American Hustle: Was heißt schon echt

Kino in Trier - Auf 5vier.de

Zehn Oscarnominierungen, drei Golden Globes – American Hustle von Regisseur David O. Russell ist schon jetzt einer der meistdiskutierten Filme des noch jungen Kinojahrs 2014. Ein beeindruckender Cast und eine überbordende Lust am Erzählen in einem überspitzten 70er-Jahre Ambiente machen den Film zu einem echten Kinoerlebnis. Andreas Gniffke hat sich American Hustle im Trierer CinemaxX angesehen.

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Was ist echt, was ist nur Schein? Eine der zentralen Fragen des Oscarfavoriten American Hustle wird gleich zu Beginn geklärt. Irving Rosenfeld (Christian Bale) steht vor dem Spiegel und richtet gewissenhaft das schüttere Haupthaar. Kunstvoll wird ein Haarteil postiert und der Rest kreativ darüber drapiert. Der schöne Schein macht eben auch vor den Frisuren der illustren Darstellerschar nicht Halt. Neben Christian Bale, der sich für die Rolle mehr als 20 Kilogramm Speck angefuttert hatte, vergreift sich Regisseur David O. Russell (Silver Linings) auch an den Köpfen von Bradley Cooper (Minipli mit Lockenwicklern), Jennifer Lawrence (ein entfesseltes Vogelnest) und Amy Adams (die von ein paar gruseligen Dauerwellen abgesehen noch am besten davonkommt). An diesem Detail lässt sich bereits erkennen, wie wichtig Style und eine überdrehte 70er-Jahre Atmosphäre für einen Film sind, der unter dem Deckmäntelchen eines bereits hundertfach gesehenen Gangster-Versteckspiels eine stilsichere und tiefgründige Komödie bietet, die existentielle Fragen des Lebens aufwirft.

Irving Rosenfeld war schon immer jemand, der seinem Leben selbst auf die Sprünge geholfen hat. Der Besitzer einer Wäschereikette handelt nebenbei mit gefälschten und/oder geklauten Kunstwerken und haut leichtgläubige Kunden mit windigen Krediten übers Ohr. Auf einer Party lernt er die ehemalige Stripperin Sydney Prosser (Amy Adams, Die Muppets) kennen, die mit ihrem Charme und ihrem Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg die ideale Ergänzung für Rosenfelds Betrügereien ist. Er verfällt ihr mit Haut und Haar, denn die nur selten in verführerischen Rollen glänzende Amy Adams sieht mit umwerfendem Dekolleté wahrlich hinreißend aus. Dabei hat Rosenfeld bereits eine nicht weniger attraktive Gattin (Jennifer Lawrence, Die Tribute von Panem), die allerdings in ständiger Gefahr lebt, durch eigene Schusseligkeit das eigene Heim abzufackeln. Schließlich kommt der Arm des Gesetzes in Gestalt vom ehrgeizigen FBI-Agenten Richie DiMaso (Bradley Cooper, Hangover) den beiden auf die Spur und schlägt ihnen einen Deal vor. Anstatt in den Knast zu wandern, sollen sie ihm helfen, Korruption in den höheren Ebenen der Macht aufzudecken. Ein Plan, der sich schnell selbstständig macht und man stellt sich immer mehr die Frage, wer denn nun noch die Fäden wirklich in der Hand hält. Ständig wechseln die Konstellationen, man hat das Gefühl, jeder versucht den anderen übers Ohr zu hauen. Wie im richtigen Leben also. Lediglich dem charismatischen Lokalpolitiker Carmine Polito (Jeremy Renner, Das Bourne Vermächtnis) nimmt man ab, dass er stets zum Wohle seiner Stadt arbeitet und allen Menschen nur das Beste will. Es ist also kein Wunder, dass er der erste ist, dem es an den Kragen geht.

American Hustle wird zweifellos die diesjährige Oscarverleihung prägen, obwohl der Film ein echter Anti-Blockbuster ist. Er ist lang, vielleicht zu lang, verzichtet konsequent auf Action und erinnert zeitweise eher an ein Kammerspiel. In den Dialogen und seinem spielfreudigen Ensemble liegt aber eine ungezügelte Kraft, die durch atmosphärisch stimmige Bilder und einen tollen Soundtrack perfekt umhüllt wird. Christian Bale ist überragend als Kleingangster, der nach und nach die Kontrolle über sein Leben und vor allem seine beiden Frauen verliert. Jennifer Lawrence brilliert als vermeintlich naive Schönheit, die zwar Probleme mit der Bedienung der Mikrowelle hat, aber immer wieder überraschende Anfälle von Lebensklugheit aufweist. Amy Adams spielt neben Christian Bale den tiefgründigsten Charakter. Sie versucht ihre Träume zu leben und zieht dabei ihre Umgebung in einen Strudel von unvorhersehbaren Ereignissen hinein. Ihrem Charme ist einfach niemand gewachsen. Und Bradley Cooper spielt virtuos mit seinem Image als markanter Schönling, der hier zwar selbstbewusst, aber dann doch blauäugig in die Katastrophe steuert. Bis in die Nebenrollen hinein gewinnen alle Charaktere eine beeindruckende Tiefe, bei der die Geschichte dann doch nicht ganz mithalten kann. Die unzähligen Wendungen wirken manchmal etwas bemüht und sind längst nicht so verspielt wie die Dialoge. Um so überraschend ist dabei, dass die Grundzüge des absurden Plots tatsächlich so oder so ähnlich passiert sind. Im Rahmen der sogenannten Abscam-Operation gerieten 1978 zahlreiche Politiker unter Korruptionsverdacht und wurden auf abenteuerliche Art und Weise mit Hilfe eines vermeintlichen Scheichs überführt. Manchmal schreibt das echte Leben die unglaubwürdigsten Geschichten.

American Hustle läuft in Trier im CinemaxX und im Broadway.

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