Aktuelles: “Kein Kavaliersdelikt” – Olaf Blaschke im 5vier.de-Interview

„Wenn sich niemand mehr an die Regeln hält, kollabiert das System“ – oder: „Ist doch alles nicht so schlimm“? Die öffentliche Reaktion auf die Plagiatsaffäre um Verteidigungsminister Guttenberg könnte nicht unterschiedlicher ausfallen. 5vier-Redakteur Matthias Spieth sprach mit dem Trierer Historiker Olaf Blaschke über Plagiat und Urheberrecht, Verdachtsfälle in studentischen Arbeiten und die Folgen der ‚Guttenberg-Affäre‘.

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5vier: Herr Dr. Blaschke, wenn Sie sich das hier einmal ansehen möchten…

Blaschke: (lacht) Das kenne ich schon. Inzwischen gibt es sogar Miniaturtastaturen nur mit “Strg”, “C” und “V.“Man könnte allgemein sagen, dass die ganze Sache ein erstaunlich hohes Maß an Kreativität freisetzt.

5vier: Die FAZ zitiert den SPD-Bundestagsabgeordneten Lauterbach wie folgt: “Man kann das Prüfen an den Universitäten einstellen, wenn das Argument, es gebe Wichtigeres, Schule macht. Ein solches Argument ist sogar geeignet, dem Rechtsstaat in die Kniekehlen zu treten.” Sind das nicht sehr gegensätzliche Reaktionen?

Blaschke: Nein, ich finde, beide vertreten die Idee, dass man gegen diese Tat vorgehen muss. Lauterbach ist ja Doktor und spricht gewissermaßen auch für das akademische Feld. So ginge es nicht. Selbst jeder, der sich bei Ebay einen Scherz erlaubt, kann das erkennen. Die Reaktion bei meinen Studierenden ist dieselbe wie bei Herrn Lauterbach, ich sehe da einen breiten Konsens.

5vier: Ist Lauterbachs Behauptung, die Banalisierung von Plagiaten sei ein Vergehen am Rechtsstaat, nicht ein wenig übertrieben?

Olaf Blaschke, Universität Trier

PD Dr. Olaf Blaschke, Uni Trier

Blaschke: Nein, warum? Paragraph 132 des Strafgesetzbuchs ahndet das unrechtmäßige Führen von Titeln mit einem Jahr Freiheitsstrafe, andere Paragraphen befassen sich mit der Erschleichung von Titeln. Autoren sind Urheber schöpferischer Leistungen und haben Rechte. Ihr geistiges Eigentum muss vor Raubzügen geschützt werden – man kann dagegen klagen! All das hat mit einem Rechtsstaat zu tun und nicht nur mit Anstand.

5vier: Widerlegen Sie doch einmal folgende These: “Das ganze ist halb so schlimm, denn Abschreiben tut ja jeder mal.”

Blaschke: Darauf würde ich entgegnen: Eine Doktorarbeit ist ein Beitrag zum akademischen Diskurs. Das Wissenschaftssystem funktioniert nach bestimmten Regeln. Dazu gehört das Gebot der Originalität und die Nachweispflicht. Verstöße dagegen haben fatale Folgen. Wenn sich niemand mehr an die Regeln hält, kollabiert das System. In Nordrhein-Westfalen muss ein Student 50.000 Euro Strafe zahlen, wenn er plagiiert hat! Das ist kein Kavaliersdelikt.

5vier: In einem Brief an die Uni Bayreuth hat Guttenberg die Rückgabe seines Doktortitels angeboten. Ist er damit aus dem Schneider?

Blaschke: Das ist die Flucht nach vorne. Man kann den Doktortitel überhaupt nicht zurückgeben. Schliesslich promoviert man ja auch nicht, sondern wird promoviert – der Titel wird also vergeben. Deshalb kann der Doktortitel auch nur wieder entzogen werden (Anmerkung der Redaktion: Dies ist inzwischen geschehen).

5vier: Was verwundert: Die Dissertation wurde zunächst ja so angenommen, wie sie war. Warum hat niemand etwas bemerkt?

Blaschke: Das hat etwas mit den Betreuungsrelationen zu tun. In den Sechzigern hat ein Doktorvater vielleicht zwei bis drei Doktoranden hervorgebracht – während seiner gesamten Laufbahn. Heute sind es oft drei im Jahr. Parallel dazu muss er ein Vielfaches an Abschlussarbeiten betreuen, hat permanent einen Riesenstapel Qualifikationsarbeiten auf dem Schreibtisch, der quasi im Schnellverfahren bewältigt werden muss. Das kann man nicht pauschal und ohne Verdachtsmoment auf mögliche Plagiatsfälle prüfen. Wir merken hier natürlich schon, wenn jemand im dritten Semester sich plötzlich einer ungewöhnlich geschliffenen Sprache bedient – und im nächsten Absatz ein Absturz voller Kommafehler folgt. In solchen Fällen prüfen wir. Die vorliegende Arbeit war aber offensichtlich geschmeidig genug, erst gar keinen Verdacht aufkommen zu lassen.

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"Mehr Täter, mehr Tatwaffen": Plagiat im Zeitalter von Copy & Paste

5vier: Man darf annehmen, dass sich Plagiatsfälle nicht auf Verteidigungsminister-Dissertationen beschränken. Wie häufig haben Sie es hier in Trier denn mit Plagiat in den Hausarbeiten von Studenten zu tun?

Blaschke: (lacht) Nein, nicht nur unter Verteidigungsministern. Die Häufigkeit lässt sich aber kaum beziffern. Etwa 40 Prozent aller Dozenten geben aber an, schon einmal ein Plagiat festgestellt zu haben – ist mir selbst schon untergekommen.

5vier: Ist da ein Negativtrend erkennbar?

Blaschke: Leider liegen keine belastbaren Daten darüber vor, ob Studierende heute häufiger plagiieren als vor 20 Jahren. Es besteht aber der Verdacht: Das Unrechtsbewusstsein ist gesunken, Informationen sind mit wenigen Mausklicks verfügbar und kopierbar. Die digitale Dignität ist nicht dieselbe wie bei einem alten Buch. Copy, Shake & Paste sind einfacher als Abschreiben. Es gibt mehr potenzielle Täter und mehr Tatwaffen. Ein Drittel aller Studenten gibt übrigens zu, schon plagiiert zu haben.

5vier: Hier in Trier?

Blaschke: Nein, das ist eine allgemeine Umfrage.

Analysebericht: Studentisches Plagiat in Deutschland

5vier: Sie selbst sind Plagiatsopfer – erläutern Sie das doch einmal genauer.

Blaschke: Inzwischen ist das ganze ja schon zwölf Jahre her. Aus meiner Doktorarbeit über “Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich” hat ein ausländischer Professor wesentliche Elemente wörtlich und strukturell übernommen, ohne korrekte Referenz, und sie in seinem fast gleichnamigen Buch veröffentlicht. Man fühlt sich natürlich beklaut, wenn derjenige im Fernsehen sagt: “Dieses Buch ist von europäischer Bedeutung” – und dabei sein eigenes meint, obwohl ich die Dinge selbst geschrieben habe. Das irritiert gewaltig. Es gibt ein Zitat von Theodor Fontane: “Über Plagiate sollte man sich nicht ärgern – sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller Komplimente.” So habe ich es damals natürlich nicht empfunden (lacht).

5vier: Muss Herr Guttenberg zurücktreten?

Blaschke: Seiner Glaubwürdigkeit und dem Vertrauen in die Politik täte es sicher gut. Er hat sich doppelt vergangen – zum einen gegen das Wissenschaftssystem, das nach dem Code wahr/unwahr beziehungsweise redlich/unredlich funktioniert – zum anderen als Jurist, in einem System, das nach dem Code „Recht/ Unrecht“ funktioniert und sich auf die Seite des Unrechts gestellt. Beides kollidiert mit seiner Außendarstellung als jemand, der besonders authentisch sein möchte. Als Politiker arbeitet er aber in einem System, in dem wahr/unwahr als Code nicht entscheidend ist – in der Politik geht es vorrangig um das Treffen kollektiv bindender Entscheidungen. Und auf dieser Ebene könnte er durchaus weiter funktionieren. Wir müssen abwarten, was passiert.

Für uns Dozenten ist das beste an der Guttenbergaffäre, dass sie ein Lehrstück für alle Studienanfänger bietet: Sie ruft den Wert schöpferischer Eigenleistung in Erinnerung und zeigt die Folgen auf, die der unzulässige Gebrauch fremden geistigen Eigentums nach sich zieht. Der Fall wirkt besser als jedes Proseminar. Ich bin gespannt, ob sich künftig noch jemand traut, sozusagen „den Guttenberg“ zu machen.

5vier: Herr Blaschke, Vielen Dank für das Gespräch.

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Kommentare (1)

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  1. HabAuchMalStudiert sagt:

    Ich habe die Affäre jetzt in verschiedensten Kreisen diskutiert und meiner Ansicht nach hätte Guttenberg sofort seinen Fehler eingestehen und zurücktreten müssen.

    In Zeiten, in denen Plagiate ohnehin mit einer Leichtigkeit behandelt werden, die geltenden akademischen Ansprüchen spottet, hat er kein gutes Vorbild abgegeben.

    Auf die Frage, wie er mit diesem Plagiat durchkommen konnte, gibt dieses Interview eine gute, wenn auch traurige, Antwort. Der Arbeitsaufwand unserer ProfessorInnen ist mit drei Dissertationen pro Jahr wirklich zu hoch!

    Copy/Paste plus zu wenig Betreuer = mehr Plagiate
    Eine traurige Rechnung.

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