5vier-Bücherecke Fußball – Robert Enke – „Ein allzu kurzes Leben“

Von Andreas Maldener

Robert Enke wusste sehr genau, wie er anderen Menschen helfen konnte. Wenn diese einmal in einen tiefen Abgrund zu rutschen drohten oder wenn sie schwierige Situationen zu übermannen schienen – dann war er zur Stelle. Sei es mit tröstenden Worten oder mit motivierenden Parolen. Enke war ein Mensch, der für andere da war. Auch für ihn waren Menschen da, alleine war er nie mit seinem Schicksal. Doch die anderen konnten ihm nicht helfen – auch er selbst konnte es nicht. Denn Robert Enke, aufstrebender Nationaltorwart, der den Traum hatte, bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika zwischen den Pfosten zu stehen, litt unter Depressionen. Den einzigen Ausweg, den er sah, war der Selbstmord.

Ein Jahr nach seinem Tod, im November 2009, veröffentlichte Sportjournalist Ronald Reng, einer der engsten Freunde von Robert Enke, das Buch „Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben“ über die Geschichte dieses besonderen Menschen.

Robert Enke im Trierer Moselstadion. Nur drei Monate später nahm der Torwart sich das Leben. Foto: Maldener.

Torwart Sven Ulreich durchlebt momentan beim VfB Stuttgart im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga turbulente Wochen und Monate. Und dazu gehört ein stetiges Auf und Ab. Von Trainer Bruno Labbadia zur „Nummer zwei“ im Tor bei den Schwaben degradiert, war es eine Verletzung seines Kontrahenten Marc Ziegler, die ihn wieder zurück zwischen die Pfosten brachte. Und genau dort brilliert er aktuell mit Glanzparaden und lässt die Fans des VfB erneut auf den Klassenerhalt hoffen. Dass dieser Sven Ulreich mit seinen fast noch jugendlichen 22 Jahren immer noch als Torwart in einer der besten Ligen der Welt spielt, verdankt er unter anderem einer ganz besonderen Geste eines Mannes, den er vorher überhaupt nicht kannte: Robert Enke.

Foto: Piper Verlag GmbH

Es war der 13. April 2008: Sven Ulreich, seines Zeichens Bundesliga-Torhüter des VfB Stuttgart, kassierte mit seiner Mannschaft eine 0:3-Klatsche gegen Bayern Leverkusen. Ulreich sah bei den Gegentreffern wahrhaftig nicht souverän aus, doch was sich dessen damaliger Trainer nach der Partie gegenüber den Sportreportern leistete, gilt sogar im knochenharten Profigeschäft als Unsitte: Er kritisierte seinen eigenen Torwart: „Wir haben durch zwei Torwartfehler verloren. Das haben alle gesehen. Da bringt es nichts, den Torwart zu schützen.“

An jenem Abend läuft in Empede, einem Vorort von Hannover, der Fernseher. Davor sitzt Nationaltorhüter Robert Enke. Als er den Beitrag mit den kritischen Äußerungen von Armin Veh sieht, tobt er innerlich. Am Tag nach Ulreichs rabenschwarzem Tag im VfB-Tor klingelt sein Handy. Robert Enke hatte sich die Handynummer seines Kollegen über seinen Handschuhhersteller besorgt. Obwohl sich die beiden kaum kannten, fühlte Robert Enke mit dem damals 19-jährigen Ulreich. „Er hat mir Mut gemacht, wir haben eine halbe Stunde geredet und die Gegentore analysiert“, erinnert sich der Keeper. Auch wenn der Trainer ihn nun auf die Bank setzen solle, er dürfe bloß nicht verzweifeln, sagte Enke. „Als ich auflegte, hatte ich Gänsehaut, das war das Beeindruckendste, was ich als Sportler erlebt habe“, wird Ulreich zitiert.

Doch warum verhielt sich Enke so kollegial in dieser Welt der Torhüter, die bisher von Toni Schumacher über Sepp Maier und Oliver Kahn bis hin zu Jens Lehmann vor allem eines in deutschen Toren sah: Konkurrenz und eine extrem ausgeprägte Einzelkämpfermentalität. Vielleicht tat er es, weil er in seiner Karriere ähnliche Szenen durchleben musste. Wenige Wochen vor seinem Selbstmord war Enke noch einmal Sven Ulreich begegnet. Der Stuttgarter wünschte Enke viel Glück für die WM 2010, falls beide sich bis dahin nicht mehr begegnen sollten. „Mal schaun, ob wir uns noch einmal sehen“, entgegnete Enke.

Enke bei der 1:3-Niederlage seiner Hannoveraner im DFB Pokal gegen Eintracht Trier im August 2009. Foto: Maldener.

Diese ist nur eine der vielen Anekdoten und Geschichten, die der mehrfach preisgekrönte Sportjournalist Ronald Reng in einer selten dagewesenen Tiefe minutiös und außergewöhnlich detailreich in der Biographie über das allzu kurze Leben des Robert Enke wiederzugeben versucht. Dieser oftmals schockierende Detailreichtum in seinem Erzählungen rührt daher, dass Reng Zugriff auf Robert Enkes „Depri-Ordner“ hatte. Dieser Ordner war Enkes Tagebuch, in das er in völlig offener und unverblümter Art und Weise seine Gedanken während den depressiven Phasen hineinschrieb.

Weiterhin führte der Sportjournalist Interviews mit Enkes Wegbegleitern sowie seiner Frau Teresa. Was Reng mit dieser Biographie gelingt, ist die perfekte Melange aus der äußerst wechselhaften Karriere des Fußballers Robert Enke und der nahezu unfassbaren Liebesgeschichte, die die Enkes über all die Tiefen hinwegzutragen schien. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich das Wort „Selbstmord“ in den Einträgen von Enkes „Depri-Ordner“ häufte – bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Depressionen ihn so zerfressen hatten, dass er glaubte, sein Selbstmord könne ihn von all dem Leid befreien.

Ronald Reng will nicht das teils moralisch verwerfliche Verhalten und die Härte und Kälte des Fußballgeschäftes anprangern, vielmehr wird offenkundig, wie wenig die Menschen in unserer Gesellschaft über das Krankheitsbild Depression wissen. „Wenn du nur einmal eine halbe Stunde meinen Kopf hättest, dann würdest du verstehen, warum ich wahnsinnig werde“, sagte Enke einmal seiner Frau. Und genauso erschreckend lesen sich einige der Geschichten, die das Leben des Robert Enke schrieb. Er unterschrieb bei Benfica Lissabon einen millionenschweren Kontrakt, doch wenig später liegt er in seinem Hotelzimmer weinend auf dem Bett und fleht seine Frau Teresa an, ihn aus seiner Situation zu befreien.

Ein Buch, dass Enke einmal von seinem Berater Jörg Neblung geschenkt bekam, trägt den Titel „Mein schwarzer Hund – Wie ich meine Depression an die Leine legte“. Diese Überschrift beschreibt in all ihrer Prägnanz genau den Zustand, den depressive Menschen durchleben. Tag für Tag werden sie von einem schwarzen Hund begleitet, von einem Hund, der wächst und wächst, ehe er die Betroffenen zu übermannen droht. Robert Enke konnte seinen schwarzen Hund nach der ersten depressiven Phase anleinen, doch er riss sich wieder los und war größer als zuvor. Er wollte diesen schwarzen Hund los werden. Dieser Versuch endete an jenem tragischen, bitterkalten Novembertag – nach stundenlanger Irrfahrt an einem Bahnübergang vor Hannover.

Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben. Von Ronald Reng. 426 Seiten. Piper-Verlag, 19,95 €. Ein Teil des Erlöses fließt an die Robert-Enke-Stiftung.

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Kommentare (2)

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  1. huskyqueenn sagt:

    Das Buch ist wirklich nur weiter zu empfehlen Ich habs zu Weihnachten bekommen weil ich es unbedingt haben wollte.. Dieses Buch ist wirklich sehr ergreifend und diese ganzen Alltagsgeschichten aus Enke’s Leben.. ich hab mit den Tränen gekämpft..
    Schade um so einen tollen und wundervollen Menschen..
    RIP Robert..

  2. Enke-Fan sagt:

    Dieses Buch werde ich lesen. Depression ist eine heimtückische Krankheit. Viele gestehen sich nicht ein darunter zu leiden, und ohne Hilfe von Profis kommt man da nicht aus. Erinnere mich noch genau das Pokalspiel im Moselstadion. Der Robert Ehnke ist nah an den Zuschauerrängen vorbei gelaufen und ich dachte, der sieht krank aus.Schade, daß ein Mensch so enden mußte!

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