5vier.de Bücherecke Fußball – Das Wunder von Castel di Sangro

Von Andreas Gniffke

Joe McGinnis ist Amerikaner. Sein Erweckungserlebnis in Sachen Fußball hatte er mit stolzen 51 Jahren anlässlich der Weltmeisterschaft 1994 im eigenen Land, als er sich gewissermaßen über Nacht in einen fanatischen Fußballanhänger inmitten von Basketball, Baseball oder Footballfans verwandelte. Zwei Jahre später machte er sich auf in eine winzige Ortschaft in den italienischen Abruzzen, um für ein Jahr den wie durch ein Wunder in die zweite Liga aufgestiegenen Verein Castel di Sangro auf seiner abenteuerlichen Reise durch die Serie B zu begleiten.

Foto: Das baufällige Stadion in Castel di Sangro sorgt für zahlreiche Turbulenzen.

Die ca. 5000 Einwohner von Castel di Sangro, einem „Dorf von Schweinezüchtern, Trüffelsuchern und Kleinkrämern“, haben es nicht leicht. Ihr Leben ist geprägt von harter Arbeit und schlechtem Wetter, etwas Abwechslung verspricht lediglich der örtliche Fußballverein, dem die ganze Liebe der etwas verschrobenen Einwohner gehört. Und so war es tatsächlich so etwas wie ein Wunder, als es in einem dramatischen Entscheidungsspiel im Jahr 1995 gelang, in die zweite italienische Liga aufzusteigen. Dies stellt entsprechend höhere Anforderungen an Mannschaft und Umfeld und nicht jeder, allen voran der mysteriöse Sponsor und Bauunternehmer Rezzo, sieht die Entwicklung mit Freude. Mannschaft und Stadion entsprechen keinesfalls den Anforderungen des hochklassigen Profifußballs, die nur unter größeren Investitionen erfüllt werden könnten. Zu allem Überfluss erhält nun auch noch ein amerikanischer Schriftsteller und Journalist den Auftrag, die Mannschaft ein Jahr zu begleiten und den Blick der Weltöffentlichkeit auf das abgelegene Tal zu lenken.

Joe McGinnis, mit außerordentlich geringer Fußballerfahrung und großer Begeisterung und Idealismus ausgestatteter Journalist und Schriftsteller, muss aber bald erkennen, dass das Wunder nicht nur Begeisterung und Freude, sondern auch Skandale und Leid mit sich bringt. Nach einer ganzen Reihe von ernüchternden Beobachtungen und tragischen Erlebnissen, muss er sein romantisches Bild vom Fußball über Bord werfen. „Mir war klarer denn je, dass die sonntäglichen neunzig Minuten Fußball eine immer unbedeutendere Rolle in meinem Castel-di-Sangro-Abenteuer spielten.“ Oder um es mit den Worten eines Spielers zu sagen: „Es gibt keine Langeweile in der Seria B, außer in den 90 Minuten eines Spiels.“ Joe McGinniss gelingt es, zunächst ohne die notwendigen Sprachkenntnisse, das Vertrauen der Spieler und Einwohner zu erlangen. Über allem droht jedoch die ‚Società‘ unter Führung des geheimnisvollen Geschäftsmanns Pietro Rezza und seines Handlangers Gabriele Gravina. Dem Fremden dämmert es schnell, dass allzu neugieriges Nachfragen nach der Basis für den nahezu unermesslichen Reichtum Rezzas nicht ungefährlich zu sein scheint, wollte man nicht als elementarer Bestandteil eines Betonbauteils in einem der Bauprojekte der ‚Società‘ enden. Mit einer nach dem Aufstieg nahezu unveränderten Mannschaft und einer für Zweitligaspiele unbrauchbaren Stadionruine begann Castel die Sangro das Abenteuer, in dem zunächst auch die Heimspiele im weit entfernten Chieti ausgetragen werden mussten.

Die Spiele bilden das Gerüst für die mal lustigen, mal traurigen Aufzeichnungen des ’scrittore americano‘, der schnell jegliche Distanz zu den Geschehnissen rund um die Mannschaft verliert und zum größten Fan des merkwürdigen Aufsteigers wird. Ausführlich beschreibt McGinniss die allabendlichen Gespräche in der Trattoria von Marcella, die sich mütterlich um die zum Teil einsamen Spieler in diesem entlegenen Teil des Landes kümmert. Er beschreibt die Alltagsprobleme unterklassiger Fußballprofis, die zum Teil noch voller Hoffnung auf eine große Karriere in Castel di Sangro gestrandet sind und nun doch noch die große Chance in der zweiten Liga bekommen. Geführt werden sie von Osvaldo Jaconi, einem kauzigen Trainerveteran, an dem nahezu alle Errungenschaften des modernen Fußballs vorbei gegangen zu sein scheinen. Geprägt von Vorurteilen und einem mindestens latenten Rassismus scheitert so z.B. der Wechsel des talentierten Stürmers Joe Addo aus Deutschland in die Abruzzen. Je mehr McGinniss hinter die Kulissen des Vereins blickt, desto ernüchterter wird er. Die erhoffte Idylle von ehrlichem Mannschaftssport zerbricht zusehends. So versickert die großzügige Aufstiegsprämie in dunklen Kanälen, möglicherweise korrupte Schiedsrichter nehmen Einfluss und Transfers werden unter finanziellen, nicht sportlichen Gesichtspunkten abgeschlossen. Doch McGinniss hält seinem Verein trotz aller Widrigkeiten und Tragödien die Treue, vor allem weil die Freundschaft zu einigen Spielern und den sympathischen, wenn auch reichlich merkwürdigen Bewohnern von Castel di Sangro sein Herz gerührt haben.

Wären die Aufzeichnungen von Joe McGinnis ein Roman, würde man ihm mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die völlige Überzeichnung der einzelnen Charaktere und eine an den Haaren herbeigezogene Handlung vorwerfen. Es ist kaum zu glauben, dass all die beschriebenen Ereignisse sich tatsächlich in einer Saison mitten in einem entlegenen Abruzzendorf abgespielt haben könnten. Das Buch fügt sich ein in eine ganze Reihe von Saisonberichten teils höherer, teils niedrigerer Qualität. Zu nennen wäre die herausragende Darstellung von Tim Parks‘ Saison mit Verona oder das literarisch deutlich anspruchlosere Buch vom ehemaligen Schmidt-Adlatus Manuel Andrack über sein Jahr mit dem FC. McGinniss ist ein präziser Beobachter und die wöchentlichen neunzig Spielminuten spielen in seinem Buch eine zunehmend untergeordnete Rolle. Die Bühne ‚Castel di Sangro‘ ist sehr klein und auch der Leser schließt die meisten Bewohner und Spieler mit all ihren Alltagsproblemen schnell ins Herz. Etwas problematisch ist dagegen oftmals die Übersetzung von Harald Hellmann, der sprachlich zwar gute Arbeit abliefert, aber in fußballspezifischen Details gelegentlich dramatisch daneben liegt.

Joe McGinniss

Das Wunder von Castel di Sangro. Ein italienisches Fußballmärchen

Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-03958-0

Paperback, ca. 512 S., 9,95€

Manuel Andrack

Meine Saison mit dem FC. Ein Bildungsroman. Ein Reiseroman. Ein Liebesroman

Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-03584-1

Paperback, 245 S., 9,90€

Tim Parks

A Season with Verona: Travels Around Italy in Search of Illusions, National Character and Goals

Zur Zeit nur in der englischen Version lieferbar

Fotos: Stadio Castel-di-Sangro interno by Dario Riccio, cc-by; Cover: Verlag

Stichworte:

Kommentare (2)

Antworten | Trackback URL | RSS

  1. Lucky sagt:

    Super Artikel! Ich hab die Bücher auch und werde mir die wieder vornehmen. Gute Bücher kann man auch mal zweimal lesen.

  2. M. Köbler sagt:

    Hallo Andreas,

    da Du es gerade unten erwähnst: Das Buch „Eine Saison mit Verona“ von Tim Parks ist eigentlich einen eigenen Artikel wert. Ich habe die deutsche Auflage bei mir zuhause. Das Buch ist einsame spitze.

    Grüße, Köbi

    Anm. d. Red.: Hallo Köbi! Das ist absolut richtig und steht auch auf meiner Agenda. Hoffentlich gibt es bald eine neue Auflage! Grüße, Andreas

Antworten

Wir freuen uns über Kommentare und möchten allen Lesern die Möglichkeit geben, kritisch zu den Themen und Artikeln Stellung zu beziehen und ihre Meinung kundzutun. Wir behalten uns das Recht vor, jeden Kommentar vor Veröffentlichung redaktionell zu überprüfen und nur Kommentare freizuschalten, die sich sachlich mit dem Thema des Beitrags beschäftigen.
Spielregeln