Buntes: „Bitte, töte uns nicht!“: Der mysteriöse Traum eines Krimiautors

Von Alexandra Geissler

Freunde des (vor allem) schwedischen Krimis oder jene, die es vielleicht noch werden wollen, hatten am gestrigen Abend die Gelegenheit, einen der bekanntesten Autoren dieses Genres live zu erleben. Arne Dahl war in die Mayersche Interbook gekommen. Im Mittelpunkt stand sein vor kurzem auf Deutsch erschienenes Buch Opferzahl. Durch den Abend führte Renate Steffens.

Es wurde schlagartig mucksmäuschenstill als der Autor den Abend eröffnete und den Anfang seines Buches in der Originalsprache Schwedisch vorlas. Sicherlich ungewohnt für deutsche Ohren, sind wir es doch gewohnt alles synchronisiert oder eben übersetzt zu bekommen und wir vergessen dabei all zu oft, dass das, was wir vor uns haben, nicht der Text und die Sprache des Originals ist. Konzentriert lauschte das Publikum Dahl in der Hoffnung vielleicht doch etwas zu verstehen. Doch vergebens. Aber interessant und unterhaltsam was dieser kurze Ausflug ins Schwedische allemal.

Danach gab Renate Steffens eine Kostprobe aus der deutschen Übersetzung. Sie las das gesamte zwölfte Kapitel aus Opferzahl. Die Angst derjenigen Zuhörer, die den neuen Band entweder noch gar nicht kannten oder noch nicht soweit gekommen waren, war unbegründet. Arne Dahl meinte später, dieses Kapitel sei für die Lesung gewählt worden, weil es nicht zuviel über den Fortgang der Geschichte verrate, aber einen guten Eindruck von dem Vorgehen der Ermittler, der so genannten A-Gruppe, vermittle. Man merkte Renate Steffens deutlich an, dass sie „Vorlese-Erfahrung“ hat und noch besser, dass sie selber Freude daran hat. Das machte das Zuhören für die Anwesenden zu einem Vergnügen. Arne Dahl saß in seinem dunklen Anzug und Ringelshirt still neben ihr und wirkte etwas schüchtern. Konzentriert verfolgte er den Text im schwedischen Original.

Nach der Lesung hatte das Publikum dann die Gelegenheit dem „Meister“ Fragen zu stellen. Welch eine Möglichkeit! Die Zuhörer konnten auf Deutsch fragen, denn Arne Dahl kann Deutsch. Er kann es besser verstehen als sprechen, weshalb er lieber auf Englisch antwortete und Renate Steffens übersetzte. Aber das ein oder andere Mal versuchte er auch auf Deutsch zu antworten. Er taute schnell auf und man hatte durchaus den Eindruck, dass ihm die Begegnung mit den Fans Spaß macht.

So erfuhr man, dass Arne Dahl seine Informationen nicht direkt von anderen Personen, z. B. von der Polizei, erhält, sondern sich fast alles „erliest“. So auch für das aktuelle Buch Opferzahl. Sein Wissen über die Stockholmer U-Bahn hat er aus Bücher – aus sehr vielen Büchern. Erhellend waren auch die Ausführungen über die Entstehung von Efterskalv (so der Originaltitel des Buches). Eigentlich arbeitete Dahl 2005 an einem anderen Buch, als auf die Londoner U-Bahn die Terroranschläge verübt wurden und nicht nur England in Angst und Schrecken versetzten. Wie würde die schwedische Gesellschaft reagieren, was würde es für Auswirkungen auf sie haben, wenn die Bomben in der Untergrundbahn der Hauptstadt explodierten? Fragen, die den Autor dazu veranlassten, die Arbeiten an dem einen Buch zu unterbrechen, um dieses Szenario in einem Krimi mit der A-Gruppe zu verarbeiten. Fünf Monate hat Dahl gebraucht, das Buch zu entwerfen und zu planen, weitere fünf um es zu schreiben. Respekt!

Ursprünglich hatte Arne Dahl für die Krimireihe um die A-Gruppe zehn Bände geplant. Doch als er am zehnten und letzten Band schrieb (Himmelsöga ist noch nicht auf Deutsch erschienen), hatte er eines Nachts ein erstaunliches Erlebnis: Er erwachte mitten in der Nacht aus tiefem Schlaf und erkannte eine Gruppe von Personen, die um sein Bett herumstanden. Langsam formten sich die Charakteren der A-Gruppe aus den schemenhaften Gestalten. Dann erkannte er eine kleine, dunkelhaarige Frau: Kerstin Holm. Sie beugte sich zu ihm und sagte: „Bitte, töte uns nicht!“ Deshalb wird es noch einen elften Band geben. Was sagt uns das? Es fällt einem Autor (meistens) nicht gerade leicht, sicht von seinen Figuren zu trennen und ihnen mit einem letzten Buch den Todesstoß zu versetzen. Aber die Leser müssen auch nach dem Ende der A-Gruppe, was in Deutschland noch einige Zeit dauern wird, nicht auf Dahl-Krimis verzichten. Der Autor hat bereits den ersten Band einer neuen Reihe beendet. Und eines sei hier verraten: Manch eine lieb gewonnene Figur aus der A-Gruppe wird wieder mit von der Partie sein. Und noch etwas hat Arne Dahl die Zuhörer wissen lassen. Fünf seiner Krimis werden in zehn Episoden verfilmt und Ende dieses Jahres im schwedischen Fernsehen ausgestrahlt. Die deutschen Fans müssen sich vermutlich noch bis 2012 gedulden. Skepsis ist bei Literaturverfilmungen immer angebracht, und es stellt sich die Frage, ob man jeden erfolgreichen Krimi auch verfilmen muss. Arne Dahl scheint nach seinen ersten Treffen mit den Darstellern von dem Gelingen dieses Projekts überzeugt zu sein. Lassen wir uns überraschen.

Nun zum aktuellen Buch Opferzahl

Um 00:45 explodiert eine Bombe in einem Waggon der Stockholmer U-Bahn. Zehn Menschen sterben. Der Terror ist in Schweden angekommen. Es gibt einen Bekennerbrief einer Gruppe, die sich „Die heiligen Reiter von Siffin“ nennt.

Die schwedischen Behörden können das Kompetenzgerangel während der ersten Pressekonferenz nur schwer verbergen. Wer ist zuständig? Die Reichspolizei, die Sicherheitspolizei oder die „Spezialeinheit beim Reichskriminalamt für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter“? Diese ist nach dem letzten Fall Dunkelziffer schwer gebeutelt. Jan-Olof Hultin, das ehemalige Oberhaupt der A-Gruppe, schafft es dennoch, das Team an den Ermittlungen zu beteiligen. Diese scheinen durch das Bekennerschreiben in eine klare Richtung zu führen. Dies ändert sich, als nacheinander Mitglieder der „Heiligen Reiter von Siffin“ tot aufgefunden werden. Steckt doch jemand anderes hinter dem Anschlag auf die U-Bahn? Der Fall ist komplexer als gedacht. Wie könnte es bei Arne Dahl auch anders sein? Die Jagd nach Tätern und Hintermännern führt durch ganz Europa.

Wie wird dieser Fall für die A-Gruppe enden? Wird sie am Ende doch auseinander brechen?

Es braucht etwas Zeit in das Buch hineinzufinden. Doch wenn die Spurensuche endlich beginnt, fesselt es bis zum Schluss.

Wer also am Wochenende Zeit hat, sollte sich mit Opferzahl auf Balkon, Terrasse oder ins Café setzten und sich in die intensive Krimiwelt des Arne Dahl versetzten lassen.

Arne Dahl, Opferzahl
Piper-Verlag, 440 Seiten, 19,95 € (Hardcover)

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