Buntes: Suche nach Leben – Thomas Münstermann im 5vier-Gespräch

Er brach die Herzen der stolzesten Frauen, ein Verführer wie er im Buche steht: Don Giovanni, alias Don Juan. Zahlreiche Geschichten erzählen von seinen sexuellen Eskapaden, Grund genug für Mozart eine Oper über ihn zu schreiben. „Don Giovanni“ wird heute Abend Premiere im Theater Trier haben.

 

Die Spielzeit 2011/12 neigt sich ihrem Ende entgegen und zum Abschluss dürfen ein paar Knaller nicht fehlen. In der Sparte des Musiktheaters wird mit „Don Giovanni“ ein ganz besonderes Knallbonbon ausgepackt, „sellt“ doch nichts mehr als Sex. Denn genau darum geht es: Den Inhalt von „Don Giovanni“ werden viele kennen, allerdings unter einem anderen Namen. Don Juan ist die geläufigere Bezeichnung für die, als Frauenkenner und -Verführer berühmt-berüchtigte Figur.

Reihenweise soll er die Frauen bezirzt, verführt und schließlich verlassen haben. Umso erstaunlicher auch für Regisseur Thomas Münstermann, dass Don Giovanni in der gleichnamigen Oper nicht ein einziges Mal erfolgreich zum Zug kommt. Ein wichtiger Faktor für seine derzeitige Inszenierung am Theater Trier. So ist der Don für ihn eher eine gescheiterte Figur, als ein großer Frauenheld; den Großteil seiner Zeit verbringt er im Stück nicht mit Amore, sondern mit der Flucht vor seinen abgelegten Geliebten. Nicht gerade romantisch, geschweige denn sexy.

Die Suche nach Leben 

Über diese Beobachtung kam Münstermann schließlich zur Kernfrage seiner Inszenierung: Warum muss jemand von einer Frau zu anderen rennen um bei ihr sein (sexuelles) Glück zu suchen? Was verspricht man(n) sich davon? In Münstermanns Augen ist es die Suche nach Leben. Sein Don Giovanni irrt und sucht sich durch die Frauenwelt, allerdings nicht nach einer adäquaten Partnerin, nicht nach einer erfüllten Beziehung, nicht nach einem Miteinander, sondern nach einer Möglichkeit sich zu spüren.

Für Thomas Münstermann ist es fast das Verhalten eines „Vampirs“, immer auf der Jagd nach dem Leben anderer, um selbst am Leben zu bleiben. Zurück bleiben Frauen, denen ein Stück Leben, ein Stück Seele geraubt wurde.

Dabei inszeniert Münstermann keineswegs mit dem erhobenen, moralischen Zeigefinger, geht es ihm doch mehr um die Frage, die jeder für sich beantworten muss: Wie kann man sich im Eros begegnen. Im besten Fall liebe- und verantwortungsvoll? Dabei kann es kein richtig oder falsch geben, so wie der Eros ja erst mal nichts Negatives oder Positives sein muss. Sein Don Giovanni geht in der Liebe, wie im Leben, nur in eine Richtung und diese kann laut Münstermann nur zu einem führen: dem Ende. Ein vergebenes Leben, in dem Don Giovanni nicht eine Abzweigung genommen hat, um sich auf dieser vielleicht weiter zu entwickeln und sich selbst als mehr zu begreifen als den verzehrenden Liebhaber. Der sich am Ende selbst verzehrt.

Eine Triebfeder, aus der jeder selbst etwas machen muss

Für Regisseur Münstermann ist der Eros, den Don Giovanni so munter in die Welt trägt, nichts weiter als eine Triebfeder, aus der jeder selbst etwas machen muss. Ob er sie zum Guten nutzt oder, wie so oft im Stück, zum Schlechten. Das Publikum interessierte in der Historie des Stückes dabei vor allem eines: was passiert, wenn man sich vom „ungefilterten“ Eros übermannen lässt. In unserer heutigen durchgeplanten und dabei kalt gewordenen Gesellschaft wünschen sich viele so eine leidenschaftliche Beziehung, in der sie einfach von ihren Gefühlen übermannt werden, sodass sie gar nicht mehr anders können als sich einfach mal hinzugeben. Doch gerade dann muss man, laut Münstermann, eine eigene Haltung, einen Ethos, eine Sittlichkeit entwickeln, durch die man diesen Eros in etwas Positives wandeln kann.

Für den Zuschauer hat Münstermann keine eindeutige Botschaft parat. Es geht ihm mehr darum, dass der Zuschauer seine eigene Ambivalenz zu spüren bekommt, wie er dieser gescheiterten Persönlichkeit bei seinen vergeblichen Liebesversuchen zusieht. Die eigene Schaulust spürt und doch weiß, dass solch ein Dasein kein Erfolg Versprechendes sein kann. Was er letztendlich aus dieser Erfahrung mitnimmt, bleibt jedem Zuschauer selbst überlassen.

Vom Ensemble im hiesigen Theater ist der Regisseur begeistert, bezeichnet er es doch als williges, neugieriges, aufgeschlossenes Team, dem man auch körperlich alles abverlangen kann. Das mal finstere, fast dämonische Passagen genauso (er)tragen kann wie klamottenartige, komödiantische Parts.

Den Zuschauer erwartet also ein abwechslungsreiches Programm, von fast burlesken Szenen bis hin zu schauerlichen Partien, alles unter dem nächtlichen Mantel des Abgewandten, Andersartigen, wie es nur in den verwunschenen Stunden um Mitternacht hervorkommen kann. Besonders von seinem Hauptdarsteller dem neuen Barriton am Theater Trier ist Münstermann hingerissen, hat er ihn doch damals am Anfang der Spielzeit selbst mit ausgesucht. Als Don Giovanni hat Amadeu Tasca seinen Einstand in Trier.

Man darf gespannt sein

Man darf also gespannt sein auf dieses Werk. In den Hauptrollen werden neben Amadeu Tasca unter anderem auch Joana Caspar als Donna Anna, Svetislav Stojanovic als Don Ottavio und Pawel Czekala als Commendatore zu sehen sein. Premiere ist am heutigen Sonntagabend im Großen Haus des Theaters um 20:00 Uhr.

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