Campus: Pädagogik als Fliessbandprodukt an der Universität Trier?

Am vergangenen Mittwoch machte die Fachschaft Pädagogik durch eine Protestaktion auf die Studienbedingungen im Fach Pädagogik aufmerksam. Seit einigen Jahren stellen sich hier viele die Frage „Ist Masse statt Klasse das neue Credo an der Universität Trier“?

Der Status Quo

Erfahrungen wie die von Caroline zeigen, wie es um das Fach Pädagogik an der Universität Trier steht: „Nun bin ich im fünften Semester und habe keine großen Unterschiede zwischen einem Seminar und einer Vorlesung erlebt“.

Im Jahre 2005 empfahl die deutsche Hochschulenrektorenkonferenz eine Teilnehmerzahl von 15 bis 30 Personen. Einem seminaristischen Unterricht können auch bis zu 50 Studenten beiwohnen. In der Realität wird diese Zahl heute von 340 % bis zu 566 % übertroffen. Ein Studium in Eigenregie kann die Folge sein: „Eine Antwort zu förmlichen Rahmenbedingungen der Seminararbeit kann auch mal ein Monat dauern.“, beschwert sich Jenny, die Pädagogik im fünften Semester studiert.

Bekanntlich ist geteiltes Leid halbes Leid – genau so ist es im Fach Pädagogik. Nicht nur die Studenten kämpfen mit den Bedingungen, sondern auch die Lehrenden. Im Fall der Studenten gilt das Sprichwort „viele Köche verderben den Brei“: Man stelle sich nur mal einen völlig überfüllten Seminarraum vor, in dem Studenten sitzen, die lernen wollen. Doch es scheitert an der Masse. Denn es gibt immer welche, die nicht aktiv am Unterrichtsgeschehen teilnehmen und den Verlauf sogar stören können. Somit ermutigt auch Prof. Dr. Rita Meyer ihre Studenten: „Unterstützen Sie diese Protestaktion bitte. Ansonsten wird keine Verbesserung der Lage stattfinden.“

Wo drückt der Schuh?

Um diesem Zustand ein Ende zu bereiten, hat die Fachschaft im vergangenen Sommersemester die Aktion „Zeig dem Bachelor die rote Karte!“ ins Leben gerufen. Denn zusammen mit dem Betroffenen kann die Fachschaft mehr bewirken. Mit großem Engagement verlieren sie ihre Ziele nie aus den Augen:

  • Seminare und Lehrqualität verbessern: In der Realität stehen zu wenig Lehrende den Studentenmassen gegenüber. Das verringert natürlich die Qualität.
  • Modulhandbuch: Der theoretische Studienverlauf sieht traumhaft aus, denn man kann aus so gut wie allen Bereichen – wie BWL, Politik, … – wählen. Doch in der Realität kann man nur zwischen wenigen Fächern wählen, die man an einer Hand abzählen kann.
  • Praktikumsmodul: Eigentlich soll ein Praktikum in diesem Modul Projektcharakter haben, seminarbegleitend sein und von den Dozenten betreut werden. In der Praxis allerdings steht eine Zulosung der Studenten an die Dozenten an der Tagesordnung. Es entsteht eine massenhafte Anpassung an die Dozenten und eine individuelle Themensuche der Studierenden kann nicht gewährleistet werden.
  • Betreuung: Auf einen Termin in der Sprechstunden sind Wartestunden bis zu 4 Stunden keine Seltenheit.
  • Zahlen und Organisation: Da die Erziehungswissenschaft mit den Bildungswissenschaften zusammengelegt wurde, sind aktuelle Zahlen wie 48 Studenten pro Dozent mit höchster Vorsicht zu genießen. „Vermutlich liegen die Zahlen weitaus höher“, so Bianca Helbig vom Fachschaftsrat.

Den Grund dieser Misere dürfte der Hochschulpakt darstellen. Bund und Länder investieren zusätzliche Mittel in den Ausbau von Studienmöglichkeiten und unterstützen somit die steigende Studiennachfrage. Wie wird dieser Pakt in der Praxis an der Universität Trier umgesetzt? Im Wintersemester 2008/09 verzichtete die Universität auf eine Zulassungsbeschränkung für das Fach. Somit schrieben sich statt 180 (entspricht der Kapazität des Faches) gleich 450 Studenten im Lehramtsstudiengang ein. Zählt man die Nebenfächer hinzu, stellt diese Situation für die Pädagogik eine gewaltige Zahl von 1.214 Studenten im ersten sowie zweiten Semester dar.

Theoretisch müsste diese Situation zu bewältigen sein. Gemäß dem Hochschulpakt fließt pro zusätzlichem Studenten in einem Semester 1.750 Euro in die Hochschulkasse. Auf insgesamt vier Jahre verteilt macht das eine Summe von 14.000 Euro. Trotz allem ist noch keine Verbesserung eingetreten. Lediglich geringe und kurzfristige Lösungen wurden in Angriff genommen.

Der Weg zum Ziel

Die oben dargestellten fünf Punkte möchte die Fachschaft durch

  • die Erhaltung der Junior Professur im Fach
  • zusätzliche Dozentenstellen

erreichen, die auch langfristig angelegt sind. Zudem legt die Fachschaft durch eine Slogan-Änderung „Zeig den Studienbedingungen die rote Karte!“ eine starke Interessenvertretung der Betroffenen an den Tag. Schließlich haben sie das Motto nach dem Vorschlag der Studierenden geändert. „Die Betroffenen haben vollkommen Recht. Es sind nämlich die Studienbedingungen allgemein, die zu ändern sind. Wir haben kein Interesse daran, die Bologna-Beschlüsse in diesem Zusammenhang zu kritisieren“, so der Sebastian Singer vom Fachschaftsrat.

Um diese Missstände zu bekämpfen, hat die Fachschaft bis jetzt zwei Mal zum „Runden Tisch“ eingeladen. Wichtige Entscheidungsträger, wie der Präsident der Universität Trier, sind der Einladung gefolgt und erste kurzfristige Lösungen konnten erreicht werden. Für das aktuelle Wintersemester wurden zusätzliche Tutorien (Organisation durch die Fachschaft), eine viertel Stelle im Fach und eine halbe Sekretariatskraft hervor gebracht. Beide Stellen haben nur einen begrenzten Vertrag. Somit stellen auch die momentanen Handlungen lediglich eine kurzfristige Lösung dar, zumal die Belange der Studentenmasse dadurch noch lange nicht bedient werden.

Um die Studienbedingung auch langfristig angenehm zu gestalten, „werden wir an die politischen Entscheidungsträger in der Landtagsfraktion herantreten“, so Sebastian. Diese langfristige Lösung will die Fachschaft bis März 2012 erreichen. Denn nur so kann eine Verbesserung stattfinden. Ein erster Schritt dahin bildet ihre Postkartenaktion. In vier Motiven stellt die Fachschaft plakativ dar, wie die Zustände im Fach Pädagogik sind. Mit diesen Karten werden sie in den nächsten Wochen alle Veranstaltungen besuchen und Unterschriften auf den Postkarten sammeln. Diese leiten sie je nach Wunsch der Studierenden an den Dekan oder dem Präsidenten der Universität weiter.

5vier.de wünscht Ihnen viel Erfolg bei dieser Aktion.

 

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Kommentare (9)

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  1. Thing Wong sagt:

    @ Bianca Helbig: Vielen Dank für die Information.

  2. Bianca Helbig sagt:

    @Thing Wong: Keiner der Erziehungswissenschaft studiert wird in erster Linie Lehrer. Weder nach dem Bachlor noch nach dem Master. Die Bildungswissenschaftler sind die Lehramtsstudenten (ganz anderer Studiengang). Erziehungswissenschaft hat damit nicht viel zu tun.

  3. Thing Wong sagt:

    @Stephan: Leider bittere Realität. Wie kann man denn überhaupt noch Lehrer werden? Nach dem Master?

  4. Thing Wong sagt:

    @Lina: Herzlichen Dank für Ihre Aufklärung! Die Angaben wurden umgehend geändert 😀

  5. Lina sagt:

    „Da die Erziehungswissenschaft mit der Pädagogik bereits seit Jahren zusammengelegt ist…“

    Richtig ist: Die Erziehungswissenschaft/Pädagogik (Bachelor) wurde mit den Bildungswissenschaften (für Lehramt) zusammengelegt!!! Diese Tatsache beschönigt jede Statistik!

  6. stephan sagt:

    @5vier.de: Das ist ein Bachelor Studiengang und KEIN Lehramtsstudiengang. Keine Pädagogik Student der Uni Trier wird Lehrer!!!!!

  7. Thing Wong sagt:

    Auffällig ist das in jedem Fall – und genau auffallen soll ja auch die ganze Protestaktion. Also mutmaße ich bequemerweise einfach mal eine Absicht dahinter…. Immerhin hat die Fachschaft in einem halben Jahr, neben dem eigenen Studium, doch Einiges erreicht. Da kann ich auch mal ein Auge zudrücken.

  8. Tom sagt:

    Die Tatsache, dass die Protest-Postkarte haarsträubende sprachliche und stilistische Mängel aufweist, dürfte allerdings nichts mit überfüllten Seminaren zu tun haben…

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