Es leben die Verrückten – Uraufführung „Das Narrenschiff“

Eine Produktion, mit der sich das Theater Trier schmücken kann: Die Uraufführung von „Das Narrenschiff“ feierte am Samstag, 3. November, Premiere auf der Großen Bühne. Zwar vor nicht ganz vollbesetztem Haus, doch die überregionale Resonanz war bereits groß.

Klötzer und Braband

Sebastian Brant, seines Zeichens Autor, schickte vor 500 Jahren eine Gruppe von Menschen auf eine Schiffsreise und damit auf eine abenteuerliche Tour an die Grenzen ihrer eigenen Existenz. Wie reagieren unterschiedliche Charaktere auf Katastrophen? Wer bleibt menschlich? Und wer wird zum Unmenschen? Diese Fragen warf Brant in seiner Moralsatire auf und brachte damit nicht nur seine Zeitgenossen zum Grübeln. Bis heute führt sein Werk an Fragen und Missstände heran, die aktueller sind denn je. Die Fragen, die Brant beschäftigten, ließen auch Chefchoreograf Sven Grützmacher nicht ruhen: Wie verhalten sich Menschen in Extremsituationen? Wie verhalten sich verschiedene Typen? Bleibt der Saubermann sauber? Bleibt die Gütige gütig? Ab wann wird Wahnsinn zur Normalität und umgekehrt? In seinem Tanzstück „Das Narrenschiff“ greift er diese Fragen auf, greift Brants Werk auf und übersetzt es, nicht in eine neue Sprache, sondern in Bewegungen, in Licht und Musik. Zusammen mit dem Künstler Bodo Korsig und der Kostümbildnerin Gabriele Kortmann arbeitete er ein Stück aus, das zwar im modernen Gewand daher kommt, aber bis tief in die menschliche Psyche vordringt, um dort die alte Wurzel der eigenen und menschlichen Schlechtigkeit auszugraben und dem Zuschauer vor Augen zu halten. Und da gibt es einiges zu zeigen.

Die Wurzel des Bösen

Der brave Nachbar, herrlich unangenehm getanzt von David Scherzer, neben seiner biederen, mitleidserregenden Gattin, alias Cecile Rouverot, vergreift sich an der unschuldigen Träumerin, Christin Braband. Die kämpft fortan mit dem Durchlebten und trifft bei ihren Reisegenossen auf alle Bodenlosigkeiten der Schlechtigkeit. Ihr ehemaliger Geliebter, der Einsame, alias Noala de Aquino; dessen Tanz ist wie immer toll; wendet sich von ihr ab. Die Gütige, Erin Kavanagh, demonstriert an ihr, wie gewaltsam Güte werden kann, wenn man sie ohne Geduld einsetzt. Die Fromme, Natalia Grützmacher, versteckt sich hinter ihrem Glauben, anstatt wirklich mildtätigen Beistand zu leisten; der Geschmeidige, getanzt von Reveriano Camil, bricht die Herzen reihenweise und die Wechselhafte, Susanne Wessel, vergeht dabei an ihrem gebrochenem Herzen. Der und die Erfolgreiche, Denis Burda und Juliane Hlawati, sind in ihrem eigenen Streben nach immer mehr Erfolg und Prestige so mit sich selbst beschäftigt, dass sie nicht mal das eigene Scheitern vorausahnen können.

Helfen kann letztendlich nur einer, der selbst weiß, wie es ist zu leiden: der Zwanghafte, getanzt von Robert Seipelt, versteht es die Träumerin aus ihrem Käfig zu befreien, während die anderen Reisenden schließlich dem Wahnsinn verfallen. Eine Sonderstellung nimmt, neben dem zärtlichen Paar, der Narr ein. Getanzt wird er von René Klötzer und führt als Erzähler durch die Geschichte, ist verrückter Außenseiter und doch Strippenzieher.

So ist es letztlich er, der die Fäden in der Hand hat, der Blumen regnen lässt für die Träumerin in ihrer dunkelsten Stunde, der die Wechselhafte mit dem gebrochenen Herzen in die sanfte Stille des schwarzen Bades hinabtauchen lässt. Und der schließlich, als alle anderen des Wahnsinns fette Beute geworden sind, als „Normalo“ von der Bühne gehen kann.

Des Wahnsinns fette Beute

Die Choreografie von Sven Grützmacher ist gleichzeitig einfühlsam und fesselnd, brutal und sanft. Die Inszenierung bleibt in jeder Sekunde spannend und abwechslungsreich. So muss der Zuschauer sich immer wieder neu entscheiden, welchem Paar, welchem Einzeltänzer und welcher Geste er seine Aufmerksamkeit widmen soll. Die Kostüme von Kortmann spielen mit dem symbolhaften Charakter der Farben und ermöglichen so eine rasche Zuordnung: ein zartes Violett für die Fromme, Gelb für die Erfolgreichen, Weiß für die unschuldige Träumerin, Braun für das biedere Ehepaar. Ihre Spannweite reicht dabei vom zeitgenössischen Anzug, bis hin zum extravaganten Kleid und sogar dem experimentellen Kostüm der Donna-Figur am Anfang und am Ende der Inszenierung. Barbusig kommt sie daher mit einer Plastikflaschen-Perücke. Doch dem Bühnenbild sei besonderes Lob ausgesprochen. Vor einer Wand aus weißen Ästen und Stäben spielen sich die Szenarien ab, in einem Meer aus schwarzen Bällen versinken die Tänzer, in einer Kiste gefangen schwebt die Träumerin von der Decke. Das Bühnenbild ist eine wahrlich künstlerische Arbeit, die mehr als die passende Stimmung liefert. Korsig hat hier einen Raum erschaffen, der Welten eröffnet.

Experiment geglückt

Mit diesem Stück hat das Theater Trier einiges bewiesen: Dass es Mut zu Experimenten hat, auch was die musikalische Untermalung anbelangt; mit Anteilen von Rammstein ist die Musik nicht gerade gewöhnlich. Dass es über ein ausgezeichnetes Tanzensemble verfügt, dass es hervorragende Künstler als Bühnenbildner an Land ziehen kann und dass begeisterte Förderer hinter ihm stehen. Denn um das fantastische Bühnenbild von Bodo Korsig überhaupt erst entstehen lassen zu können, mussten private Spender einspringen und dem Theater eine finanzielle Spritze geben, dort wo die Stadt noch mehr Mittel gestrichen hatte.

Das Projekt von Korsig und Grützmacher konnte also starten und die Idee der beiden in die Welt tragen. Dort ist sie bereits angekommen. Mehrere überregionale Medien, wie etwa Tagesschau online oder Focus.de, interessierten sich für das Werk und berichteten. Mit Resonanz von außerhalb dürfte das Theater rechnen. Grützmacher gelingt mit „Das Narrenschiff“ erneut ein Glanzstück, eine moderne und doch zeitlose, weil stets aktuelle Sicht auf die menschlichen Abgründe. Wie gehen wir mit Schwächeren und Geschundenen um? Wie mit ihren Schindern? Was ist der richtige Weg, um menschlich zu sein und vor allem zu bleiben? Diesen und anderen Fragen stellt sich Grützmacher in einer Inszenierung, die locker mit Inszenierungen größerer Häuser mithalten kann.

Hierauf kann nicht nur das Theater Trier stolz sein, sondern auch die Stadt selbst.

Fotos: Theater Trier

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