Angemerkt, aufgemerkt – Die Geschichtchen zum Spiel SVE – Bochum II

Von Martin Köbler

Über neue Wege, erreichte Böden und Spiegelbilder

Kennen Sie Kleinblittersdorf? Waldalgesheim? Nein? Liebe Fans der Eintracht – es wird Zeit, sich mit diesen Orten auseinanderzusetzen!

Die Gemeinde Kleinblittersdorf befindet sich im Regionalverband Saarbrücken, hat eine Fläche von etwas mehr als sieben Quadratkilometern und knapp 2.500 Einwohner – etwa soviele, wie noch im Frühjahr zu den Heimpsielen des Trierer Traditionsklubs pilgerten.
Das beschauliche Waldalgesheim befindet sich im Landkreis Mainz-Bingen und zählt etwa 4.000 Einwohner – der Absteiger aus der zweiten Liga, Rot-Weiß Ahlen, wäre über solch einen Zuschauerschnitt bei seinen Heimspielen sehr froh gewesen.
Oder sagt Ihnen Püttlingen etwas? Schon eher? Klingelt es? Rossbach?
Ah! Jetzt dürfte der Groschen gefallen sein. Diese netten Ortschaften sind alles Ziele der dann neu zusammengestellten Mannschaft von Eintracht Trier und ihren Fans – der im saarländischen Kleinblittersdorf angesiedelte SV Auersmacher überrascht derzeit sogar die ganze Oberliga Südwest, da man als Aufsteiger momentan auf Tabellenplatz fünf rangiert – und noch rechnerische Chancen auf den Aufstieg in die vierte Liga hat.
In Waldalgesheim treibt auf dem „Sportplatz an der Waldstraße“ die hiesige SV Alemannia ihr Unwesen und belegt momentan ebenfalls nicht minder überraschend den neunten Tabellenrang.
Und wer vor zwei Jahren gedacht hat, nie wieder zu einem Pflichtspiel der Eintracht nach Püttlingen zu den Sportfreunden Köllerbach fahren zu müssen oder dass Begegnungen mit dem SV Rossbach aus dem beschaulichen Wiedtal allenthalben im Rheinland-Pokal stattfinden könnten, der sieht sich spätestens seit gestern Abend 20.47 Uhr getäuscht.
Willkommen in der Wirklichkeit, Eintracht Trier.

Foto: Das Flaggschiff der Region vor dem Aus – und vor den Toren von Kleinblittersdorf und Waldalgesheim.

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Glaubt man den einschlägig bekannten Wörterbüchern und Internetlexika, so wird man unter dem Eintrag „Spiegelbild“ etwa die folgend aufgeführte Umschreibung finden: „Das Spiegelbild gibt sowohl Längen als auch Winkel wahrheitsgetreu wieder – dabei ist allerdings die die zugewandte mit der abgewandten Seite vertauscht. Dadurch wechselt die Händigkeit. Wenn sich der Beobachter in die Lage seines Spiegelbildes versetzen möchte, so erscheint es ihm, als ob rechts und links vertauscht wären – alles erscheint im Wortsinne spiegelbildlich. Es liegt also nahe, die falsche Händigkeit als eine Vertauschung von rechts und links zu interpretieren, was dann zum scheinbaren Widerspruch führt, dass im Gegensatz dazu oben und unten nicht vertauscht wird. Um in diesem Bild zu bleiben, kann man formulieren, dass der Spiegel nicht links und rechts, sondern vielmehr vorn und hinten vertauscht.“

So – diese Erläuterungen erstmal sacken lassend, möchte ich auf das gestrige Spiel der Trierer Eintracht gegen den VfL Bochum II zu sprechen kommen – der Partie, in dem das Flaggschiff der Region zum ersten Mal in ihrer über 105jährigen Vereinsgeschichte in die fünfthöchste Spielklasse des deutschen Fussballs abstieg.

War es nicht so, dass die angesprochene Begegenung des gestrigen Abends ein sprichwörtliches „Spiegelbild“ der nun ablaufenden Saison war? Denken wir mal zurück – der 2. August, Pokal-Erstrundenpartie gegen Hannover. Nahezu jeder im Stadion ist sich sicher, dass die Eintracht keine Chance haben wird gegen den haushohen Favoriten aus dem noch viel höheren Norden der Republik – es kam anders. Martin Wagner, Josef Cinar und Sahr Senesie besiegelten die Sensation in Runde Eins des DFB-Pokales 2009/2010 schlechthin – um nur zwei Wochen später im Saarbrücker Ludwigspark mit einer mannschaftlich geschlossenen Leistung den erst zweiten Pflichtspielauswärtssieg einer Trierer Mannschaft in der saarländischen Landeshauptstadt besiegelte. Alles lief – und spätestens nach dem fast schon legendären 4:2-Sieg nach Verlängerung gegen Arminia Bielefeld in der zweiten Runde schien es den Fachleuten in und um Trier, ja – vielleicht sogar im ganzen Westen Deutschlands – klar zu sein: Aufsteigen? Das wird dieses Jahr nur diese erfrischend aufspielende Mannschaft, diese Truppe, die im Achtelfinale des DFB-Pokales steht und in der Liga durch Tabellenplatz zwei Tuchfühlung zur Dritten Liga aufgenommen hat.

„Denkste!“ – was nützt die noch so gute Ausgangslage, wenn man sie nicht nützt? Es folgen Niederlagen an Niederlagen, Unentschieden hier, Remis dort, Punkteteilung in der Fremde und daheim. Gegner, die an der Eintracht ein Exempel statuierten und sie teilweise so schwindelig spielten, dass die Mannschaft teilweise nicht mehr wusste, wo oben und unten war  – der Absturz auf Tabellenplatz 8 – 12 – 13 – 15 – 16 – 18. Tiefer geht es nicht.

„Tiefer geht es nicht!“ – dieser Satz, er war gestern in den Gespächen vor dem Spiel zu greifen, zu spüren – er hing wie das sprichwörtliche Damokles-Schwert donnernd über dem Himmel des Moselstadions. „Tiefer geht es nicht!“ – fünfte Liga, der absolute Boden scheint erreicht.
Doch wie am Anfang der Saison, als man als „David“ in das Pokalspiel gegen „Goliath“ Hannover 96 ging, kam es am Anfang der Partie ganz anders. Es schien fast so, als ob die Mannen in Blau-Schwarz den Fussball neu erfunden hätten – ja, man ist getrost zu sagen, dass sie ihn wiederentdeckt haben. Spielzüge, die in ihrer Art und Weise den Augen der geneigten Eintracht-Fans viel zu lange verborgen blieben, reihten sich aneinander.  Doch – das Tor schien wie vernagelt. Pfosten, knapp vorbei – und, das soll nicht verschwiegen werden, jede Menge Unvermögen. Und plötzlich, in der Halbzeit, auf dem Weg zur obligatorischen Erfrischung aus Speis‘ und Trank, hört man sie wieder tuscheln, die Experten an den Bierständen in der Ostkurve und an den Theken im NullFünf: „Ein Dreier, bei der Leistung – vielleicht geht ja dann noch was!“. Die Eintracht dominierte also eine Partie, die nahezu jeder der anwesenden 1.370 Zuschauer schon im Vorfeld abgehakt hatte – Pausenstand 0:0, eine gute Ausgangslage – zumindest für die restlichen 45 Minuten.  Es schien fast so, als ob – hier muss nun das Lexika wieder herhalten – „rechts und links vertauscht wären“, als ob nichts war wie in den letzten Wochen, als sich Lustlosigkeit und Kampfesunlust mit Resignation zur bitteren Mischung „Eintracht Trier im Jahre 2010“ vereinten.

Der erste Angriff  in der zweiten Hälfte sorgte dann jedoch rasch für Ernüchterungt – 0:1, wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen, dem Boden der sportlichen Existenz der Eintracht, der nun endgültig erreicht zu sein scheint.  Was sagt noch mal unser Wörterbuch? „Um in diesem Bild zu bleiben, kann man formulieren, dass der Spiegel nicht links und rechts, sondern vielmehr vorn und hinten vertauscht.“ Ja, da hat es abermals Recht. Denn will man die „Eintracht an der Spitze sehen, so muss man die Tabelle drehen!“ – vorn und hinten sind erbärmlichst vertauscht worden. Anfang Oktober noch im Dunst der Dritten Liga, Anfang Mai mit beiden Beinen in der voll Bedeungslosigkeit strotzenden fünften Liga, der Oberliga Südwest.

Doch so ein Spiegelbild, es sorgt nicht nur für geometrische Verwirrung ob der fließenden Übergänge des „Links“ und „Rechts“ – es soll in erster Linie dazu dienen, sich selbst zu betrachten. Sich anzuschauen, in welcher Verfassung man sich gerade befindet.

Eintracht Trier muss ebendies nun tun – sich anschauen, neu bewerten, neu richten – alles tun, um zu verhindern, dass in der kommenden Saison nicht nur der Spiegel zu Bruch geht.

Schau‘ Dir in die Augen, Eintracht – und mach‘ es so, dass Dich Deine Anhänger bald wieder mit vor Freude glühendem Blick betrachten können.

Foto: Anna Lena Bauer

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