5vier.de besuchte das HAUS TOBIAS – Emotions Vol V.

Am Samstag, 8. Dezember, ist es soweit: Die Big Band „Art of Music“ gibt ihr Benefizkonzert zugunsten des HAUS TOBIAS, einer integrativen Kindertagesstätte. Gesamtleiterin Susanne Fuchs beantwortete 5vier.de einige Fragen zum Haus und zum Benefizkonzert.

5vier.de sprach bereits mit Christian Botzet, dem musikalischen Leiter der Band und zwei Sängern, Daniel Bukowski und Thomas Kiessling, über ihre Arbeit und Intentionen beim Benefizkonzert. Doch wer befindet sich eigentlich auf der anderen Seite der Medaille? Wohin geht das gesammelte Geld? Wie wird es verwendet? Und was verbirgt sich hinter der Einrichtung mit Namen „HAUS TOBIAS“? Redakteurin Stefanie Braun sprach mit Susanne Fuchs, der Gesamteinrichtungsleiterin für die verschiedenen Häuser in Trier, darunter in Trier-West, Trier-Quint und in der Ortsgemeinde Thomm. Wir besuchten sie direkt vor Ort, im HAUS TOBIAS in Trier-Quint.

Susanne Fuchs mit Peter und Paul

Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes herrschaftliches Anwesen, stand es doch einst im Besitz der wohlhabenden Familie Krämer, Betreiber der alten Hüttenanlage. Adolpf Krämer baute es zur Hochzeit seines Sohnes, ganz in der Nähe des Schloßes. Lange Zeit stand es dann leer und verfiel so vor sich hin: „Man konnte den Himmel vom Erdgeschoss aus durch die Löcher in den beiden anderen Geschossen und in der Decke sehen“, weiß auch Susanne Fuchs zu berichten, als sie durch das Gebäude führt. 1992 wurde das Anwesen dann zur jetzigen Kindertagesstätte umgebaut, nachdem der Caritas-Verband sich für das unter Denkmalschutz stehende Gebäude entschieden hatte. „Der Bedarf für eine größere Einrichtung für Kinder mit Behinderung wurde immer dringlicher, man musste ihm gerecht werden.“ Das HAUS TOBIAS war die erste Einrichtung mit einer integrativen Konzeption in Trier. Insgesamt sieben Gruppen für Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren besuchen seit 1993 das Haus. Kinder mit und ohne Behinderung leben, spielen und lernen hier zusammen.

Zusammen leben, spielen, lernen

„Wir setzen auf feste Gruppenstrukturen, mit denen wir sehr gute Erfahrungen gemacht haben.“ Im Gegensatz zu dem Trend der offenen Gruppenstrukturen haben die Kinder bei diesem Konzept eine feste Kindergartengruppe, zu der sie jeden Tag gehen und an deren Regeln und Abläufe sie sich halten müssen. Bewegungen zwischen den Gruppen sind zwar möglich und auch erlaubt, allerdings müssen die Kinder sich bei der Gruppenleiterin abmelden. Genauso wie sie selbst sich „entschuldigen“ muss, wenn sie die Gruppe verlässt. „Kinder, und besonders Förderkinder, brauchen diese festen Strukturen. Verbindlichkeiten sind wichtig. Wir wollen den Kindern Verlässlichkeit und klare Strukturen bieten, ohne Freiheiten unsinnig einzuschränken“, so Susanne Fuchs. Dass Verbindlichkeiten und Regeln wichtig sind, da sie Sicherheit bieten, ist allgemein bekannt und leuchtet ein, doch trotzdem gibt es immer wieder Stimmen, die nach mehr Freiheit und Eigenständigkeit verlangen. „Wir möchten nicht jede Regel verbalisieren, die Kinder sollen über die jeweiligen Situationen selbst erlernen, was angebracht ist. Dafür versuchen wir, möglichst viel zu visualisieren. Die Visualisierung dient der größtmöglichen Selbstständigkeitsentwicklung.“

Visualisieren statt verbalisieren

Eigens dazu hängt in jeder der Gruppen ein Wochenplan; statt mit festen Uhrzeiten und genauen Wortlauten wird der jedoch mit Abläufen und Fotografien gefüllt. Um die Mittagszeit ein gut gefüllter Teller, darunter das Foto eines Hundes. >>Der Therapiehund kommt mittwochs nach dem Mittagessen<< heißt das dann beispielsweise. Mit den Geldern des letzten Benefizkonzertes wird dieses neue Projekt „tiergestützte Therapie“ finanziert. Immer fest dabei im Tagesablauf: Ankunftszeiten, Essenszeiten, Ruhezeiten, aber auch Aktivitäten wie gemeinsames Singen, Basteln, die „Bewegungsbaustelle“ oder Rausgehen. Ein Waldtag beispielsweise. Hier wird Integration spürbar. Etwas mit einer Rasselbande von körperlich und geistig nicht beeinträchtigten Kindern zu unternehmen, kann schon eine Herausforderung sein, doch was bedeutet es, mit einem oder mehreren beeinträchtigen Kindern in die Natur zu gehen? Da führt bei manchem schon der Gedanke ans Schuheanziehen zum Schweißausbruch. Peter beispielsweise wird sich niemals ganz alleine die Schuhe anziehen können, reinschlüpfen kann er, aber beim Zubinden wird er immer Hilfe brauchen. Das wissen die Eltern sowie die Erzieher und das merken auch die anderen Kinder. Doch hier zeigt sich der wunderbare „Neben“effekt des integrativen Programms: „Die moderne Ellenbogen-Mentalität wird ein Stück weit nivelliert, die Kinder sehen, dass jeder nach seinen individuellen Möglichkeiten handeln soll. Dass, etwas nicht zu können, kein Weltuntergang ist, sondern dass es darauf ankommt, auch gemeinsam, Lösungen zu finden.“ Kein falscher Ehrgeiz, kein unnötiger Wettbewerb, Stolz auf die eigenen Leistungen, statt Frust über Niederlagen und Rückschläge. Gerade heute eine ganz individuelle Coolness den eigenen Fähigkeiten gegenüber, die man in Zeiten von Burnout eher braucht, als eine Eins in jeder Hausaufgabenüberprüfung.

Stolz statt Frust – Wohlwollend und fordernd

Der Umgang der Kinder untereinander ist dabei ganz natürlich: „Kinder sind Erwachsenen ähnlich. Sie gucken erst mal viel, probieren Dinge im Umgang miteinander aus und dann orientieren sie sich daran, wie die Erwachsenen mit einem Kind umgehen. Die Haltung der Erwachsenen ist entscheidend: Wohlwollend, aber auch fordernd.“ Unter einem ähnlichem Motto stehen auch die Stücke, die man mithilfe des Benefizgeldes angeschafft hat, wie etwa das ebenerdige Klangglockenspiel; mehrere Klangsteine, die bei Berührung einen Ton von sich geben oder die Musikinstrumente. Die Kinder sollen sich und ihre Fähigkeiten ausprobieren. Als Susanne Fuchs das erste Mal von den Benefizkonzerten der Big Band hörte, dachte sie, „wie toll es doch wäre, wenn auch mal jemand für uns ein Benefizkonzert spielen würde“. Der Zufall war wieder mal glücklich: Auf der Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes trafen sich Fuchs und Botzet. Man unterhielt sich und kam schnell auf einen gemeinsamen Nenner. „Aus einem Kennenlernen ist ein Schätzenlernen geworden. Wir sind sehr froh, dass sich die Big Band auch dieses Jahr wieder für uns entschieden hat.“ Dieses Jahr werden auch erst mal drei ehemalige Kinder der Tagesstätte zu Gast sein, die befinden sich mittlerweile im Teenager-Alter und werden einige Fragen zu ihren Erfahrungen mit der Tagesstätte beantworten. Auch Frau Susanne Fuchs wird wieder dabei sein und freut sich schon das ganze Jahr auf diesen Abend. 5vier.de wünscht nicht nur ihr und den Ehemaligen, sondern auch den Musikern und den Künstlern einen schönen und gelungenen Abend.

Stichworte:

Kommentare (0)

Trackback URL | RSS

Antworten

Wir freuen uns über Kommentare und möchten allen Lesern die Möglichkeit geben, kritisch zu den Themen und Artikeln Stellung zu beziehen und ihre Meinung kundzutun. Wir behalten uns das Recht vor, jeden Kommentar vor Veröffentlichung redaktionell zu überprüfen und nur Kommentare freizuschalten, die sich sachlich mit dem Thema des Beitrags beschäftigen.
Spielregeln