Aktuelles: Küken, Kühe, Kokolores – von Dioxin und BSE

Es ist die graue Zeit des Jahres. Da kommt ein schöner bunter Dioxin-Skandal gerade recht. 5vier Reporter Lars Eggers desinfiziert sich die Hände und packt die Sache an.

Trier (und der Rest von Deutschland). Eigentlich sollte dieser Artikel ja schon am Morgen fertig sein. Aber das Frühstück dauert einfach immer länger: Huhn züchten, in eigenem Biotop aufwachsen lassen, Eier aus dem Nest holen. Danach das Huhn unter Schutzatmosphäre mit Chirugenbesteck schlachten – fürs Mittagessen. Von Milch und Kühen will ich gar nicht anfangen. Meine Nachbarn halten mich schon für einen trierischen Hannibal Lecter, nur weil ich immer im Chirurgenkittel und mit Mundschutz die Küchenabfälle rausbringe. Dabei bin ich doch nur vorsichtig! Wer heute die Zeitungen aufschlägt, der weiß warum: Dioxin! Die schwarze Pest in Eiform. Der runde Tod! Oder?

Dioxin und seine Genesis

Und wann kommen die Eier ins Spiel?

Als ich schließlich mal mein von Panikenzymen überschwemmtes Hirn dazu bekomme einen geradlinigen Gedanken hinzubekommen, ist es dieser: Was ist denn eigentlich Dioxin – außer schlecht, wenn es im Ei ist? Mal Hands aufs Herz: Wer weiß das? Ich jedenfalls nicht. Also wird recherchiert. Dabei kommt eine nicht ganz uninteressante Erkenntnis zu Tage: Dioxin ist kein Vietnam-Kampfstoff und wurde auch nicht im Tschernobyl-Reaktor ausgebrütet. Dioxine entstehen hauptsächlich bei Verbrennungsprozessen, bei denen Chlor und andere Verbindungen miteinander reagieren. Größter Dioxinlieferant bis zum heutigen Tage sind nicht die Schornsteinschlote und Legebatterien in Schleswig Holstein, sondern natürliche Ereignisse, wie Vulkanausbrüche oder Waldbrände.

Aber Dioxin ist schlecht!

„Moment! Was hat das denn mit meinem Ei zu tun? Es könnte doch trotzdem vergiftet sein!“ werden jetzt einige rufen und sich mit einem Hut aus Alufolie auf dem (Eier-)Kopf unter das Fenster ducken. Was ich mit dem oben stehenden Absatz verdeutlichen wollte: Dioxine finden sich schon seit Anbeginn der Zeit in unserer Nahrung. Tatsächlich hat man den Mageninhalt von Moorleichen untersucht und festgestellt, dass deren Dioxinbelastung weit höher war, als es heute üblich ist – eine Erkenntnis, die ironischerweise in Schleswig Holstein zu Tage kam. Was die Medien zur Zeit in fröhlicher Panikmache gerne übersehen ist also folgendes: Dioxin ist allgegenwärtig, es ist kein Zusatz, der von Satan persönlich hinterhältigerweise in unser Essen gebröselt wird. Der derzeitige Skandal dreht sich um Dioxinwerte, die über den deutschen Richtlinien liegen. Es ist zu diesem Zeitpunkt keine ernsthaft gefährliche Konzentration nachgewiesen worden.

Macht also nicht krank?

Doch. Dioxin gilt als krebsfördernder Stoff. Oh mein Gott! Erst Dioxin, jetzt auch noch Krebs? Sofort greife ich zum Telefon und rufe die erste Nummer an, die mit einfällt: Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). Dort ist man nicht sehr hilfreich, was meine Panik angeht. Eher das Gegenteil ist der Fall.

„Selbst wenn Sie eines der mit Dioxin belasteten Eier gegessen haben sollten, wird dadurch kein nachweisbarer Schaden entstehen“, versichert man mir dort. Allmählich werde ich misstrauisch? Was genau würde denn passieren?

„Der unvermeidliche jährliche Dioxinkonsum beträgt 3 bis 4.5 Nanogramm pro Jahr. Wenn also nun eines der belasteten Eier verzehrt wurde, wäre die jährliche Dioxinbelastung um ca. 10% gestiegen. Auf das gesamte Leben gerechnet ist eine solche einmalige Mehrbelastung nicht relevant.“

Augen auf beim Eierkauf?

Vielleicht würde ein Abrüstungsvertrag Sinn machen?

Etwas entmutigt suche ich nach neuen Aufhängern für eine stilechte Angstattacke. Da kommt mir meine Oma in den Sinn: „Vorsicht ist die Mutter der Eiermänner!“ oder sowas hat die immer gesagt. Also will ich wissen, ob nicht vielleicht trotzdem die Gefahr auf Dioxin in meinem Essen besteht und rufe beim Bundesamt für Veterinärwesen an. Aber auch dort gibt man Entwarnung. In Rheinland-Pfalz wurde keine belastete Ware verkauft und die Auslieferung der betroffenen Nahrungsmittel wurde schon zu Beginn des Skandals gestoppt. Nach Aussage des ungemein fröhlichen Mannes in der Abteilung für Seuchenbekämpfung und Giftbelastung müsste ich das Dixon schon selbst ins Essen tun, damit ich Grund zur Panik hätte.

Hühner sind out – Kühe sind in!

Allmählich verliere ich die Lust an der Sache. Wie soll man denn da noch bei den Meldungen der Zeitungen in Panik verfallen? Aber da naht Rettung: In Italien, so heißt es auf der Titelseite eines großen Nachrichtenportals, sei eine Frau an Creutzfeldt-Jakob gestorben. Das ist noch besser: Rinderwahn! Italien ist immerhin auf dem gleichen Kontinent, es gibt also Grund zur Beunruhigung. Gleich nochmal bei Seuchenbekämpfung und Giftbelastung anrufen. Aber leider – wieder eine Niete. Die Frau sei zwar an Creutzfeldt-Jakob erkrankt gewesen, aber eine Verbindung zu BSE ließe sich nicht nachweisen. Tatsächlich gilt BSE unter Medizinern in Europa als „nahezu ausgerottet“. Aha! Nahezu! Da ist mein Stichwort!

„Es hat in Deutschland seit 2005 trotz ständiger Tests keinen nachweisbaren BSE Fall bei Vieh mehr gegeben. Es konnte noch überhaupt keine Menschansteckung diagnostiziert werden“, höre ich da. Also kein BSE? Was macht dann diese Meldung in den deutschen Schlagzeilen?

Es reicht. Ich habe keine Lust mehr. Ich lasse die Dioxinpanik Dioxinpanik sein und frage mich nur noch eines:

Warum?

Warum lese ich soviel darüber? Ich meine klar, es ist wichtig, dass jetzt geprüft wird, dass sich das Zeug nicht weiterausbreitet, aber wenn doch keine Gefahr für den Normalverbraucher besteht – ist diese gigantische Medienabdeckung nicht vielleicht etwas übertrieben? Wäre es nicht viel interessanter zu hören, was aus der Hartz IV Reform geworden ist? Oder aus dem anstehenden Gesetzesentwurf zur Vorratsdatenspeicherung? Sozialwesen? Wachsendes Übergewicht der deutschen Kinder? Außerordentlich fragwürdige Verlängerung des Afghanistan-Mandates? Bei den Sachen können nämlich wirklich Leute zu Schaden kommen! Aber ich verstehe schon: „Dioxin“ ist ein so schönes Wort. Keiner weiß so richtig, was es ist, aber alle machen sich ordentlich Sorgen darum. Warum also nicht drüber schreiben? Ich hab’s ja auch getan!

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Kommentare (7)

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  1. Steffi sagt:

    Also ich kann nur sagen: sehr cooler Artikel! Hat der Redakteur die Bilder von den „Kampfeiern“ auch selber gemacht? 😉 Ich lach mich kaputt…:)

  2. Lars Eggers sagt:

    Danke schön. Man tut, was man kann.

  3. S. sagt:

    Und das (mit den Medien)hast du auch sehr gut rüber gebracht. 😉

  4. Lars Eggers sagt:

    Das ist richtig. Und diese Langzeitschäden sind in erster Linie Krebs. Andere Erscheinungen können Schädigungen von ungeborenen Kindern, Beeinträchtigungen der Fruchtbarkeit, Schäden am Nerven- und Immunsystem und an der Leber sein. Allerdings ist für solche Vergiftungserscheinungen weit mehr Dioxin nötig, als nun in den Eiern festgestellt wurde (mindestens das 35fache um genau zu sein). Da muss man schon am Schornstein schnüffeln. 😉

    Ich möchte mit diesen Artikel ja auch nicht die Gefahr von Dioxon herunterspielen – dass da ganz böse was schief gelaufen ist steht nicht zur Debatte – mir geht es um das Bild, das die Medien vermitteln.

  5. S. sagt:

    Also, ich bin auf dem Gebiet jetzt nicht so bewandert, aber ich dachte, die Gefahr besteht darin, dass sich Dioxin ablagert, insbesondere in Körperfett, und daher Langezeitschäden verursachen kann?

    Ich nehme an, dass wenn die Schäden dann auftreten, der ganze Skandal so lange her ist, dass es schwer sein wird den Zusammenhang deutlich zu machen…

  6. Triererjung sagt:

    Super artikel! Ich lach mich immer weg bei den Sachen von Herrn Eggers, saugeil!

  7. Claas sagt:

    Danke – das ist mal ein angenehmer Blick auf die ganze Geschichte.

    Klar, Dioxin gehört (wirklich wirklich wirklich!!) nicht ins Essen, aber diese ganze Panikmache bringt doch nichts. Da hätte man sich auch sachlicher mit auseinandersetzen können.

    Dann wäre auch die Kritik (mangelnde Sicherheitsvorkehrungen etc.) deutlicher dort angekommen wo sie hingehörte – jetzt machen sich alle nur Sorgen, dass sie (also jeder einzelne Mensch in Deutschland) übermorgen an Krebs umkippen.

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