Bücherecke: Die wahre Geschichte hinter „Ziemlich beste Freunde“

Es gibt wohl kaum einen Filmfreund, der die französische Erfolgskomödie „Ziemlich beste Freunde“ noch nicht im Kino gesehen hat. Auch 5vier.de berichtete bereits über den herzerwärmenden Film, der die Geschichte eines vom Hals abwärts gelähmten Multimillionärs und seinem aus einfachsten Verhältnissen stammenden Pfleger erzählt. Zwischen beiden entwickelt sich trotz und wegen aller Gegensätzlichkeiten eine tiefe Freundschaft, die das Lachen wieder in das Leben des Gelähmten zurückbringt. Hinter dem Film steckt eine wahre Geschichte, die vor einigen Jahren der nach einem Paragliding-Unfall gelähmte Philippe Pozzo di Borgo in seinem Buch „Der zweite Atem“ erzählte. Anlässlich des Kinoerfolgs legt der Hanser-Verlag das Buch nun noch einmal neu bzw. in einer leicht aktualisierten Form auf. 5vier.de-Redakteur Andreas Gniffke hat es sich angesehen.

Über sechs Millionen Menschen haben allein in Deutschland „Ziemlich beste Freunde“ (im Original „Intouchables“) vom französischen Regieduo Olivier Nakache und Éric Toledano gesehen. Es ist den Verlagen in Frankreich und Deutschland nun sicherlich nicht vorzuwerfen, im Zuge des Erfolgs eine aktualisierte Version des Buches auf den Markt zu bringen, das die reale Geschichte einer der Hauptpersonen des Films erzählt, nämlich die des gelähmten Millionärs Philippe Pozzo di Borgo.

Ein Unfall im Jahr 1993 veränderte das Leben Pozzo di Borgos von einem Moment auf den anderen. Nach einem Absturz beim Paragliding blieb der Manager des Champagner-Giganten Pommery vom Hals abwärts gelähmt. Fast noch mehr als die Katastrophe, die aus dem lebensfrohen Mann einen Pflegefall machte, traf ihn der Tod seiner geliebten Frau Béatrice drei Jahre später. Die Liebe zu ihr und der Schmerz über ihren Verlust sind im gesamten Buch präsent und berührt den Leser zutiefst.

Während der Film sich auf die Freundschaft zwischen dem Gelähmten und seinem ungewöhnlichen Pfleger beschränkt, breitet Philippe Pozzo di Borgo in seiner Autobiografie ein ganzes Leben aus. Der neue Titel des Buches analog zum Film ist somit wohl der Marketingstrategie geschuldet, aber irreführend. Für die Neuauflage ergänzte Pozzo di Borgo das Kapitel „Der Schutzteufel“, das im Wesentlichen den Zeitraum umfasst, der im Film erzählt wird. Einige der beschriebenen Begebenheiten fanden Eingang in den Film, wo sich die Regisseure aber die künstlerische Freiheit nahmen, zu glätten und zu vereinfachen. Die Erinnerung fällt Pozzo di Borgo oft schwer, doch in aller Ernsthaftigkeit und in all dem Schmerz blitzt immer wieder ein subtiler Humor auf, der auch den Film zu einem besonderen Kleinod gemacht hat, auch wenn das Buch längst nicht so erfrischend und amüsant daherkommt wie der Film. Wesentlich präsenter als im Film sind die depressiven Stimmungen, die Schmerzen und die Hoffnungslosigkeit eines Mannes, der in dem Gefühl lebt, innerhalb kürzester Zeit Vergangenheit und Zukunft verloren zu haben.

Die besondere Freundschaft zu Abdel, dem Kleinkriminellen, den er als Pfleger in sein Haus holte, spielt natürlich trotzdem eine besondere Rolle. Abdel zeigt ihm, dass auch ohne Vergangenheit und Zukunft ein lebenswertes Dasein in der Gegenwart möglich sein kann. In einer Rede zu seinem 60. Geburtstag würdigt Pozzo di Borgo seinen „Schutzteufel“:

Ich danke Abdel, der mir seit meiner Entlassung aus dem Krankenhaus vor zwanzig Jahren zur Seite steht. Er war für mich da, als Béatrice starb, er hat mich und meine Kinder in diesen schwierigen Jahren begleitet, mir mehrmals das Leben gerettet und mich dann nach Marokko gebracht, wo ich Khadija [Pozzi di Borgos zweite Frau] kennengelernt habe. Ich habe die Lebenslust wiedergefunden.

Die großen Unterschiede zwischen Film und Realität werden in Abdel besonders offensichtlich. Zum einen durch Abdels Herkunft, denn er ist Algerier, während seine Filmfigur Driss Schwarzafrikaner ist. Zwar verschweigt auch der Film seine kriminelle Vergangenheit nicht, bleibt dabei aber vage und verharmlost die Realität im Dienste der Komödie deutlich. Abdel dagegen kann sich in der Autobiografie Pozzo di Borgos nur schwer von seiner Vergangenheit lösen. Er ist aufbrausend, gewalttätig und treibt weiter allerlei halbseidenes Geschäft, wobei er Pozzo di Borgo gelegentlich auch in seine Umtriebe hereinzieht. Das ist alles andere als lustig und im Vergleich zu Driss erscheint Abdel im Buch weit weniger sympathisch.

„Ziemlich beste Freunde“ ist ein berührendes und lesenswertes Buch, man sollte aber nicht mit der Erwartung herangehen, dass es ebenso beschwingt und fröhlich zugeht, wie im Film.

Fast zeitgleich mit der Neuauflage von Philippe Pozzo di Borgos Buch erschien auch die Biographie von Abdel Sellouh auf Deutsch, der in „Einfach Freunde: Die wahre Geschichte des Pflegers Driss aus ‚Ziemlich beste Freunde'“ seine Version der Geschichte erzählt.

Philippe Pozzo di Borgo
Ziemlich beste Freunde. Ein zweites Leben
Hanser, 256 Seiten, 14,90 Euro

Abdel Sellou
Einfach Freunde: Die wahre Geschichte des Pflegers Driss aus ‚Ziemlich beste Freunde‘
Ullstein, 256 Seiten, 9,99 Euro

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