Bücherecke Fußball: Von Ultras und Fans in der Midlife-Crisis

Das Stadion: Schmelztiegel der Gesellschaft, Anwälte und Akademiker stehen neben Handwerkern und dubiosen Gestalten fragwürdiger Herkunft. Alle sind gleich und stehen hinter ihrem Verein, egal ob alt oder jung. Eine herrlich romantische Sichtweise, die aber die Unterschiede in der Fan- und Zuschauerkultur des Fußballs verkennt. Und einiges hat sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert, was zwei gerade erschienene und auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Bücher verdeutlichen. Martin Thein und Jannis Linkelmann geben mit „Ultras im Abseits“ eine fundierte Analyse einer kontrovers diskutierten Jugendkultur heraus. Die Journalisten Volker Backes, Andreas Beune und Christoph Ruf beschreiben dagegen ein anderes Phänomen, nämlich den gealterten Fan mitten in der Midlife-Crisis. 5vier.de-Redakteur Andreas Gniffke hat sich beide Bücher angesehen.

Martin Thein und Jannis Linkelmann (Hrsg.): Ultras im Abseits?

„Porträt einer verwegenen Fankultur“ haben Martin Thein und Jannis Linkelmann ihr Buch überschrieben, in dem in 22 Aufsätzen versucht wird, einem Phänomen nahe zu kommen, das in der Öffentlichkeit mit großem Misstrauen beäugt wird und mit dem Stigma der Gewalt behaftet ist. Pyromanen und Gewalttäter, die für eine medial begierig aufgegriffene, durch Zahlen aber nur bedingt belegte Eskalation der Gewalt in deutschen Stadien verantwortlich gemacht werden. Doch ist es wirklich so einfach? Die Herausgeber sind Gründer des Instituts für Fankultur, in dem der Versuch unternommen wird, dem Phänomen Fußballfan durch unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze näher zu kommen.

Dieser Ansatz findet sich auch in „Ultras im Abseits wieder“, denn wer auf ein leicht zu lesendes Überblickswerk über die härtesten und kreativsten Szenen des Landes hofft, wird wohl enttäuscht werden. Es handelt sich um eine Sammlung von wissenschaftlichen Aufsätzen zum Thema, was das Buch vor allem im ersten Teil, der sich mit den Grundlagen der Ultrabewegung befasst, nicht wirklich leicht lesbar macht, wenn man im Wissenschaftsjargon nicht zuhause ist. Ein weiterer Nachteil besteht in der Tatsache, dass sich viele Basisinformationen häufig wiederholen, kaum ein Autor verzichtet zum Beispiel darauf, auf das Vorbild der italienischen Ultrabewegung hinzuweisen.

Doch arrangiert man sich mit dem manchmal etwas sperrigen Stil, eröffnet das Buch einen umfassenden Blick auf die Ultras, wie es bisher noch niemand geleistet hat. Zu Wort kommen Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen, Journalisten, Fußballfunktionäre, Polizeivertreter und eben auch Ultras, die Auskunft über ihre Beweggründe, Ideologie und ihr Verständnis des Fanseins geben. Beschrieben wird eine eigene Lebenswelt, die weit über den Support in den Stadien hinausgeht. Ultras sehen sich als kritische Fußballfans, die negative Entwicklungen sowohl im Verein als auch im Fußball selbst hinterfragen und häufig versuchen, direkten Einfluss auf die Entscheidungen im Verein zu nehmen, was fast unvermeidlich zu Konflikten führt. Man sieht sich als Bewahrer der Tradition, die im „modernen Fußball“ immer häufiger hinter kommerziellen Interessen zurücktritt. Derartige Verhaltensweisen als „politische“ Handlungen zu begreifen liegt nahe, dennoch pochen viele Ultraszenen darauf, unpolitisch zu sein. Verstanden wird dies meist in dem Sinne, dass politische Lagerbildung im Stadion keine Rolle zu spielen hat, was es erlaubt, Mitglieder jedweder politischer Gesinnung aufnehmen zu können, wenn diese den nötigen Einsatz für die Gruppe bereit sind zu leisten. Daneben gibt es allerdings auch zahlreiche Gruppen, die betont antirassistisch ausgerichtet sind, dazu auch noch einige Szenen, die man dem linken Lager direkt zuordnen kann, man denke nur an den FC St. Pauli.

Die bewusste Abgrenzung „Wir gegen die Anderen“ ist auf der einen Seite identitätsstiftendes Merkmal der Ultras, führt auf der anderen Seite aber auch zu Konflikten, nicht nur mit sportlichen Gegnern, sondern auch mit Ordnungskräften und häufig innerhalb des eigenen Vereins. Der Ruf nach der „freien Kurve“, also einem Maximum an Selbstbestimmung im Supportbereich des Stadions, scheitert oft an Stadionordnungen und Sicherheitskonzepten, Auseinandersetzungen sind vorprogrammiert. Eine Lösung, die alle zufriedenstellt, scheint aussichtslos zu sein.

Wer sich unvoreingenommen mit einer oft fremd erscheinenden Jugend- und Fankultur auseinandersetzen will oder gar seine eigenen Vorurteile wissenschaftlich fundiert hinterfragen möchte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Auch wenn nicht jeder Aufsatz ein prickelndes Lesevergnügen darstellt.

Volker Backes, Andreas Beune und Christoph Ruf:
Ohne Fußball wär’n wir gar nicht hier. Geschichten von Fans in der Midlife-Crisis

Nein, es ist wirklich nicht schön, wenn man alt wird. Man muss, um das festzustellen, nicht einmal so richtig steinalt sein. […] Nein, es reicht vollkommen, wenn man Ende 30 ist und so nach DIN-A-0-Norm vor sich hinatmet. Mit Job, Frau, Kindern, Hundkatzemauswellensittich. Das Blöde am Alter ist jedenfalls, dass man einfach keine Zeit mehr hat.

Vor allem nicht mehr für die schönste Nebensache der Welt, wie die Autoren Volker Backes, Andreas Beune und Christoph Ruf, allesamt Journalisten, in ihrer unterhaltsamen Geschichtensammlung „Ohne Fußball wär’n wir gar nicht hier. Geschichten von Fans in der Midlife-Crisis“ glaubhaft versichern. Zumindest der Blick auf das Spiel und seine Begleitumstände hat sich geändert. Man ist bequem geworden, müde, der Fanatismus der alten Tage ist dahin. Man könnte auch sagen: Man ist erwachsen geworden. Wie schon im Ultra-Buch deutlich wurde, hat sich schließlich auch einiges geändert in den deutschen Fußballstadien. Gemütliche Sitzplätze sind in einem gewissen Alter deutlich reizvoller als die Stehplätze mit der ständigen Gefahr, im Überschwang der Gefühle im Bierregen zu stehen. Die 26 Geschichten der drei Autoren stehen in keinem Zusammenhang, sie sind kurze „Sach- und Lachgeschichten“ (Klappentext), die auch qualitativ sehr unterschiedlich sind. Und auch nicht immer unbedingt etwas mit Fußball zu tun haben, was den Autoren manchmal aufzufallen scheint, denn sie versuchen in diesen Fällen am Ende dann noch einmal irgendwie die Kurve zu kriegen. So richtig interessiert habe ich mich für die vergeblichen Versuche von Volker Backes das Sportabzeichen zu erlangen aber nicht.

Die Geschichten sind immer dann stark und unterhaltsam, wenn man den Herren anmerkt, dass sie zwar Dinosaurier sind, die aus der Distanz den „modernen“ Fußball beäugen, aber im Herzen dann doch gerne wieder die alten Gefühle wiederbeleben würden. Klappt aber nicht, denn mittlerweile sitzen sie ja meistens auf der Pressetribüne, bekannt als absolute Stimmungsbastion. Auswärtsfahrten werden, wenn überhaupt noch angegangen, längst nicht mehr mit der nötigen Akribie vorbereitet wie in der Vergangenheit, selbst der Fußballgenuss im Fernsehen wird einem durch die neuen Sendeformate und Jahrmarktschreier verleidet. In den Stadien haben die Ultras das Stimmungszepter übernommen, und auch wenn die Autoren der jüngeren Generation mit größter Skepsis gegenüberzustehen scheinen, äußert Christoph Ruf dennoch Verständnis. Dabei kennt er beide Seiten, begleitete Polizisten bei ihren alles andere als angenehmen Einsätzen rund um die Fußballspiele, kann aber auch die Position der Ultras verstehen:

Er [der Fan bzw. Ultra] fühlt sich oftmals nicht mehr als Staatsbürger mit Rechten und Pflichten, sondern als potenzieller Schwerverbrecher, Teil einer Masse Mensch, von der man offenbar zu glauben scheint, dass sie sofort raubend und brandschatzend durch die Fußgängerzone ziehen würde, wenn sie nicht in engere Manndeckung genommen wird als Mario Gomez im gegnerischen Fünfmeterraum. Es ist Alltag, dass Fans stundenlang gefilmt werden, dass ihre Reiserouten zuweilen fleißiger beobachtet werden als die dreier junger Menschen aus Thüringen, die über Jahre hinweg reichlich ungestört Menschen umbringen konnten.

So schließt sich der Kreis. Aus den Ultras von heute, wie im Buch von Thein und Linkelmann beschrieben, werden irgendwann einmal mehr oder weniger frustrierte Fans in der Midlife-Crisis werden. Und wir haben gelernt, dass das alles andere als schön ist.

Martin Thein und Jannis Linkelmann (Hrsg.)
Ultras im Abseits? Porträt einer verwegenen Fankultur
Verlag Die Werkstatt, 1. Aufl. 2012, 272 Seiten, 14,90 € 

Volker Backes, Andreas Beune und Christoph Ruf
Ohne Fußball wär’n wir gar nicht hier. Geschichten von Fans in der Midlife-Crisis
Verlag Die Werkstatt, 1. Aufl. 2012, 160 Seiten, 9,90 €

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