Angemerkt, aufgemerkt – Die Geschichtchen zum Spiel SVE vs. Gladbach II

Von Martin Köbler

Leere. Trauer. Stille. Entsetzen. Diese vier Wörter drücken in ihrer allumfassenden Gesamtheit alles aus, was jeder Eintracht-Fan in diesen Wochen empfindet, wenn er oder sie an seine respektive ihre Mannschaft denkt. Die Leere im Kopf, keine Antwort auf die quälenden Fragen zu haben, wie es soweit kommen konnte – wie die Fieberkurve des SVE in der Mitte der Stadionzeitschrift von Spieltag zu Spieltag immer weiter abknickt und nun ihren finalen Boden erreicht hat.

Foto: „Hold your head up high!“, Herr Seitz – „irgendwie!“

Die Trauer, sich dessen bewusst zu sein, dass es auch anders geht: 2. Liga, knapp 11.000 Zuschauer gegen Frankfurt, Köln oder Saarbrücken. Berauschende Spiele, hart umkämpfte Auswärtspunkte, legendäre Partien wie der 4:3-Auswärtserfolg an der Wedau gegen den MSV Duisburg, die beiden Siege im RheinEnergie-Stadion zu Köln oder das viel umjubelte 3:2 beim Namensvetter aus Frankfurt.

Die Stille, die spätestens seit der Winterpause im Stadion herrscht. Waren vor noch gar nicht allzu langer Zeit selbst Fernsehreporter von bekannten deutschen Fernsehsendern von der Kulisse des Moselstadions beeindruckt („Groß ist dieses Stadion ja nicht – aber ich kann Ihnen sagen, liebe Zuschauer – die machen Lärm für 30.000!“), wirken die Anfeuerungen heutiger Tage wie ein schwaches Echo in einer tiefen, dunklen Schlucht – ein Echo, welches bald zu versiegen droht.

Das Entsetzen, das jedem auf den Tribünen widerfährt, wenn jahrelange Dauergucker bereits nach sechzig Minuten fluchtartig das Stadion verlassen beim Anblick einer kampfes- und leidenschaftslosen Mannschaft, die den Begriff „Abstiegskampf“ ad absurdum führt.

Es sind nur diese vier Worte, die ausreichen, um Eintracht Trier im Frühjahr 2010 zu beschreiben. Damals, in der zweiten Liga, war es bei jedem Spiel lieb gewonnene Gepflogenheit, den folgenden Gesang anzustimmen: „2010 – ihr werdet es schon seh’n! Wir holen den U-UEFA-Cup, und wir werden Deutscher Meister – Meister!“. Zugegeben, man hat damals nicht wirklich mit dem Erreichen des Europapokals rechnen können, geschweige denn mit dem Meistertitel. Doch auch selbst wenn der zweite Teil dieses in sämtlichen deutschen Stadien bekannten Gesanges nicht eintraf, der erste Part sollte Recht behalten. Wir werden es sehen. Wir sehen es im Moment. Wie im Jahr 2010 Eintracht Trier zum ersten Mal ihn ihrer 105jährigen Vereinsgeschichte mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in die fünfte Liga absteigen wird.

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Da ich gerade vom Singen spreche. Als Fußballfan – und als Anhänger von Eintracht Trier im Speziellen – durchlebt man manchmal Tage, an denen einfach alles irgendwie in einem kausalen Zusammenhang zu stehen scheint. Dinge, die objektiv betrachtet etwa soviel miteinander zu tun haben wie Wilko Risser mit Arjen Robben, ergeben plötzlich einen tief greifenden Sinn. Es scheint, als ob in gewissen Situationen alles auf einen Punkt zugeschnitten ist – was man sieht, was man liest –, und darauf möchte ich zu sprechen kommen: Was man hört.

Etwas mehr als eine Stunde vor dem Anpfiff der als „Abstiegsendspiel“ propagierten Partie gegen Borussia Mönchengladbach II erklingen aus allen Lautsprechern des Landes die folgenden Zeilen: „When you walk – through a storm – hold your head up high…!“. Der rheinlandpfälzische Radiosender RPR 1 spielt diesen Titel um 17:55 Uhr und erreicht damit jeden Fußballfan mitten im Herz. Dass dieser Titel gemäß den Schilderungen des Moderators im Ludwigshafener Sendestudio als moralische Unterstützung für den 1. FC Kaiserslautern ausgestrahlt wurde, der nur fünf Minuten später in sein mögliches Aufstiegsspiel auf dem Betzenberg ging, sei nur am Rande erwähnt. Denn wichtig ist dieses Lied für jene Fans der Eintracht gewesen, die noch auf dem Weg zum Stadion waren und diese Zeilen unter Umständen im Autoradio vernommen haben – denn: wenn nicht die Anhänger von Eintracht Trier zur Zeit durch einen Sturm wandern, wer dann? Wer außer den bemitleidenswerten Anhängern des blau-schwarz-weißen Traditionsvereines von der Mosel muss immer wieder in der Lage sein, die Köpfe trotz andauernder Erfolglosigkeit gegen den in die Gesichter wehenden Sturmböen zu halten? Wie dunkel ist der Himmel über Trier? Geht er überhaupt noch dunkler? Von der besungenen Lerche, die ihre goldenen Lieder an den irgendwann wieder goldenen Himmel zaubern wird, kann jedenfalls momentan keine Rede sein – wie auch? Was bleibt, ist die Hoffnung – die Hoffnung in den Herzen. Selbst, wenn die Spielzeit 2009/2010 hoffnungslos erscheint – irgendwann, ja, irgendwann kommen auch wieder bessere Zeiten. Und wenn das alle 2.500 Zuschauer denken, die am Freitagabend dem wahrscheinlichen Untergang in die Oberliga Südwest beiwohnten, wird Eintracht Trier weiterleben. Und das auch, obwohl nur 45 Minuten vorher die höllischen Glocken von AC/DC durch das Moselstadion hallten – vielleicht wäre es aber auch zutreffender gewesen, diese nach dem Ende der zweiten Halbzeit abspielen zu lassen. Denn was mit einem leisen Surren in den Ohren der Eintracht begann, kommt allen, die auch nur ein Fitzelchen Emotion für diesen Verein übrig haben, mittlerweile wie ein vorbeirauschendes Düsenflugzeug vor: die Stimmen der Hölle – sie sind nicht mehr weit.

Doch damit nicht genug – wer denkt, dies seien die einzigen beiden oben angesprochenen unwirklichen „Zeichen“ an alle Eintrachtler gewesen, der hat sich aber kräftig getäuscht. „Steh‘ auf, wenn Du am Boden bist, steh‘ auf – auch wenn Du unten liegst, steh‘ auf – es wird schon irgendwie weitergeh’n!“ verkündeten die „Toten Hosen“ durch die alten Boxen im weiten Rund an der Zeughausstraße trotzig im Anblick des herannahenden Kollapses. Ja, es wird schon irgendwie weitergeh’n. Einen Masterplan für das „Wie“ – welche Wege gegangen werden müssen, was getan und was geändert werden muss, den gibt es nicht. Noch nicht. Aber es gibt einen driftigen Grund, der das „Warum“ beantwortet: Es muss einfach weitergehen, weil es schlicht weg und einfach Leute gibt, die diesen Verein trotz all‘ seiner Tiefschläge, Rückschläge, negativen Schlagzeilen und Skandälchen lieben – die ihn leben. Man könnte – um es in der Sprache der Musik weiter ausdrücken zu wollen – sagen, dass ebenjene Menschen „geboren sind, um [die Eintracht] zu leben.“

Und auch in den Zeilen dieses Liedes – irgendwie zutreffend von der Gruppe „Unheilig“ verfasst – steckt soviel Wahrheit, soviel Tiefe rund um diesen verfluchten Verein von der Mosel drin, dass es einen schon fast in den Wahnsinn treibt. Hier nur eine kleine Auswahl, jeder möge sich sein eigenes Urteil darüber bilden – ich erlaube mir aber, an einigen Stellen Gedankenstützen einzubauen:

„Es fällt mir schwer, ohne Dich zu leben“ – „jeden Tag zu jeder Zeit, einfach alles zu geben.“ (Auswärts wie zuhause, Opfern fast jeglicher Freizeit) – „ich denk‘ so oft zurück, an das was war“ (Erfolge im DFB-Pokal, die Zweitligazugehörigkeit) – „an jenem so geliebten vergangenen Tag“ (Bernd Gritzmacher – weinend vor Freude am Pfosten des Hoffenheimer Tores kauernd nach dem Aufstieg in die zweite Bundesliga im Mai 2002) – „ich stell‘ mir vor, dass Du zu mir stehst und jeden meiner Wege gehst“ (und wie oft werden die Anhänger in dieser Annahme enttäuscht?) – „Wir war’n geboren um zu leben“ (mit der Eintracht) – „mit den Wundern dieser Zeit“ (Halbfinale im DFB-Pokal 1998) – „sich niemals zu vergessen, bis in alle Ewigkeit“ („Mir senn daobei, ganz egal, wat passeert!“) – „Wir war’n geboren um zu leben, für den einen Augenblick, als jeder von uns spürte, wie wertvoll Leben ist“ (Aufstiege, Klassenerhalte) – „Es ist mein Wunsch, wieder Träume zu erlauben, ohne Reue nach vorn, in eine Zukunft zu schau’n“.

Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass in besagtem Lied der Verlust einer geliebten Person besungen wird. Doch die Eintracht, sie wird nicht verloren sein. Auch in der Oberliga wird es Eintracht Trier geben. Auch gegen Gegner wie Waldalgesheim, Bingen, Auersmacher und Hasborn werden Zuschauer ins Moselstadion kommen.

Weil man aufstehen muss, wenn man am Boden liegt. Weil es immer noch irgendwo Hoffnung gibt. Und weil es Menschen gibt, die für diesen Verein leben.

* * * * *

Es dürfte so sein, dass auch er sich seine Mission in Trier um einiges leichter vorgestellt hatte. Roland Seitz wirkte nach seinem dritten Pflichtspiel mit dem neuen Tabellenletzten tatsächlich geschockt. Das hatte er nicht erwartet.

Seitz blockte auf der Pressekonferenz alle direkten Fragen zum Zustand seiner Mannschaft ab. „Haben Sie den Eindruck, dass diese Mannschaft seelenlos ist?“ Seitz: „Ich werde darauf jetzt keine Antwort geben.“ Auch zu einzelnen Spielern wollte sich der 45-jährige Fußball-Lehrer nicht äußern. „Dazu werden Sie von mir jetzt nichts hören – das gehört nicht hierher.“ Auch mehrmalige Nachfragen konnten den Oberpfälzer nicht zu einer Aussage verleiten. Es spricht für ihn, dass er sich auch und selbst in dieser Situation vor seine Spieler stellt. Denn was hätte er anderes sagen sollen, als diese Elf in Bausch und Bogen zu verdammen?

So schwieg er lieber – und das war auch gut so. Ein Fußball-Lehrer hat eben auch eine pädagogische Verantwortung. Der ist Seitz am Freitagabend gerecht geworden – auch wenn seine Spieler das in keiner Weise verdient hatten. Doch dieses Wissen hatte der 45-Jährige an diesem bitteren Abend tief in sich vergraben. Seitz ist Profi – hätten seine Spieler auch nur einen Hauch davon, die Eintracht stünde nicht dort, wo sie steht.

Deshalb konnte er auch nur sagen: „Ein Roland Seitz wird niemals aufgeben!“ Von seiner Mannschaft sprach er nicht…

Foto: Daniel Prediger

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