Oper im Doppelpack – Teil 1 – „Die Kluge“ im Theater Trier

Zwei Opern an einem Abend, das klingt, als müssten die Zuschauer gutes Sitzfleisch mit ins Theater bringen. Doch es zeigte sich, dass es auch anders geht: Zwei Kurzopern feierten am Samstagabend Premiere im Theater Trier: „Die Kluge“ von Carl Orff und „L’Heure Espagnole“ von Maurice Ravel.

An diesem Abend ist für jeden etwas dabei. Wer es gerne etwas kritischer, ernster und philosophischer mag, wird mit dem ersten Teil dieses Operndoppelabends voll zufrieden sein, wer es dagegen lieber etwas leichter und schlüpfriger hat, kommt nach der Pause auf seine Kosten. Zwei Kurzopern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, verbindet das Theater Trier zu einem kurzweiligen, stimmigen Gesamtpaket. Doch zunächst zum Inhalt.

Der Stoff ist nicht neu, bereits die Gebrüder Grimm schrieben die Geschichte der klugen Bauerstochter nieder, Carl Orff griff sie dann 1943 auf und machte seine Kurzoper, genannt „Die Kluge“, daraus. Die Geschichte klingt bereits nach märchenhafter Moral: Die clevere Bauerntochter warnt ihren Vater davor den gefundenen goldenen Mörser zum König zu bringen, der würde nur danach fragen, wo der dazu passende goldene Stößel geblieben ist und den Vater zur Strafe in den Kerker sperren lassen. Sie sollte recht behalten. Als der König von der smarten Tochter hört, lässt er sie zu sich bringen, um ihr drei Fragen zu stellen, die sie natürlich löst. Der Vater kommt frei, doch sie soll nun die neue Frau des Königs werden. Als sie mit ihrer Klugheit nun für ungewolltes Aufsehen sorgt, lässt der König sie vor die Schlosstore setzen. In einer Truhe darf sie das mitnehmen, was sie am liebsten hatte auf dem Schloss.

Wenig märchenhaft

Laut Märchen wird der König höchstselbst am nächsten Morgen in dieser Truhe wach. Im Theater Trier jedoch muss sich die kluge Königin mit einer Schachtel statt einer Truhe begnügen. Der König findet im Ganzen keinen Platz darin. Aber zumindest in Teilen. Die Inszenierung im Theater ist nicht gerade märchenhaft.

Im Gegenteil schrecklich realistisch. Der König ist ein selbstverliebter, an den Belangen anderer herzlich wenig interessierter Egoist, der von oben herab auf seine Wachen pinkelt, Urteile ausspricht, als wären es Witze und seine neue Frau auf der Bühne direkt mal „aus der Nähe betrachten will“. Dass dies auch ohne ihr Einverständnis erfolgen kann, wird offensichtlich. Die Ehe der Klugen mit dem unberechenbaren Monarchen erscheint als Spießrutenlauf, ihre Schritte wohlüberlegt, strategisch durchdacht wie bei einem Schachspiel.

Clever inszeniert durch zyklenhaftes Verschwinden und erneutes Auftauchen der gekonnt leisetretenden Klugen, hervorragend gespielt von Evelyn Czesla, und dem eindrucksvollen Schachspiel zwischen ihr und dem König, alias Reuben Willcox. Auch das Spiel der Kollegen ist eindrucksvoll, einprägsam und eindringlich, wie die Orffsche Musik. Besonders schön dabei, neben den Hauptdarstellern, Svetislav Stojanovic als genasführter Eselbesitzer und László Lukács, als schlitzohriger Mauleseltreiber. Und natürlich das Dreiergespann der Strolche, gespielt von Amadeu Tasca, Pawel Czekala und Luis Lay.

Kalkül statt Moral

Die Inszenierung von Sven Grützmacher ist wenig märchenhaft. Wenn man den Entstehungszeitraum der Oper beachtet wird dies jedoch ganz im Sinne des Komponisten gewesen sein: Der Monarch wird zum willkürlichen, menschenverachtenden, desinteressierten Diktator, die Kluge zur gefangenen, vorsichtigen Unterdrückten, die sich ihre Freiheit durch List erschleichen muss.

Eiskaltes Kalkül statt märchenhafter Moral. Am Ende behält sie ihren Kopf, während der unberechenbare König seinen sprichwörtlich verlieren muss. Wer hier ein romantischeres Ende erhofft hatte, wurde enttäuscht. Es geht nicht darum, dass die Königin ihre Liebe für den König findet und der König dadurch zu größerer Menschlichkeit gelangt. Hier findet die Königin einen Weg zurück in die Freiheit und einen Weg, den unmenschlichen Despoten loszuwerden. Den Stößel hat sie übrigens doch noch gefunden.

Kostüme und Bühnenbild

Die Kostüme von Claudia Caséra unterstreichen in „Die Kluge“ die Ernsthaftigkeit des Stückes, der König im militärisch anmutenden Anzug, die Strolche im Einbrecherkostüm, mit den freiliegenden Ohren erinnern sie zudem an die nichts sehenden, hörenden oder ausplaudernden, drei Affen, die Eseltreiber in einfachen Leinenhosen. Alles klar gezeichnet, in gedeckten Farben, alles wirkt hart und trist. Die Kluge als einziger Lichtblick im apricotfarbenen Kleid.

Das Bühnenbild von Hanna Zimmermann ist ein besonderer Hingucker, auf drei Ebenen wird gespielt, ganz oben der König, ganz unten, sogar unterirdisch, die Gefangenen, die Rechts- und Gesetzlosen, die Kluge, die zwischen allen Ebenen spielt. Hinauf und hinab klettert. Ebenso die Strolche, die in Geheimverstecken sitzen, aus Röhren krabbeln, das System unterwandern. Schließlich fällt mit dem Tod des Königs auch das Bühnenbild in sich zusammen, die Pyramide wird zur ebenerdigen Fläche, auf der die Kluge ihre eigenen Wege gehen kann.

Wer’s gerne etwas kritischer, ernster mag, wird bei der Klugen auf seine Kosten kommen, wer die Leichtigkeit bevorzugt, der sollte bis nach der Pause bleiben und sich „Die Spanische Stunde“ ansehen. 

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