Buntes: Jäger des verlorenen Geschenks

5vier-Reporter Lars Eggers wagt einen gefährlichen Selbstversuch: Er geht am Adventsamstag Weihnachtsgeschenke kaufen.

Trier. Wer glaubt eine Expedition zum Nordpol bräuchte viele Vorbereitungen, der soll mal versuchen an einem Adventswochenende Weihnachtsgeschenke in der Trierer Innenstadt zu kaufen. Ich habe mich wochenlang vorbereitet. Jeden Tag habe ich auf den Kalender geschaut und mit vollstem Körpereinsatz den näherrückenden Weihnachtstag ignoriert und nur durch tiefste meditative Konzentration war es mir möglich, sämtliche Weihnachtsgeschenkeinkäufe ohne Ausnahme aufzuschieben. Das war eine Menge Arbeit, das könnt ihr ruhig glauben. Nun aber gibt es kein Zurück mehr – der Weg führt in die Trierer Innenstadt. Meine Erlebnisse habe ich, wie es sich für ein Vorhaben dieser Größe gehört, in einem alten abgegriffenen Tagebuch mit vergilbten Seiten festgehalten.

Samstag, 14:00 Uhr: Im undurchdringlichen Menschendschungel der Fußgängerzone angekommen. Sämtliche Karten sind vollkommen nutzlos, da der von mir geplante Weg durch bunte Buden verstellt ist. Lasse mich aber nicht beirren. Mein Ziel steht fest. Brauche ein LEGO Modell für meinen Neffen und etwas weihnachtliche Schokolade für meine Freundin.

14:23: Erster Stopp: Kaufhaus-Spielzeugabteilung. Ich gebe zu, dass ich von Spielzeug kaum Ahnung habe und mich in den labyrinthartig angelegten Regalen voller bunter Plastikfröhlichkeit immer etwas beobachtet fühle. Ich schwöre, diese Barbiepuppen haben es auf mich abgesehen.

Brauche also Beratung. Hätte auch sagen können: Ich brauche König Salomons Diamanten und die linke Socke Christi.

Kleinere Kollateralschäden lassen sich nicht vermeiden. Foto:Lars Eggers

Ich möchte den Service der Trierer Kaufhäuser beileibe nicht schmälern, es ist eher die Masse an Kunden mit ausgenommen sinnfreien Fragen, die es praktisch unmöglich machen, an einen Verkäufer heranzukommen. Was mich am meisten überrascht sind die Fragen an sich: entweder völlig sinnlos, oder über die Maßen spezifisch, aber auf jeden Fall so gestellt, dass eine hilfreiche Antwort von vornherein unmöglich ist: „Gibt es dieses Modell auch in anders?“ „Haben Sie auch die XM-4563er Reihe dieses Teddybären? Sie wissen schon, die wird in Südwestaustralien verkauft.“ Muss bei Gelegenheit weitere Studien zu diesem Thema anstellen.

17:47: Geschafft. Mit nur wenigen Blessuren durch die Kassenschlange gekommen, von einem cholerischen Kind, das unbedingt etwas haben wollte (habe nur „AIIIEEEEEE!“ verstanden) und sich direkt vor meinen Füßen zu Boden warf mal abgesehen. Teil Eins meines Abenteuers ist damit erfolgreich beendet.

17:48: Memo an mich selbst: Auf eine Rolltreppe passen keine Hundert Leute, egal wie viel Mühe sie sich geben.

17:49: Das gleiche gilt für Kaufhausfahrstühle.

18:02: Die größte Herausforderung steht nun noch bevor. Die Süßwarenabteilung. Ich bin nicht auf der Suche nach irgendeinem genmutierten Osterhasen, sondern nach etwas Besonderem. Leider haben sehr viele andere Besucher die gleichen Anforderungen an ihre stanniolpapierverpackten Weihnachtskalorien.

19:11: Eine echte Entdeckung! Hinter einigen Regalen, in denen sich die Weihnachtsstollen wie Sandsäcke stapeln, einen einzelnen Weihnachtsmann entdeckt, der genau das ist, was ich suche. Nun, darf mir nur niemand zuvorkommen.

19:12: Musste über ein beleuchtetes Rentier hechten und ein paar Marzipankartoffeln auf den Boden hinter mich werfen, in der Hoffnung, dass meine Verfolger darauf ausrutschen. Musste außerdem vor einer riesigen Schokoladenkugel fliehen, die mich zu überrollen drohte und ein altes Paar alte indische Steine finden und an ein Museum verkaufen, damit ich diesen exquisiten Schokoladenmenschen in rot auch bezahlen konnte, aber das war’s wert!

19:22: Erfolgreich in der Menge vor dem Kaufhaus untergetaucht.

19:47: Hoffnungslos auf dem Weihnachtsmarkt verlaufen. Musste auf einheimische Rationen zurückgreifen (auch als Glühwein und Waffeln bekannt).

21:01: Noch immer kein Ausgang aus dem Fröhlichkeitslabyrinth gefunden. War gezwungen mehr Glühwein zu konsumieren, um durch die akute Festlichkeit nicht den Verstand zu verlieren.

22:51: Voller Glühwein und mit allen Geschenken, dafür völlig pleite wieder zu Hause angekommen. Bin bester Laune, alles ist so fröhlich und weihnachtlich. Ein toller Tag. Muss ich nächstes Jahr unbedingt wiederholen.

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Kommentare (1)

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  1. Claas sagt:

    Wow – genialer Abenteuerbericht eures Korrespondenten und ein saugeiles Foto!

    Ich kauf auch immer viel zu spät Geschenke ein und meistens gehts mir genauso wie Indiana Eggers. ^^

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