Campus: Stockholm – Kiruna. Welcome to the middle of nowhere!

Der zweite Teil des Erlebnisberichts unserer 5vier-Redakteurin Cassandra Arden, die seit einigen Wochen in Stockholm studiert.

Mitte März ist es nun und manch ein naiver Erasmus-Student in Stockholm mag sich jetzt denken: „Das ist super, dann kann ich ja jetzt anfangen mir Sommersachen zu kaufen und die dicken Pullis schon mal per Post zurück schicken.“ All denen will gesagt sein: „Weit gefehlt.“

Aber wie sagt man so schön: man gewöhnt sich an fast alles und seien wir ehrlich, wieso sollte es einen stören, wenn einen permanent Sätze wie „Endlich im T-Shirt draußen lernen!“ oder „Schön einen Kaffee in der Sonne auf der Terrasse trinken!“ aus der geliebten Heimat erreichen. Nein, nein es ist völlig in Ordnung, dass es hier immer noch ein paar Grad unter Null sind. Und weil wir uns schon so an die Witterung in unserer Heimat auf Zeit gewöhnt haben, dachten wir uns: „Fast schon zu warm hier -wir gehen noch weiter in den Norden, dahin wo es jetzt mit -30° Grad Celsius langsam wärmer wird.“

Nächster Halt: Kiruna in Lappland

Die Hunde, die den Schlitten ziehen sind Temperaturen bis -50° Celsius gewöhnt. Foto: Cassandra Arden

Kiruna ist die nördlichste Stadt in Schweden und hat ca. 18 000 Einwohner. Lappland ist eine Landschaft beziehungsweise eine historische Provinz in Nordeuropa, die außer Schweden noch nach Norwegen, Finnland und Teile von Russland umfasst. Warum es jemanden aus der Kälte in die noch viel größere Kälte zieht? Hundeschlitten, nahezu unberührte Natur, Snow Scooter als Fortbewegungsmittel und das weltberühmte Ice Hotel. Unsere Herberge lag noch einmal ca. 100 km östlich von Kiruna. Lainio, etwa 80 Einwohner, nächster Supermarkt 20 Minuten mit dem Auto! Landschaft wohin das Auge blickt – sehr viel davon.

Alles liegt unter einer Schneedecke und was für einer. Während wir Touristen frieren wie noch nie und „mir ist kalt“ so inflationär genutzt wird, dass es im Grunde nichts mehr bedeutet, werden die Hardcore-Einwohner nicht müde uns zu sagen, dass es eine der wärmeren Wochen sei. Die ganz harten verzichten hier sogar auf Handschuhe, was bei ca -25° C nicht nur beim ansehen schmerzt, sondern schon „Uri Geller verdächtig“ ist. Aber sagte ich es nicht schon? Man gewöhnt sich wohl an alles. Was weniger verwunderlich ist, die Siberian Huskies, die meinen Schlitten ziehen fühlen sich rund um wohl. Sie mögen Temperaturen bis hin zu 50 ° Grad C unter Null.

Warten auf den Krankenwagen

Es war schon eine besondere Erfahrung. „Eine andere Welt!“ ist eins das Zitate, was so häufig genutzt wird, dass es ein bisschen an Bedeutung verliert, aber anders lässt es sich einfach nicht ausdrücken. Wenn man einen Arzt beziehungsweise einen Krankenwagen braucht, dann wird einem das klar. Wir mussten diese Erfahrung leider machen. Die Krankenschwester, die in unserem Fall nach einer Stunde eintraf, erzählte uns, dass sie für die größte Region in ganz Schweden zuständig seien.

Entferntester Ort: zwei Stunden. Muss der Patient ins Krankenhaus, dann geht es die ganze Strecke zurück nach Kiruna. Ich erkundige mich, was ist, wenn jemand einen Herzinfarkt erleidet. „Wenn wir den Helikopter aufgrund der Wetterverhältnisse nicht nutzen können, dann kommen wir schon mal zu spät.“, ist ihre nüchterne Antwort. Ich bin tatsächlich verblüfft und überlege, dass Erste Hilfe hier noch einen ganz anderen Stellenwert haben dürfte.

Über ein schmelzendes Hotel

Die Menschen, die hier leben sind daran gewöhnt. Ich frage den Inhaber unseres Bungalowparks, ob er denn nie einsam sei. Er sagt er habe in einer größeren Stadt gelebt, aber es habe ihn zurück gezogen. Zurück – denn er ist in dem 80-Seelendorf geboren und er fühlt sich wohl hier. Er braucht die Natur, braucht die Kälte und brauch die Stille.

Ich persönlich genieße die Tage, genieße es Rehntiere in freier Wildbahn zu sehen und genieße diese Landschaft, kein Haus soweit das Auge reicht. Aber ich genieße es eben in der Gewissheit, dass es Sonntag wieder zurück geht – in eine Stadt, wo mich vom nächsten Supermarkt nur 2 Minuten Fußweg trennen. Wie sehr wir daran doch gewöhnt sind, denke ich.

Das ICE-Hotel in Kiruna - einfach nur beeindruckend! Foto: Cassandra Arden

Vor unserer Abreise besuchen wir das Ice Hotel in Kiruna. Unfassbar, ist das einzige was ich sagen kann, als ich in der Eingangshalle stehe. So viel liebe fürs Detail: In jedem der Zimmer verzierte Decken, Skulpturen und alles aus 100 % Eis. Und dann – jedes Jahr im Mai – schmilzt alles weg. Das Hotel wird tatsächlich jedes Jahr neu errichtet. Es ist unglaublich, dass sich jedes Zimmer, die Bar und sogar die Kirche, die sich im Hotel befindet, jedes Jahr aufs Neue in Luft auflöst.

Nach 16 Stunden Zugfahrt zurück nach Stockholm sitzen wir in der völlig überfüllten U-Bahn. So viele Menschen habe ich in den letzten fünf Tagen zusammen nicht gesehen!

Es ist schön wieder in diesem Ameisenhaufen zu sein. Gestresste Menschen, die durch den Hauptbahnhof wuseln. Die Großstadt hat mich zurück!

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