„Berlin Calling“ – Das erste Mal ist noch für lau

Am Mittwoch, 17. April, hatte das Stück „Berlin Calling“ Premiere im Studio des Theaters Trier. Die sollte zwar eigentlich im frisch, aber eben noch nicht fertig renovierten ehemaligen Forum stattfinden, dennoch war der Abend ein voller Erfolg.

Der erfolgreiche DJ Ickarus, mit bürgerlichem Namen Martin Karow, hat gerade ziemlich viel zu tun. Nächtelang tourt er durch die Clubs der Welt, heute in Frankreich, morgen in Russland. Nebenbei wartet sein zweites Album auf Fertigstellung, immerhin soll es ja „voll rocken“ und zudem die Kasse von ihm und seiner Lebensgefährtin füllen. Da braucht Ickarus, alias Matthias Stockinger, etwas um sich „fit“ zu halten. Doch die Tabletten, die er dafür nimmt, sind keine Vitamintabletten, und das Pulver, welches er sich durch die Nase zieht, ist kein Backpulver.

Versorgt wird er von Kumpel Klaus, gespielt von Tim Olrik Stöneberg, was seine Freundin Mathilde, eine starke Alina Wolff, generell nicht verneint. Nimmt sie ja doch ab und an gerne selbst mal was. Nur das harte Zeug, das muss nicht sein. Doch schon zu spät: Ickarus hat sich zusammen mit Groupie Jenny auf dem Klo eine Line und eine Tablette zuviel eingeschmissen. Das Resultat: Eine im Wahn durchzechte Nacht, eine Psychose und ein Aufwachen in einer psychiatrischen Klinik. Das Bleiben ist freiwillig, wie Prof. Dr. Petra Paul immer wieder betont, allerdings ist eine Wiederaufnahme erst nach zehn Tagen möglich. Ickarus bleibt erst mal, alles, was er braucht, sind eh sein Computer und sein Controller, „so’n kleines Ding mit Knöpfchen dran, zum Musikmachen“. Beides lässt er sich von seiner Freundin bringen. Das Album muss ja schließlich fertig werden. Und es muss rocken.

Melancholische Botschaft…

Doch schon bald wird es Ickarus zu verrückt mit seinen drogengeschädigten Mitinsassen, allen voran Crystal Pete, gespielt von Daniel Kröhnert. Er will mal wieder raus, Party machen, doch setzt sein Körper ihm klare Grenzen. Frau Prof.Dr. kann es nicht besser ausdrücken: „Jede Pille kann die Letzte sein.“ Schließlich treibt der DJ es zu bunt, Frau Prof.Dr. hat ihn satt, er soll seine sieben Sachen packen und gehen. Doch das natürlich nicht, ohne noch eine ordentliche Abschiedsparty geschmissen zu haben, denkt sich zumindest Ickarus. Schnell sind der Pfleger Alex und Crystal Pete eingeladen und alles besorgt, was man für eine richtige Party braucht: Alkohol, Prostituierte und selbstverständlich Drogen. Zuviel des Guten. Ickarus landet wieder in der Klinik, bleibt diesmal brav, macht die Therapien, bastelt an neuen, besseren Tracks, wird entlassen. Mit einem warmen Händedruck von der zufriedenen Prof. Dr. und mindestens genauso vielen Tabletten, wie er sonst genommen hat. „Nicht eigenmächtig absetzen, die Dosis wird schrittweise verringert“, warnt die Ärztin noch mal, dann entlässt sie ihren Patienten zurück ins Nachtleben, wo Ickarus bald der alte Stress einholt.

Drogen, Partys, Entziehungskliniken, wer hier nun den erhobenen Zeigefinger in Richtung partygeiler Teenies erwartet und sich als vernünftiger Erwachsener in so einer Produktion fehl am Platze fühlen würde, der irrt. Die Moral von der Geschicht‘ ist hier nicht: „Drogen sind verlogen“, sondern eine viel alltäglichere, erschreckend nahe. Wie gehen wir mit Stress um? Wie können wir übertriebenen, ja lebensgefährlichen Ehrgeiz in Schach halten? Wer sich seinen eigenen Terminkalender anschaut, findet seine persönlichen Drogen: Erfolg, Bestätigung, Anerkennung.

Nach nichts anderem sucht DJ Ickarus; der Weg dazu führt über seine Musik, die zahllosen nächtlichen Auftritte, die niemals endende Party. Immer mehr leisten, bloß nichts absagen, das schafft er schon. Bei einem harten Programm helfen irgendwann nur noch harte Sachen. Freundin Mathilde hält den Egotrip nicht mehr aus, der Vater, gespielt von Michael Ophelders ist völlig überfordert, wie er es immer war. Thront er doch über allem, immer unerreichbar, immer beschäftigt. Die Schauspieler leisten viel in dieser Inszenierung, besonders körperlich. Vom Nachtclub in die Drogenklinik, vom DJ-Pult auf den Gymnastikball und wieder zurück in den Drogensumpf, in die Partyhölle. Da ist Bewegungseinsatz gefordert. Dabei schafft man es den richtigen Bogen zu schlagen, nicht sinnlos zu agieren, verstörend rum zu zappeln. Die Bewegungen sind hektisch, aber nicht daneben.

… versteckt hinter hartem Beat

Besonders eindrucksvoll die Ausbrüche und Verrücktheiten von Daniel Kröhnert als Crystal Pete, verzweifelt sucht er sein T-Shirt, stürzt sich weinend auf seinen Gymnastikball, ordnet seine Kleidung über den genervten Mit-Patienten. Ein besonders negatives Beispiel für die Folgen von Drogenkonsum und ein besonders positives Beispiel für eindrucksvolles und doch ausgewogenes Spiel.

Schön auch Alina Wolff, die in gleich drei Rollen zeigt, was sie kann. Beispielsweise als Groupie Jenny: Jung, dynamisch, drogenabhängig, ziellos, richtungslos, laut, abgestürzt. In selbst gedrehten Videos von Partyexzessen spiegelt sie jene Generation wieder, der man Alkoholverbote an volkstümlichen Feiertagen zu verdanken hat.

Daneben die besonnene Ärztin, deren pure Anwesenheit fast heilsam ist, mal wieder eine tolle Barbara Ullmann, aber das kennt man ja schon gar nicht mehr anders.

Der vollkommen überforderte Vater, auch sehr gut, Michael Ophelders. Der fürsorgliche, pädagogisch wertvolle Pfleger Alex, alias Tim Olrik Stöneberg. Fast eine seiner sympathischsten Rollen, Tiefen-entspannt, verantwortungsbewusst, zupackend, wenn es sein muss.

Regisseurin Britta Benedetti schafft hier ein rundum gelungenes Abschiedsstück, verlässt sie Trier doch nun. Frankfurt calling. Doch mit „Berlin Calling“ zeigt sie noch einmal ihr Talent für ausgefeilte Figuren und Fingerspitzengefühl für Situationen und Bewegungsabläufe. Sie lässt ihre Figuren in den Drogensumpf abrutschen und nicht die Geschichte dahinter.

Kein Moralstück, sondern eine kalte Analyse von Problemen, die Viele betreffen. Mit ausgereiften Ideen verdeutlicht sie rein körperliche Prozesse, wie etwa den Entzug von Ickarus, sehr gut dabei Matthias Stockinger, wie er etwa mit einem Leuchtstäbchen selbigen Entzug auf seinem T-Shirt nachzeichnet. Benedetti nutzt Musik- und Lichtelemente, ohne dass es billig oder aufgesetzt wirkt. Alles bleibt echt, nah dran.

Ebenso die Kostüme von Yvonne Wallitzer: Technokultur trifft Arztkittel und biedere Väterlichkeit. Das Bühnenbild von Peter Müller, ein Baugerüst, erinnert an die Bilder, die man in Großstädten häufig sieht: moderne, bis auf den Kern reduzierte Lofts, industriell anmutende Clubs, ständig renovierungsbedürftige Altbauten. Hier stimmt alles.

Zum Abschluss „Sky and Sand“ von Paul Kalkbrenner, der den DJ Ickarus 2008 im gleichnamigen Film spielte. Die Musik ist wie das Stück, antreibend, modern, bewegend, aber gleichzeitig melancholisch. Die Botschaft versteckt hinter alles übertönendem Beat.

Fazit: Anschauen.

Fotos: Marco Piecuch

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