5vier.de Bücherecke Fußball – Declan Hill: Sichere Siege

Von Andreas Gniffke

Immer wieder erschüttern Nachrichten über manipulierte Begegnungen die Fußballwelt. Angefangen vom Bundesligaskandal 1970/71 über die Vorkommnisse um Robert Hoyzer im Jahr 2005 bis zu den aktuellen Verfahren: Immer wieder scheinen Spieler und andere Verantwortliche der Versuchung des schnellen Geldes zu erliegen und den Sport zu einem kriminellen Geschäft zu machen. Der kanadische Journalist und Soziologe Declan Hill beschrieb in seinem 2008 erschienenen Buch ‚Sichere Siege‘ die Methoden und Netzwerke der internationalen Wettmafia, die auch vor Spielen der Weltmeisterschaft 2006 nicht Halt machten.

In der vergangenen Woche begann in Bochum einer der größten Prozesse des Landes zur organisierten Manipulation von Fußballspielen. Verhandelt wird die Beteiligung von vier Angeklagten bei der Verschiebung von 32 Spielen in Deutschland, Belgien, Slowenien, Ungarn, Kroatien und der Schweiz, insgesamt stehen zur Zeit mehr als 200 Partien unter Verdacht. Im Vergleich zum Vorgängerprozess gegen den Schiedsrichter Robert Hoyzer im Jahr 2005, findet das laufende Verfahren trotz seiner Brisanz in Öffentlichkeit und Medien jedoch kaum Beachtung. Warum dies so ist, muss offen bleiben. Womöglich fehlt ein charismatischer Täter wie Hoyzer, der als Vertreter des vermeintlich sauberen Fußballsystems in Deutschland tief gefallen ist und dessen Name in den Stadien inzwischen synonym zum allgemein geläufigen ‚Schieber‘ den Schiedsrichtern von aufgebrachten Fußballanhängern an den Kopf geworfen wird.

Der noch aus dem Hoyzer-Skandal bekannte kroatische Glücksspieler Ante Sapina steht auch beim aktuellen Prozess im Mittelpunkt des Geschehens, sein Verfahren steht aber noch aus. Erneut ist sein Cafe King in Berlin Zentrum der Geschehnisse. Im Zuge der Ermittlungen hat der DFB bereits einige wenige Konsequenzen gezogen. Der unter Verdacht stehende Schiedsrichter Cetin Sevinc wurde mit einer Schutzsperre versehen, Marcel Schuon, ehemaliger Profi des VfL Osnabrück, hatte zugegeben Geld angenommen zu haben und wurde für 33 Monate gesperrt. Doch wie genau die Manipulationen vonstatten gingen, ob sie letztendlich erfolgreich waren und wieviele Spiele noch versucht wurden zu verschieben, bleibt bislang unklar.

Im Jahr 2008 hatte der in Oxford promovierte Journalist Declan Hill seine aufsehenerregende Studie „Sichere Siege“ veröffentlicht und ein Aufschrei ging durch die Fußballwelt. Über mehrere Jahre recherchierte er in Europa und Asien, um die Strippenzieher, Methoden und Netzwerke der international agierenden Wettmafia kennenzulernen. Schnell stellte sich heraus, dass das Zentrum dieser Spielart des organisierten Verbrechens zwar in Asien zu suchen ist, der Einfluss jedoch bis tief in die Jugendligen Europas und sogar bis zu Spielen der Fußballweltmeisterschaften zu reichen scheint. Hill sprach mit asiatischen Geschäftsmännern, die offenbar Millionen mit Wetten auf manipulierte Fußballspiele verdient haben. Er traf Spieler, die offen zugaben, Geld für das Eintreffen eines vorgegebenen Ergebnisses erhalten zu haben. Er mietete sich 2006 in das Mannschaftshotel der ghanaischen Nationalmannschaft in Würzburg ein, um eine evtl. Einflussnahme von Außen dokumentieren zu können. Declan Hil beschreibt ausführlich, was er erlebt hat, welche Schlüsse er daraus zieht und über welche Spiele er mit seinen Gewährsmännern gesprochen hat. Beweise, dass die entsprechenden Spiele tatsächlich verschoben wurden, bleibt er jedoch schuldig, die Drahtzieher, wie den von ihm Lee Chin genannten asiatischen Wettpaten, bleiben anonym. „Ich weiß, dass ich mit dem Feuer spiele, aber meine Tapferkeit und mein Heldentum haben Grenzen. Den beiden Journalisten Johnson Fernandez und Lazarus Rokk, die vor einigen Jahren Spielmanipulationen in Singapur aufgedeckt haben, hat man zwei Patronenimitate zugeschickt, auf denen stand: ‚Die nächsten sind echt'“, rechtfertigte er sich 2008 im Spiegel. Dem 11Freunde-Magazin gab Hill ein aufschlussreiches Interview über seine Intention: „Ich habe nie gesagt, dass ich Beweise liefere. Ich wurde falsch zitiert. […] Es [das Buch] will die Verantwortlichen in den Verbandsetagen zum Handeln anregen. Was wir momentan erleben – organisiertes Spielverschieben – hat denselben Effekt, den das illegale Downloaden von Songs auf die Musikindustrie hat. Das Spiel an sich wird zerstört. Ich erhoffe mir von den verantwortlichen Stellen, von FIFA und UEFA, ein klares Statement. Ich hoffe, dass sie sagen: Dieses Spiel ist es wert, beschützt zu werden. Denn ich denke, dass sie Fußball lieben – genauso wie ich.“ Dennoch und gerade aufgrund der fehlenden Beweise, musste Hill für sein Buch eine Menge Kritik einstecken. Er ist kein typischer Fußballfan, trotz seiner ständigen Beteuerungen, das Spiel zu lieben. Hill ist Akademiker, weshalb seine Darstellung in Fußballkreisen häufig mit Skepsis aufgenommen wurde. Er sei ein Selbstdarsteller und Wichtigtuer, der durch ein geplantes Skandalbuch den eigenen Marktwert erhöhen wolle, waren noch die mildesten Vorwürfe, denen er sich ausgesetzt sah. Tatsächlich liefert er wenig sichere Beweise, dass einzelne Spiele manipuliert waren und die Manipulation auch von Erfolg gekrönt war. Akribisch sammelt er Indizien, die er versucht mit den Geschehnissen auf dem Rasen in Verbindung zu bringen. Großangelegte Wettmanipulation stellt sich weitaus subtiler dar als die tumbe Art und Weise, mit der z.B. Robert Hoyzer das DFB-Pokalspiel Paderborn gegen den HSV manipulierte, als er durch einige z.T. völlig absurde Fehlentscheidungen und Strafstöße den großen Außenseiter Paderborn auf die Siegerstraße brachte. Weitaus unauffälliger sind dagegen Siege der Favoriten, somit konzentrieren sich die meisten der von Hill beschriebenen Fälle auf das Absichern des Favoritensiegs gegen die Unwägbarkeiten des Fußballs sowie die Erzielung eines bestimmten Resultats bzw. einer bestimmten Tordifferenz. Ein Beispiel soll herausgegriffen werden, ein Beispiel, an das sich der Autor dieser Besprechung selbst noch sehr gut erinnern kann. Am 27. Juni 2006 trafen in Dortmund der amtierende Weltmeister Brasilien und Ghana im Achtelfinale der Fußballweltmeisterschaft aufeinander, einer Weltmeisterschaft die später als Sommermärchen im Bewusstsein der Menschen zumindest in Deutschland in Erinnerung geblieben ist. Brasilien ging als klarer Favorit in die Partie, doch die Vorrunde hatte gezeigt, dass die Mannschaft trotz dreier Siege keineswegs in der Verfassung war, mit der sie vier Jahre zuvor den Titel gewonnen hatte.

Das Spiel verlief außerordentlich merkwürdig. Ghana wirkte deutlich spielstärker und drängte den Favoriten zum Teil weit in die eigene Hälfte zurück. Vor dem Tor verließen die Afrikaner aber offenbar in schöner Regelmäßigkeit die Nerven, beste Chancen wurden zum Teil kläglich vergeben. Auf der Gegenseite nutzten die Brasilianer eiskalt die sich ergebenden Gelegenheiten, begünstigt allerdings durch katastrophale Abwehrfehler der ghanaischen Verteidiger. Ronaldo erzielte bereits nach fünf Minuten die Führung, vorausgegangen war eine misslungene Abseitsfalle der Black Stars. Beim 2:0 durch Adriano profitierte der Weltmeister von einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters Lubos Michel aus der Slowakei, dem der Kicker die Note vier mit der Begründung „begünstigte Brasilien bei verschiedenen Entscheidungen“ gab. Der Torschütze stand knapp im Abseits. Die Zuschauer wurden zunehmend wütend über die Leistung der Brasilianer, die in der zweiten Hälfte zwar noch durch Ze Roberto das 3:0 erzielten, jedoch gnadenlos ausgepfiffen wurde. Gefeiert wurde dagegen der tapfere Außenseiter, der dem großen Favoriten vergeblich Paroli geboten hatte und an Pech und eigener Naivität gescheitert war. So zumindest die offizielle Lesart. Der Öffentlichkeit verborgen blieb u.a. ein ernster Streit der Nationalspieler Ghanas mit ihren Funktionären, die den Großteil der Prämien den Spielern vorenthalten wollten. Hills Informant hatte ihn im Vorfeld informiert, dass seine Leute Teile der Mannschaft angeworben hätten, Ziel sollte eine Niederlage Ghanas mit mindestens zwei Toren Unterschied sein. Im Vorfeld der Partie hatte Hill versucht, im direkten Umfeld der Mannschaft Indizien für eine versuchte Einflussnahme zu finden, blieb aber erfolglos. Keine Asiaten oder sonstige Verdächtige näherten sich seiner Beobachtung nach der Mannschaft, die einen konzentrierten und motivierten Eindruck machte. Der Spielverlauf schockte Hill jedoch und das vorhergesagte Ergebnis wurde wie gesagt durch einen äußerst merkwürdigen Spielverlauf erzielt. Dieser entsprach genau dem Muster, das der Autor für eine derartige Konstellation erschließen konnte. Die Mannschaft, auf die Einfluss genommen wurde, muss versuchen die Kontrolle über das Spiel zu bekommen, um einen möglichen Verdacht gar nicht erst aufkommen zu lassen. Durch gezielte Abwehrfehler und Fehlschüsse vor dem gegnerischen Tor kann so das gewünschte Ergebnis erzielt werden, vor allem wenn man bedenkt, dass ja nur Teile der Mannschaft in das miese Spiel eingeweiht sind. Hill nennt weitere manipulierte Spiele bei der WM 2006. Alle Ergebnisse traten wie vorhergesagt ein. Alle bis auf eines. Im Vorrundenspiel Ecuador gegen England sollte der Favorit sich ebenfalls mit zwei Toren gegen den Außenseiter durchsetzen. Das Spiel endete aber nur 1:0, wobei sich Ecuador redlich mühte den Engländern Einschussgelegenheiten zu geben. So zumindest der Eindruck, der sich ergibt, wenn man Hills Verdacht folgt. Vielleicht war England aber auch einfach nur überlegen? Nicht überlegen genug zumindest, denn ein zweites Tor wollte ihnen einfach nicht gelingen, was aber eher der eigenen Unfähigkeit zuzusprechen war.

Neben der Weltmeisterschaft erwähnt Hill aber auch ein Spiel der Fußball Bundesliga, nämlich die 5:1 Niederlage des 1. FC Kaiserslautern gegen  Hannover 96 am 26. November 2005. Sein Informant hatte auch hier einen Sieg der Hannoveraner mit mindestens zwei Toren Vorsprung vorausgesagt. In diesem Fall kein besonders gewagter Tipp, denn Kaiserslautern war Tabellenletzter und hatte vor dem Spiel gerade Trainer Michael Henke entlassen. Ob das Spiel manipuliert war deutet Hill, wenn überhaupt, lediglich an, es könnte sich auch um eine ’normale‘ Sportwette gehandelt haben.

Die Manipulation von Sportereignissen hat eine lange Tradition, auch dies skizziert Declan Hill in seiner Untersuchung. Das Buch hat sicherlich Schwächen, enthält viele Vermutungen und Verdachtsmomente. Vieles muss man dem Autor einfach glauben, belegen kann er es oft nicht. Declan Hill reagierte jedoch auf die zum Teil harsche Kritik und stellte Abschriften und zum Teil auch Tondokumente seiner Gespräche auf seiner Homepage ‚How to Fix a Soccer Game“ online. So zum Beispiel auch die Gespräche mit dem ghanaischen Kapitän Stephen Appiah, der unumwunden zugab, für Siege der eigenen Mannschaft Geld angenommen und an die Mannschaft verteilt zu haben. Es ist sicherlich auch keine Lektüre, die Spaß macht. Hill schreibt oft langatmig, baut Erwartungen auf, die er im Verlauf des Kapitels dann nicht erfüllen kann. Meines Erachtens kann man ihm aber die Leidenschaft für den Sport nicht absprechen, ebenso wie die große Enttäuschung, die ihn im Laufe der Recherchen befällt. Es tut ihm und auch dem Leser weh, wenn die Manipulationen einen Sport betreffen, dem er wie unzählige andere in großer Leidenschaft verfallen ist. Dies erklärt vielleicht auch die Zurückhaltung, mit der die Öffentlichkeit auf den aktuellen Prozess reagiert. Wir wollen ganz einfach nicht glauben, dass unser Sport infiziert ist, das Spiele nicht das Ergebnis ehrlicher Arbeit auf dem Platz sondern von Betrug sind. Hills Buch endet mit einem Zitat aus dem späten 18. Jahrhundert aus dem Umfeld des Kampfes gegen die Sklaverei in Amerika: „Nachdem sie sich das angehört haben, wollen Sie vielleicht lieber wegschauen, aber Sie können nie wieder behaupten, Sie hätten nichts gewusst.“

Declan Hill: Sichere Siege: Fußball und organisiertes Verbrechen oder wie Spiele manipuliert werden, Köln 2008, Verlag Kiebenheuer & Witsch, 14,95 €

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Kommentare (1)

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  1. klartexter sagt:

    Das ist hart. Wenn die Hälfte der Behauptungen in dem Buch stimmt ist das der Tod des Fussballs. Ich werd das Buch mir auf jeden Fall anschaffen.

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