geübter WG-Bewohner ist. So überzogen einige der Geschichten über das Zusammenleben mit seinem seltsamen Mitbewohner manchmal auch sein mögen, jeder WG-Student wird sich schnell in ihnen ebenso schnell wiederfinden wie in den überintellektualisieren Diskussionen der Hauptakteure.

Bissiger Humor und echte Aussagen

Eine Gesellschaftsbetrachtung durch die Augen eines Vietcong-Beuteltieres ist ein gewagter Versuch, der schnell ins lächerliche abrutschen könnte, aber Kling gelingt die Gratwanderung zwischen bissigem Humor und echter Aussage, ohne dabei ins Predigen zu geraten. Tatsächlich baut der Autor ein ganzes Universum um sein literarisches Ich und seinen pelzigen Freund auf. In den kurzen Episoden des Buches werden immer wieder Begebenheiten aus vorigen Geschichten aufgegriffen, man fühlt sich spätestens nach fünfzig Seiten als Eingeweihter, als ein Mitbewohner der skurrilen Lebens- und Leidensgemeinschaft, wenn diese sich mit alltäglichen Problemen (wer putzt das Klo?), großen gesellschaftlichen Fragen (Genuss oder Mehr-Genuss?) und religiösen Dogmen (müssen Jesusdarsteller in einem christlichen Freizeitpark die linke Wange hinhalten, wenn man ihnen auf die rechte schlägt?) auseinandersetzen.

„Die Känguru Chroniken“ präsentiert sich als allumfassend unterhaltsames Buch mit phantastischer Komik, beißender Satire und einem überraschend menschlichen Känguru. Für alle Beuteltier-Fans gibt es auch schon einen Nachfolger, „Das Känguru Manifest“, in dem das Känguru Berliner Graffiti korrigiert, das asoziale Netzwerk aktiv wird und Antiterroranschläge auf Plakatwände verübt werden. Ein drittes Buch ist derzeit in Arbeit.

„Die Känguru Chroniken“ ist im Ullstein Verlag erschienen, die Taschenbuchausgabe ist für 7,95 Euro im Buchhandel erhältlich.

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Kommentare (1)

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  1. Bine sagt:

    Was das Känguru wohl zu den Marxen sagen würde? 😉

    War ein wirklich gutes Buch, der Artikel hat mir gerade nochmal Lust auf einen weiteren Leseabend gemacht!

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