Angemerkt, aufgemerkt – die Geschichtchen zum Spiel SVE – Burgbrohl

Von Martin Köbler

Also ist die Eintracht aus Trier Rheinland-Pokalsieger. Mal wieder. Schon wieder. Zum vierten Mal in Folge können die blau-schwarz-weißen Mannen von der Mosel nun den silbernen Pokal des Fußballverbandes Rheinland in die Höhe recken und stehen damit ebenfalls zum vierten Mal in Folge in der ersten Runde des DFB-Pokals.

Kaum zu glauben, aber wahr – der in den vergangenen Wochen und Monaten so oft gescholtene Klub aus dem Südwesten Deutschlands ist damit republikübergreifend die erfolgreichste Vereinsmannschaft in den jeweiligen Landesebenen. Keinem anderen Verein sind hintereinander zwanzig Siege – denn die sind es seit dem gestrigen 2:1-Erfolg von Emmelshausen gegen die SpVgg Burgbrohl – gelungen, keine andere Truppe konnte vier Mal hintereinander den Verbandspokal gewinnen.

Doch sind wir ehrlich – wahre Freude kann im treuen Trierer Anhang darüber nicht aufkommen. Zu viel ist in den letzten Monaten passiert, zu viel ist kaputt gemacht worden. Zu eindeutig ist die Abschlusstabelle in der Regionalliga West, der der SV Eintracht-Trier 05 e.V. in der kommenden Saison nicht mehr angehören wird. Die Realität, sie lag gestern nicht auf dem hölzernen Bitburger-Siegerpodest in der Abenddämmerung des Hunsrücks. Nein. Sie lag in den Köpfen der Spieler, im Bewusstsein der Verantwortlichen und im Gedächtnis der Zuschauer. Letzter Platz, sang- und klanglos in die Fünftklassigkeit abgestürzt. Da ist der noch so schöne Pokal mit der goldenen Verzierung am Henkel geradezu ein mehr als schwacher Trost. Selbst Josef Cinar, Kapitän und Torschütze zum wichtigen 1:0 am gestrigen Abend, kann über den Pokalerfolg nur wenige Worte verlieren, spricht davon, dass die Saison „in den Sand gesetzt wurde“ und nun alles dafür getan werden müsse, diesen Verein wieder auf die Beine zu kriegen.

Immerhin – dem Verein ermöglicht der „Triumph“ über die gerade so in der Verbandsliga verbliebenen Burgbrohler einen sicherlich willkommenen Geldregen – mindestens 100.000 € wird der gestrige Sieg durch das damit verbundene Erreichen des DFB-Pokals in die maroden Kassen an der Mosel einspülen – ein kleiner Hoffnungsschimmer am wolkenverhangenen, dämmrigen Himmel über Emmelshausen.

Foto: Echt Freude oder nur gespielt? Auch der Verbleib von Sahr Senesie wird sich erst in den nächsten Tagen entscheiden.

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Schauen wir kurz zurück auf Mitte Juni des vergangenen Jahres. Eintracht Trier empfängt in Polch nahe Mayen den Oberligisten SV Rossbach zum dritten Rheinland-Pokalfinale in Serie. Über 2.400 Fußballbegeisterte der Region drängen sich auf der Sportanlage eng an eng zusammen, die – logischerweise – sich deutlich in der Überzahl präsentierenden Trierer Anhänger müssen sich rund um die ebenerdige Absperrung pferchen, während die überschaubare Fanschar der Wiedtaler auf einigen wenigen Stufen Platz nehmen darf. Ordner versperren die Sicht auf das Spielfeld, Kinder tollen gefährlich nahe am Spielfeldrand herum wie auf einem Dorfsportfest, in dem es um nichts wichtigeres geht, als am Kuchenverkauf möglichst viele Schwarzwälder Kirsch zu verkaufen. Unmittelbar nach dem wohl am schlechtesten organisierten Pokalfinale aller Zeiten erreicht sowohl den Fußballverband Rheinland als auch den Deutschen Fußball-Bund eine Protestwelle von wütenden Anschreiben, E-Mails und Anrufen ob der widrigen Bedingungen der so wichtigen Partie, in der es – wie allen bekannt – um nicht weniger als den Einzug in den lukrativen DFB-Pokal geht. Der Fußballverband gelobt Besserung – und hält sich daran.

Die Emmelshausener Sportanlage war für das gestrige „Event“ geradezu maßgeschneidert. Stehplatztribünen, Sitzplätze, erhöhte Presseplätze – und keine Zuschauer hinter den Werbebanden direkt am Spielfeld. Chapeau FVR, chapeau Bitburger Braugruppe! Aus Fehlern lernt man, und es ist schön, festzustellen, dass in der Tat auf die Bedürfnisse und Wünsche der Zuschauer eingegangen wird. So kommen wir – und Eintracht Trier sicher auch – gerne wieder, unter Umständen schon nächstes Jahr, wenn die Pokalserie des SVE weiter anhält.

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Also steht die Eintracht mal wieder vor einem Neuanfang. „Mal wieder. Schon wieder.“ Aber diesmal wird er, ganz im Gegensatz zu den propagierten „Neuanfängen“ 2005, 2006 oder auch 2007, mit Sicherheit wirklich vollzogen. Denn eine andere Möglichkeit besteht für diesen Verein ansonsten nicht. Wie heißt es so schön? „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“, formulierte einst Herrmann Hesse höchst zutreffend. Vielleicht ist diese grausige Saison, in der der rheinland-pfälzische Traditionsverein erstmals in seiner Vereinsgeschichte in die Fünftklassigkeit absteigt, nicht das von vielen vorausgesehene „Ende“ des Vereines. Vielleicht – ja, vielleicht – ist es schlicht weg und einfach ein Weg zur Selbstfindung. Buddhistische Mönche leben bekanntlich in strenger Askese, um den Weg zur Erleuchtung zu finden – abgeschnitten von sämtlichem weltlichen Besitz, ohne irdische Freuden und Ekstase. Vielleicht ist der Abstieg dieses Vereines – fernab von den Metropolen des deutschen Fußballs, von überbordendem Zuschauerinteresse und dem Mittelpunkt der bundesweiten medialen Betrachtung – ein Weg zu sich selbst. Denn was dieser Verein braucht, ist in erster Linie das, was ihm in den letzten Jahren am meisten gefehlt hat: Ruhe. Vielleicht war dieses Spiel am gestrigen Abend nicht das letzte Aufflackern eines gestrandeten Traditionsvereines – vielleicht war es ein Anfang. Ein echter Neuanfang.

Ja, vielleicht.

Foto: Anna Lena Bauer

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