5vier-Bücherecke Fußball – Tibor Meingast – „Der Zeuge von Lens“

Von Andreas Gniffke

Der französische Polizist Daniel Nivel ist bis heute auf fremde Hilfe angewiesen. Nachdem ihn deutsche Hooligans am 21. Juni 1998 in Lens brutal zusammengeschlagen haben, lag er sechs Wochen im Koma. Bis heute kann er kaum sprechen, ist auf einem Auge blind. Von der feigen Tat kursierten bald Fotos, doch die ermittelnden Behörden in Deutschland und Frankreich taten sich lange schwer, die Beteiligten zu identifizieren. Vor allem nach dem nur von hinten zu sehenden vermeintlichen Haupttäter, der brutal mit dem Gewehr des Polizisten auf dessen Kopf einschlug, fahndeten die Behörden lange vergeblich. Einer jedoch kannte den Täter: Burkhard Mathiak, Sozialarbeiter des Schalker Fanprojekts. Die Entscheidung auszusagen ist für Mathiak heikel. Verräter können in der Szene auf wenig Mitleid hoffen. Am Ende entschied sich Mathiak für die Aussage und wurde von Gericht, DFB und vielen anderen schmählich im Stich gelassen. Der ZDF-Journalist Tibor Meingast schildert die Umstände der Tat und die Zweifel des Zeugen minutiös und rollt den Prozess gegen die Haupttäter noch einmal auf, ohne in juristische Spitzfindigkeiten zu verfallen.

Foto: Buchcover Verlag die Werkstatt

Nach der Tat war die Empörung gewaltig. Bundeskanzler Helmut Kohl bezeichnete das Geschehen als „Schande für Deutschland“, Norbert Blüm gar als „Kriegserklärung an die europäische Kultur.“ Kurzzeitig wurde auch ein Rückzug der Nationalmannschaft aus dem Turnier erwogen. Die Ermittlungen gestalteten sich aber schwierig, da Zuständigkeiten zwischen deutschen und französischen Behörden geklärt werden mussten und der Ermittlungsdruck für die Fahnder enorm hoch war. Auch Burkhard Mathiak war in Lens anwesend, hatte es aber angesichts der von Beginn an aggressiven Grundstimmung in der französischen Kleinstadt vorgezogen, gleich ins Stadion zu gehen. Für den Fortgang der Ereignisse war seine Anwesenheit nicht von Bedeutung.

In Lens spitzte sich die Situation von Stunde zu Stunde mehr zu. 41.000 Zuschauer im Stadion und mindestens 20.000 Fans ohne Eintrittskarte bevölkerten die nur 35.000 Einwohner große Stadt. Zwar befanden sich genügend französische und deutsche Polizeikräfte in der Stadt, die Eskalation konnten sie allerdings nicht verhindern. Es fehlten allerdings genügend Fanbetreuer und szenekundige Beamte aus Deutschland und die französische Polizei verhielt sich extrem zurückhaltend. Ein öffentliches Public Viewing wurde kurzfristig abgesagt und die Fans verfolgten das Spiel in engen Kneipen am Fernseher. Bereits kurz nach Abpfiff des Spiels, Deutschland und Jugoslawien trennten sich 2:2, eskalierte die Gewalt. Kurz nach Spielende, zogen etwa 50 gewaltbereite Fans aus der Stadt in Richtung Stadion, um dort evtl. gleichgesinnte Anhänger aus Jugoslawien oder anderen Ländern zu finden. Die Polizei versuchte dies zu verhindern, so dass die Gruppe auf kleinere Straßen auswich, so auch auf die Rue Provost, an deren Ende Daniel Nivel mit zwei Kollegen Wache stand. Sie waren weder mit Pistolen noch mit Gummiknüppeln ausgerüstet, das Gewehr sollte eher der Abschreckung dienen und war nicht geladen. Etwa sieben Hooligans stürzen sich auf die weitgehend wehrlosen Beamten, einer von ihnen schlug mit einer Werbetafel auf Nivel ein, der zu Boden ging. Dort versetzten ihm mehrere Personen Schläge und Tritte, einer von ihnen prügelte mit dem Aufsatz von Nivels Gewehr auf den Polizisten ein. Kurz darauf flüchtete die Gruppe.

Burkhard Mathiak war recht schnell klar, dass einige der Täter aus dem Umfeld der Schalker Szene stammten, die er betreute. Die Erzählungen in den Räumen des Fanprojekts wiesen schnell in die entsprechende Richtung. Auch die Polizei in Gelsenkirchen erhielt entsprechende Hinweise und sprach Mathiak direkt an, ob er nicht etwas wisse. Ein Satz bleibt diesem bis heute in Erinnerung: „Wenn du etwas sagst, wird nie jemand erfahren, dass du es warst.“ Ein fataler Trugschluss. Er entschloss sich trotzdem zur Aussage, im klaren Bewusstsein, dass dies sein Leben womöglich nachhaltig verändern könnte. Erneut wurde ihm die absolute Anonymität seiner Aussage zugesichert.

Die Situation für den Sozialarbeiter wurde zunehmend ungemütlich. Im Fantreff der Schalker gab es offene Drohungen gegen den anonymen Informanten, es wurde sogar zum Mord aufgerufen. Mathiak war mit seinen Sorgen weitgehend allein und die Belastung nahezu unerträglich. Am 30. April 1999 begann der Prozess vor dem Landgericht Essen und die Situation änderte sich grundlegend. Richter Rudolf Esders fürchtete, die Aussage eines anonymen Zeugen könnte sich in einem Revisionsverfahren negativ auswirken und begann eigene Ermittlungen, den Zeugen zu enttarnen. Mit Erfolg, denn mehr oder weniger zufällig kommt er auf Mathiak, den Polizei und Staatsanwaltschaft konsequent zu schützen versuchten. Im Vorfeld der öffentlichen Aussage versuchte dieser zusammen mit seinem Arbeitgeber Schalke 04 die berufliche Situation zu klären, denn es war klar, dass eine weitere Arbeit im Fanprojekt unmöglich sein würde. Auch Polizei, Staatsanwaltschaft und seine Freundin beteiligten sich an dem Gespräch, das Mathiak noch genau in Erinnerung hat: „Wie das letzte Gericht. Ab morgen wird alles ganz anders, und jetzt sitzen die hier und unterhalten sich über dein Leben. Und du bist aller Möglichkeiten beraubt.“ Auch DFB-Präsident Egidius Braun hatte sein Kommen zugesagt, blieb dem Treffen aber fern. Überhaupt ließ der DFB den wichtigsten Zeugen schmählich im Stich.

Nach seiner öffentlichen Aussage tauchte Mathiak in den Niederlanden unter, noch über Jahre begleitet von Personenschützern und Polizei. Zu den befürchteten Übergriffen ist es glücklicherweise nicht gekommen, auch dem Täter ist er mittlerweile wieder begegnet.Tibor Meingast schildert die Geschehnisse nüchtern und präzise. Die grausamen Geschehnisse von Lens spielen zwar eine entscheidende Rolle im Buch, das Hauptaugenmerk richtet Meingast aber auf die psychische Belastung Mathiaks, dessen Gewissen ihn zur Aussage drängt, der sich aber bewusst ist, dass diese sein ganzes Leben aus der Bahn werfen könnte. Es ist das Psychogramm eines rechtschaffenen Staatsbürgers, der den Mut hatte, sich selbst im Dienste der Gerechtigkeit zurückzustellen und dabei von vielen gnadenlos im Stich gelassen wurde.

Tibor Meingast beschreibt das Dilemma Mathiaks fesselnd und präzise. Am Schluss des Buches versucht er allerdings, eine Bestandsaufnahme der aktuellen Fankultur in Deutschland vorzunehmen und greift hierbei zum Teil abenteuerlich daneben. So bewertet Mathiak als Insider den Gewaltexzess von Lens als einschneidendes Ereignis für die Gewaltbereitschaft der deutschen Hooliganszene. Meingast führt dagegen den außerordentlich umstrittenen ‚Fanforscher‘ Gunter Pilz an, dessen eher akademische Untersuchungen zum Thema zu grundlegend anderen Ergebnissen kommen. Allein 6000 Straftaten im Umfeld von Fußballspielen weist eine Statistik der Polizei aus. Aus dem Ansteigen der Verfahren folgert Meingast umgehend, dass wüste Prügelorgien in den letzten Jahren zugenommen hätten, ohne sich bzw. dem Leser die einzelnen Anklagepunkte genauer vor Augen zu führen. Seine Ausführungen zur Ultrakultur in deutschen Stadien strotzen ebenfalls vor Naivität: „Oft gehen nur sie [die Ultras] aus sich heraus, während auf den teureren Plätzen relative Ruhe herrscht. Gerne halten sich diese weniger lauten Zuschauer in den VIP-Räumen auf, für deren Besuch sie hohe Eintrittspreise zahlen, und erscheinen gelegentlich erst mehrere Minuten nach dem Anpfiff oder in Ausnahmefällen auch gar nicht auf ihren Tribünenplätzen.“ Das sich Fankultur auch außerhalb von Ultras und VIP-Gästen abspielen könnte, scheint Meingast nicht in den Sinn zu kommen. Ein weitere Beispiel: „Der Einfluss der Ultras auf die Geräuschkulisse beim Fußball hat aber nicht nur positive Aspekte. Mit Ausnahme der Anhänger von SC Freiburg und Mainz 05 kommen aus dieser Ecke oft auch schlimme Beleidigungen oder die Aufforderung zu Gewalt.“ Mit Verlaub: Das ist albern und an den Haaren herbei gezogen. Pöbeleien und grenzwertige Schlachtgesänge hat es schon lange vor der Ultrakultur gegeben und wird es wohl auch noch danach geben.  All dies beschädigt den rundum positiven Eindruck des Buches nachhaltig. Denn dieses bietet das Portrait eines Menschen, der die so oft eingeforderte Zivilcourage bewiesen hat und von den Betroffenheitspredigern in Nadelstreifen bitter im Stich gelassen wurde. Prädikat: Lesenswert!!!

Der Zeuge von Lens
Tibor Meingast
Werkstatt Verlag
127 Seiten / 9,90 Euro

Fotos: Werkstatt Verlag

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