Die greifbare Stadt – „Gedankenskulptur“ im Exhaus

Am Samstag, 19. Januar, stand das Exhaus ganz im Zeichen der Sinne, und zwar sprichwörtlich, denn mit „Gedankenskulpturen“ fand der Besucher die Möglichkeit seine Wahrnehmung auf die Probe zu stellen.

Miriam Maibücher und Laura Sarau

Sie funktioniert ohne unser Zutun und im besten Fall sogar so gut, dass wir sie kaum noch bemerken: unsere Wahrnehmung. Am Tag nehmen wir Tausende Gerüche, Geschmäcker, Bilder und Töne wahr, die unser Gehirn in mühevoller und doch fantastischer Kleinarbeit zu einem stimmigen Bild zusammenrechnet. Eine Höchstleistung, die wir meist nicht mal mehr bemerken. Außer, diese Höchstleistung wird gestört oder irritiert. Was passiert zum Beispiel, wenn wir vertraute Dinge im Halbdunkeln wahrnehmen? Oder in einem anderen Licht betrachten? Was empfinden wir beim Anblick eines gewöhnlichen Bildes hinter einem ungewöhnlichen Filter?

Wahrnehmung ist Höchstleistung

Diesen und anderen Fragen sind die Organisatoren und Künstler von „Gedankenskulptur“ nachgegangen. Dabei war den Organisatoren, allesamt untereinander befreundete Studenten von Uni und FH, diesmal vor allem wichtig auf eine besondere Form der Wahrnehmung aufmerksam zu machen: nämlich die von Subkulturen. Wie nimmt man Subkulturen, wie etwa die Skaterszene, wahr? Diese war besonders durch die im Raum gestandene Schließung der Skaterhalle in das Licht der Öffentlichkeit getreten. Eine aufgebaute Skaterampe, an der jeder skaten konnte, sollte das Hobby des Skatens näher an den Besucher heranbringen.

Laura Sarau, Soziologie-Studentin an der Uni Trier, eine von acht Organisatoren, war es bei der Integration dieser Subkultur besonders wichtig, eine Verbindung zu den anderen Kunstwerken der Streetartkünstler zu schaffen: „Streetart hat uns alle interessiert, darin waren wir uns schnell einig.“

Subkultur – Skater

Streetart bedeutet in diesem Falle nicht, wie viele denken, Graffiti und selbst deklarierte „Kunstwerke“ an Häuser zu malen. Streetart möchte die Straße und somit die Stadt „begreiflich“ machen. Gewohnte Strukturen in einem neuen Licht erscheinen lassen. Wie Ulla Rauter dies in ihrem Fassadenscan gemacht hat: Negativaufnahmen der Porta Nigra, der Basilika und der Skaterhalle laufen als Projektionen über die Wand eines abgedunkelten Nebenraumes des Exhauses. Darüber ein roter Strich, ähnlich dem Scanner an der Kasse. Die Fassade wird im wahrsten Sinne des Wortes „abgescant“.

Dabei ertönen Geräusche, mal ein Rauschen, mal ein Piepsen, die irgendwie charakteristisch für das jeweilige Bauwerk anmuten, aber es doch in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. „Die Vertonungen machen die architektonischen Eigenarten der Bauwerke hör- und damit auch sichtbar.“ Die Stadt wird so neu erlebt, greifbar und auch begreifbar gemacht. „Die Arbeiten von Ulla Rauter sind besonders spannend, als Streetart-Künstlerin hat sie sich bereits einen Namen gemacht“, so Sarau. Die 23-Jährige macht die Pressearbeit für die diesjährige „Gedankenskulptur“-Ausstellung, packt aber auch immer mit an, wenn es an andere Stelle brennt: “ Bei acht Leuten ist es schwer eine klare Aufteilung zu finden, jeder hat zwar seinen Bereich, aber es helfen dann doch alle überall.“

Streetart und Subkulturen

Miriam Maibücher, Psychologie-Studentin im fünften Semester, ebenfalls Mitorganisatorin und Kunstbeauftragte, war bereits bei der letzten „Gedankenskulptur“ eine der Hauptorganisatorinnen. Damals war ihr alles zu sehr auf die biologische Wahrnehmung gemünzt. Dieses Mal wollten sie und ihre Mitorganisatoren die Wahrnehmung erweitern.

Auch die kritische Beleuchtung sollte nicht unter den Tisch fallen; so gab es auch wissenschaftliche Vorträge, die sich mit dem Thema der Subkulturen befassten. Daniel Fuchs und Tobias Talbot lieferten zudem Fotos ihrer Reihe zum Thema Subkulturen in Städten. Auch die Fotografien von William Minke beschäftigen sich mit Randgruppen, in diesem Fall mit den letzten Messen der Porno- und Waffenindustrie, die wieder eine gänzlich andere Form der Randgruppen darstellen.

„Die Ausstellung ist sehr geprägt durch ihre Künstler, sie haben ihre eigene Entwicklung in das Projekt gebracht. Das Ergebnis ist sehr städtisch geworden. Man bekommt ein richtig urbanes Feeling.“ Um das Gefühl der Ausstellung erst herbeiführen zu können, musste aber noch einiges getan werden im Exhaus. „Wir mussten insgesamt 170 qm weiß streichen, um den Raum „clean“ zu bekommen. Da am Vortag noch eine Kindergruppe vor Ort war, konnten wir erst nachts aufbauen. Deshalb sind wir auch alle noch etwas übernächtigt.“ Dennoch lag das Exhaus als Örtlichkeit nahe: „Gerade dass, das Exhaus nicht klinisch rein ist, gibt der ganzen Ausstellung noch einen zusätzlichen Rahmen, es passt zum Thema der Wahrnehmung von Streetart und Subkulturen.“ Zudem hat das Exhaus die Arbeit der Studenten sehr unterstützt. „Wir konnten über das Exhaus vieles regeln, man hat uns sehr geholfen, auch was organisatorische Sachen anbelangte. Das reichte von wo findet man eine Steckdosenleiste bis wann überweisen wir das Geld? Martin Schümmelfeder, der Chef vom Kulturbüro hat uns dabei komplett den Rücken frei gehalten“, so Maibücher.

Do-it-yourself-Kunst

Auch eine andere Organisation hat ihren Teil zum Gelingen beigetragen. Das „DBIZ“ stellte mit Anne Hand einen Coach, der mit gezielten Fragen auf offene Stellen in der Planung hinwies. „Die Gruppe hat mir von ihrem Projekt erzählt und ich habe sie darauf angesprochen, wenn es irgendwo gehakt hat. Ich persönlich finde die ganze Idee sehr innovativ – mit vielen interessanten Aspekten. Bei den vielen Kunstwerken gefällt wenigstens eines sicher jedem.“

Auch wenn es im ersten Moment schwierig ist, das Projekt in Worte zu fassen: „Wir hätten uns natürlich auch auf weniger beschränken können, aber wir wollten es so vielseitig belassen. Das Ganze ist sehr komplex und viele können erst abschätzen, was sie erwartet, wenn sie hier waren. Selbst ein Professor des Studiengangs „Intermediales Design“ hat uns angeschrieben, da er neugierig geworden ist. Das Reizvolle ist die Verbindung von Wissenschaft und Kunst. Diese Mischung macht einfach Sinn. Bei den Kunstwerken muss jeder seine eigene Wahrnehmung nutzen, um sein eigenes Verständnis davon zu entwickeln. Ansonsten ist es keine Kunst“, so Maibücher.

Seine eigene Wahrnehmung musste der Besucher in der Tat einsetzen. Geschnitzte Gesichter in Skateboards, Fassadenscans, Kleider aus völlig neuen Materialien, Bilder bemalt und gefiltert, sodass der Ursprung nur mit Mühe zu erkennen ist. Frei nach dem Motto: „Kunst ist, was man daraus macht.“ Hier wird die Kunst nicht vorgekaut, die Fotografien sind nicht immer ästhetisch und manchmal sogar wenig geschmackvoll, doch sie haben etwas. Was, das muss der Betrachter für sich selbst entscheiden. Denn genau darum geht es: Was sieht man auf den ersten Blick? Aber viel wichtiger, was sieht man auf den Zweiten? Sind die Hemden in blauem Licht (siehe Fotogalerie) Symbole für Spiritualität, Gespenster der Moderne, oder schlicht zwei weiße Hemden bestrahlt mit blauem Licht?

Do-it-yourself-Kunst. Bekannte Dinge neu erleben und so über die eigene Wahrnehmung stolpern, das war das Ziel der Studentengruppe bei der diesjährigen „Gedankenskulptur“- Ausstellung. Das Ziel ist erreicht, über das nächste wird bereits nachgedacht. „Wir wollen auf jeden Fall wieder eine neue „Gedankenskulptur“-Ausstellung auf die Beine stellen.“ Wo, wie und was muss aber noch überlegt werden.

 

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