Buntes: Zwischen Heino und Tokio Hotel – Deutsche Sprache im Ausland

Von Andreas Gniffke (Text und Fotos)

Ein flämischer Germanist in der Wallonie – kaum jemand scheint besser geeignet, sich über die komplexen Zusammenhänge von Sprache und Kultur zu äußern als Jeroen Darquennes, Professor an der Universität Namur. In einem Gastvortrag des Faches ‚Deutsch als Fremdsprache‘ in Zusammenarbeit mit der ‚Gesellschaft für deutsche Sprache‘ referierte Darquennes an der Uni Trier über das Image des Deutschen in Europa, allerdings aus einer belgischen Perspektive.

Wie werden die Deutschen und ihre Sprache im Ausland wahrgenommen? Noch immer spielen nationale Stereotype eine Rolle und Sauerkraut, Wurst und Bier werden eng mit der deutschen Kultur in Verbindung gebracht. Doch gerade in den letzten Jahren lässt sich vor allem bei jüngeren Menschen im Ausland ein etwas differenzierteres und vor allem positiveres Bild Deutschlands im Ausland beobachten. Darquennes versuchte in seinem kurzweiligen Vortrag die aktuelle Situation zu beleuchten und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie unser Land durch gezieltes ‚Sprachmarketing‘ Werbung für die eigene Sprache betreiben könne.

Wer spricht Deutsch in Belgien?

Die Rolle der deutschen Sprache im komplexen sprachlichen Gefüge unserer westlichen Nachbarn stand am Beginn des Vortrags, immerhin stellt Deutsch neben Französisch und Niederländisch eine der drei offiziellen Landessprachen Belgiens dar. Die Zahl der deutschen Muttersprachler innerhalb der deutschsprachigen Gemeinschaft im Osten des Landes beträgt allerdings weniger als 80.000 Menschen. In Flandern lernen lediglich 15% der Schüler Deutsch, in der Wallonie sogar nur 2,7%.

Das Image Deutschlands in Belgien wird zu großen Teilen immer noch durch Stereotype geprägt, die als typisch deutsche Tugenden zusammengefasst werden können. Die Menschen gelten als fleißig, zuverlässig, aber auch als distanziert und ernsthaft. Geändert hat sich dies in den vergangenen Jahren vor allem durch die Rolle der deutschen Fußballnationalmannschaft und die Ausrichtung der WM 2006. Neben der ‚typisch deutschen‘ perfekten Organisation vermittelte das Land der Welt den Eindruck einer großen Party und eines fröhlichen, jungen Volkes. Dazu kam im vergangenen Jahr der erfrischende Auftritt in Südafrika, als weniger Kampffußball sondern ein offensiv ausgerichteter Spaßfußball das Spiel einer geradezu multikulturellen deutschen Mannschaft prägte.

Im Sinne des ‚Deutschland-Marketings‘ waren diese Ereignisse unbezahlbar. Auch deutsche Schlagermusik und in jüngster Zeit europaweite Erfolge von Bands wie Tokio Hotel haben das Interesse an deutscher Sprache und Kultur verstärkt, zumindest solange bis Tokio Hotel begonnen haben englisch zu singen, wie Darquenne schmunzelnd bemerkte. Goethe und Wagner seien aber auch nicht gänzlich unbekannt.

Dennoch ist zu beobachten, dass in Belgien das Interesse an der deutschen Sprache insgesamt nachzulassen scheint, obwohl gerade Unternehmen immer wieder die Bedeutung des Deutschen und den Bedarf an deutschsprachigen Arbeitskräften betonen. Vor allem im französischsprachigen Teil gilt Deutsch als schwer erlernbare Sprache und ist nach Niederländisch und Englisch höchstens dritte Fremdsprache, ebenso wie in Flandern.

Sprachmarketing und deutsche Kultur

Doch was kann getan werden, um das Image der deutschen Sprache im Ausland aufzupolieren? Zum einen könnte die wirtschaftliche Motivation betont werden, denn aufgrund der starken Bindung der belgischen Wirtschaft an den deutschen Nachbarn könnte die Kenntnis der deutschen Sprache auf der Suche nach einem Arbeitsplatz einen individuellen Vorteil darstellen. Zum anderen muss versucht werden, Neugier für das ganze Land zu wecken und potentiellen Sprachlernern Deutschland als ein Land jenseits von Neuschwanstein und Kölner Rosenmontagszug zu präsentieren.

Initiativen in diese Richtung gibt es bereits. Gerade die Goetheinstitute, jahrelang als Kulturinstitute im klassischen bildungsbürgerlichen Sinn präsent, setzen verstärkt auf eine Förderung populärer Kultur und laden zahlreiche bekannte Bands und Schriftsteller in ihre Institute auf der ganzen Welt ein. Auch aus Belgien selbst sind Projekte zur Stärkung der deutschen Sprache geplant. Es wird sich zeigen, ob dies zu einer Überwindung der präsenten Stereotype führen kann.

Sprache und Politik: Ein Land am Abgrund?

Europa - Belgien - Flandern: Die belgische Identität ist ein kompliziertes Konstrukt.

Die unterschiedlichen Sprachen spielen zudem eine bedeutende Rolle in den aktuellen politischen Zuständen in Belgien. Das Land ist mittlerweile bereits seit mehr als 200 Tagen ohne Regierung -ein Zustand, der nahezu jedes Land in heilloses Chaos stürzen würde.

Nicht jedoch Belgien, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass die wesentlichen staatlichen Funktionen auf Ebene der Regionen aufrechterhalten werden. Dennoch oder auch deshalb steht immer wieder eine vollständige Auflösung Belgiens im Raum, sollten Flamen und Wallonen sich auch zukünftig nicht auf eine gemeinsame Regierung verständigen können.

Jeroen Darquennes äußerte sich im Gespräch mit 5vier.de allerdings zuversichtlich, dass es letztendlich wieder zu einer belgischen Lösung kommen dürfte: „Innerhalb Belgiens sind die Regionen so autonom organisiert, dass es auch unter dem belgischen Dach möglich ist, seine regionale Identität zu leben. Außerdem würde eine Trennung enorme Probleme verursachen – man denke nur daran, wie die Staatsverschuldung auf die Regionen umgelegt werden sollte. Letztendlich bin ich der Meinung, dass im Rahmen der Auseinandersetzung vor allem die Differenzen zwischen Flamen und Wallonen betont werden und die vielen Gemeinsamkeiten, die es zweifellos gibt, vergessen werden.“

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Kommentare (1)

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  1. Marie sagt:

    In France, we loved Tokio Hotel because this group sang in German. When the band tried in 2008 to sing in English in Paris Bercy, the fans cried. Since this day there, the group sings in German in France. And so we love them and in France we love german language.

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