Buntes: Alice im Anderland – Neues Theater Trier

Am vergangenen Freitag feierte die Theatergruppe Neues Theater Trier in der TUFA die Premiere ihrer Fassung von „Alice im Anderland“ von Stephan Altherr. Das düstere aber optisch sehr ansprechende Stück kam beim durchweg jungen Publikum sehr gut an.

Alice befindet sich nicht im Wunderland. Ganz im Gegenteil. Ihre Eltern sind vor ein paar Jahren bei einem tragischen Brand ums Leben gekommen, nur sie selbst konnte man aus dem Inferno retten. Allerdings behielt die kleine Alice einen psychischen Schaden zurück. Nun fristet sie ihr Dasein in einer Nervenheilanstalt, mal mehr mal weniger high, je nachdem was die Tablettenration vorschreibt. Als ein neues Medikament an ihr ausprobiert werden soll und sich die Dosis von Psychopharmaka für Alice ändert, kehrt sie langsam aus ihrem Rausch zurück in die „richtige“ Welt und mit ihr eine alte Bekannte: die Grinsekatze.

 Düstere Optik

Alice und die Grinsekatze

Zusammen mit ihr macht sich Alice (Sabine Lippert) erneut auf die Reise durch ihr düster gewordenes Wunderland, trifft dabei allerlei, im wahrsten Sinne des Wortes, verrückte Gestalten und muss sich schließlich dem ärgsten Feind des Wunderlandes stellen: der Herzkönigin.

Die malträtiert die Bewohner des Wunderlandes a.k.a. Insassen der Nervenheilanstalt mit rabiaten Heilungsmethoden, noch dazu geht ihr Herzbube wenig pfleglich mit ihnen um. Blaue Flecken und Blutergüsse sind da an der Tages- bzw. Nachtordnung, denn die Herzkönigin und ihr Bube erscheinen nur nachts auf der Bildfläche. Alice muss etwas gegen die Machenschaften der Herzkönigin unternehmen, schon alleine um an ihre neuen blauen Pillen zu kommen ohne die sie neuerdings schreckliche Kopfschmerzen plagen. Und nebenher muss der ganz normale Heilanstalts-Alltag weitergehen.

Die Raupe alias Kuvenee Sriskandarajah

Die Laientheatergruppe Neues Theater Trier, die mit einem Durchschnittsalter von schätzungsweise 24 Jahren eine wirklich junge Gruppe ist, schuf unter der Regie von David Ullrich eine Fassung von „Alice im Anderland“, die besonders durch ihre düstere Optik und ihren gekonnten Einsatz von Licht und Musik besticht. Regisseur Ullrich selbst bestätigte im Gespräch mit 5vier.de dass es ihm gerade um diesen Aspekt ging. Eine Botschaft als solche müsste jeder Zuschauer für sich selbst finden. Ihm ging es mehr um die düstere Grundstimmung, die im Stück mitschwingt.

Um diese noch zu verstärken, schrieb die Gruppe auch das Ende um. Generell entstand alles in Zusammenarbeit. Zwar verfolgte Ullrich in seiner Inszenierung eine gewisse Richtung, doch letztendlich wurde über alles demokratisch abgestimmt, auch die Rollenverteilung. Nur bei wenigen Entscheidungen musste der Geowissenschaftsstudent ein Machtwort sprechen. Die Inszenierung und auch die Arbeit seiner Schauspieler lief fast ohne Zutun in die gewünschte Richtung.

 Schauspieler mit viel Herzblut

Vom Schauspielerischen her betrachtet fällt auf, dass die jungen Leute mit Leib und Seele dabei sind, die Rollen sind treffend verteilt und keine bleibt hinter der anderen zurück. Da macht das Zusehen Spaß. Mit neckischen Einfällen und gutem Einfühlungsvermögen in die Rollen, bekommt jede Leben eingehaucht. So tänzelt die Grinsekatze (Lisa Höpel) lasziv über die Bühne, sodass sie zurecht den Spitznamen „Mein Kätzchen“ von Alice bekommt. Der Hutmacher (David Koppelberg) wirft sich beim Angriff hinter die Tische, die Raupe (Kuvenee Sriskandarajah) raucht in einem übergroßen Ganzkörper-Mantel Shisha und bläst dicke Rauchschwaden auf die Bühne.

Nur an wenigen, zu vernachlässigenden Details, erkennt der geübte Theatergänger, dass er es hier doch mit Laien zu tun hat. Da wirkt ein Lachen mal etwas gezwungen, manche Bewegungen sind ein wenig hölzern, Reaktionen teils überzogen, aber alles in allem sind dies zu verschmerzende Momentaufnahmen, die wenig über die eigentliche Inszenierung aussagen. Die ist nämlich wirklich gelungen und lässt mit viel Einfallsreichtum ein ganz eigenes Wunderland entstehen, das es behende schafft, zwischen Phantasiewelt und Irrenanstalt hin und her zu springen.

Brutaler Zwergenaufstand

Dieses Verwirrspiel ist es gerade, was den Reiz der Inszenierung ausmacht; so auch die Tragik dahinter. Der Gedanke, dass trotz aller Misshandlungen und Ungerechtigkeiten, es doch nur ein Zwergenaufstand bleiben kann, den die Insassen da anstreben, macht betroffen. Auch die tragischen Einzelschicksale und die teils absurden Reaktionen darauf, beispielsweise die Herzogin (Claudia Ruffler), die aus lauter Liebe ihr eigenes Kind ertränkt hat und nun stattdessen ein Kissen namens Kissbert durch die Gegend trägt und umhegt und umpflegt.

Oder das arme Kaninchen (Moritz Rehfeld), das als Bauernopfer herhalten muss, um an die Schlüssel der Herzkönigin (Shadi Rajabi) zu kommen. Als es letztendlich darum geht zusammenzustehen, um sich gegen die Königin zu behaupten, verfällt doch jeder nur wieder in seine eigenen Verrücktheiten: die Raupe versteckt sich in ihrem Cocon, der Köchin (Lisa Schönthier) brennt just in dem Moment etwas auf dem Herd an, die Herzogin muss Kissbert versorgen und der Kriegsversehrte humpelt von einem Schlachtfeld, auf dem ein taktischer Rückzug geraten war. Nur Alice und ihre Grinsekatze bleiben zurück, um sich dem Feind zu stellen. Dabei stellt sie sich nicht nur der Herzkönigin und ihrem brutalen Buben (Christian-Dominik Marx), sondern auch alten Feinden aus Kindertagen und dem Feind in ihr selbst.

Fazit: Ein düsteres Stück, eine tolle Optik, Schauspieler mit viel Herzblut: Eine lohnende Abwechslung zum professionellen Theater und zur heimischen Glotze. Weitere Vorstellungen am 28. und 29. Juni.

Fotos: Marco Piecuch

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