Buntes: Aus der Dunkelkammer ans Tageslicht

Ein Hund raucht Pfeife. Eine Ziege trägt Brille.  Soldaten zwängen sich in eine Frachtkiste. Hunderte Trierer laufen mitten auf der zugefrorenen Mosel Schlittschuh. Das sind Szenen, wie sie der Berufsfotograf Lambert Hoevel vor über 100 Jahren eingefangen, und zugleich ein einzigartiges Bild vom historischen Alltagsleben der Moselstadt hinterlassen hat.

5vier.de-Redakteur Matthias Spieth hat sich im Stadtmuseum Simeonstift auf die Spuren von Lambert Hoevel begeben und besuchte eine ganz besondere Führung unter der Leitung von Dorothée Henschel.

Hoevel, über dessen Person selbst nicht viel bekannt ist, hat dieses Zeitzeugnis auf massiven Glasplatten hinterlassen, die dem späteren Rollfilmnegativ vorausgingen. „Es ist ein Glücksfall“, meint Dorothée Henschel, die an diesem Abend zur Vorführung im Stadtmuseum geladen hat, „dass Hoevels Fotoplatten erhalten geblieben sind. Sonst wären die meisten seiner Bilder wohl verloren gegangen.“  Die Qualität der Aufnahmen ist erstaunlich, zumal sie aus einer Zeit stammen, in der an Digitalfotografie, Nachbearbeitung und menschenwürdige Belichtungszeiten kaum zu denken war. Das Stadtmuseum fertigte mit Hilfe dieser Fotoplatten bereits in den achtziger Jahren Nachdrucke an. Nun wurden sie aus dem Archiv geholt und interessierten Trierern vorgeführt.

Zeitzeugnis und Schabernack

Dreierlei ist an Hoevels Fotografien bemerkenswert. Zunächst zeigen sie die porträtierten Menschen in ihrem beruflichen oder privaten Umfeld, und obwohl vor allem der eigene Status mit großem Stolz zur Schau getragen wird, dokumentieren die Porträts zugleich in vielfältiger Weise das Alltagsleben im historischen Trier. Das macht sie für Geschichtsinteressierte hochinteressant.

Die Aufnahmen geben aber auch vieles über die Eigentümlichkeit und den Humor der Abgebildeteten preis: Offenkundig mangelte es schon um 1900 nicht an Inspiration, sich bei allerlei Unfug ablichten zu lassen. So erhält man einen wunderbar subjektiven Zugang zu den fotografierten Personen, über die sonst ja kaum etwas bekannt ist.
Drittens ist es Hoevel selbst, dessen fortschrittliche Arbeit einiges über das junge Foto-Business verrät: So entwarf er Werbebanner, die dann im Hintergrund der Bilder zu sehen waren, fotografierte im Atelier wie auch vor Ort und bot seinen Kunden die Möglichkeit, in Leihkleidern vors Objektiv zu treten, wenn der eigene Besitz das nicht hergab – freilich nicht immer zum Vorteil der Kunden, denen der Anzug zu klein oder der Hut zu groß war.

Querschnitt durch die Trierer Bevölkerung

Die Porträts, häufig Gruppenaufnahmen, zeigen Menschen aus den unteren und aufstrebenden Gesellschaftsschichten: Arbeiter, denen Hoevel eigens Sonntagsstaat zur Verfügung stellte, um angemessen vor die Kamera zu treten. Einwandererfamilien, die mit Stolz ihr Gewerbe präsentieren. Euphorische Soldaten vor ihrer Reise nach China – es war die Zeit des Boxeraufstands, den das Kaiserreich eins mit einem Expeditionskorps niederschlug. Frauen, die sich beim Lesen, unbegleiteten Ausgehen oder Trinken ablichten lassen: Vielleicht ein Nachhall der ersten Frauenbewegung, die im 19. Jahrhundert begann?

Dorothée Henschel, die Kunstgeschichte und Medienwissenschaft studiert hat, konzipiert die Vorführung in Eigenregie, hat aber auch persönliches Interesse an Hoevels Fotografien: „Es wäre sicher reizvoll, darüber wissenschaftlich zu abeiten.“ Gerade die Identität der porträtierten Personen liegt noch völlig im Dunkeln. Vorrang hat aber ihre Dissertation über das Verhältnis von Kunst und Fernsehen.

Was aus Hoevel geworden ist, wissen wir nicht. Seine Spur verliert sich wenige Jahre nach der Schaffenszeit in Trier, sein bildliches Vermächtnis bleibt. Für eine Ausstellung reicht es indes nicht: Nach der Vorführung wurden die Bilder wieder ins Archiv gebracht. Dabei soll es aber nicht bleiben. Weitere Vorführungen sind geplant, sodass Hoffnung Chancen für alle besteht, denen das faszinierende Zeitzeugnis Lambert Hoevels bisher entgangen ist.

Bildnachweis: Die historischen Fotos von Hoevel wurden 5vier.de vom Stadtmuseum Simeonstift zur Verfügung gestellt.

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Kommentare (5)

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  1. Petra sagt:

    Ein schöner und interessanter Artikel, noch dazu wo ich im Besitz einer Originalaufnahme (Hochzeitsfoto) des Fotografen bin. Leider ist mir nicht bekannt, wer das Hochzeitspaar ist, aber es muss jemand aus der Familie sein, da sich das Foto im Nachlass der Schwester meines Großvaters befand, die letztes Jahr mit knapp 95 Jahren verstarb.

  2. jorni sagt:

    Wo muss ich mich anstellen, um so ein Damensattel-Faulenzen-Fahrrad mitsamt Tretesel-Chauffeur zu bekommen?

    Schöner Beitrag, btw 🙂

  3. Benni sagt:

    Als Sohn der Stadt drängt sich beim Anblick der Bilder eine Bitte nach mehr auf! 😉

  4. A. Bauer sagt:

    Ja, so ist es! Mehr Infos dazu:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Straßenbahn_Trier

  5. Lars Eggers sagt:

    Seh ich das da richtig auf dem letzten Foto? Trier hatte mal ne Straßenbahn…?

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