„Der Blick auf einen selbst“ – „Bandscheibenvorfall“-Regisseur Anatol Preissler

Bandscheibenvorfall heißt das neue Stück im Theater Trier. “ Ein Abend für Leute mit Haltungsschäden“, der vielsagende Untertitel. 5vier.de Mitarbeiterin Stefanie Braun sprach mit Regisseur Anatol Preissler.

Bei einem Bandscheibenvorfall löst sich die gelartige Masse auf, die zwischen den Wirbeln der Wirbelsäule steckt und den Rücken geschmeidig, belastbar aber auch gesund hält. Verschwindet diese weiche Masse drohen Schmerzen, auch Bewegungsunfähigkeit; man hat im wahrsten Sinne des Wortes „sein Rückgrat verloren“. So geht es auch den fünf Hauptdarstellern im neuen Schauspielstück „Bandscheibenvorfall“, die beißen, bescheißen und mobben sich durch den harten Büroalltag. Ach was, den Bürokrieg. Stromberg ist Kindergarten dagegen. 5vier.de Mitarbeiterin Stefanie Braun sprach mit dem Regisseur des Stückes über Krankheiten der Moderne, Stress und Rückgrat.

 5vier.de: Herr Preissler Ist der Bandscheibenvorfall der Figuren ein körperlicher oder ein seelischer?

Anatol Preissler: Ein seelischer natürlich, überhaupt geht es weniger um die körperlichen Gebrechen, als um die innere Haltung der Figuren untereinander und natürlich in Abhängigkeit zu dem allgegenwärtigen aber imaginären Chef.

 5vier.de: Dabei erlebt man auf der Bühne allerdings einen kleinen Herzanfall. Der ist ja ein deutliches körperliches Gebrechen.

Anatol Preissler: Natürlich stellen wir auch die typischen Stresssymptome dar, wie eben den Herzinfarkt, Burnout und anderes, aber zentral bleibt die Situation der Figuren untereinander. Im zweiten Teil nach der Pause können wir besonders auf die inneren Zustände jedes Einzelnen eingehen.

 5vier.de: Woran erkrankt der moderne Mensch denn häufiger? Am Körper oder an der Seele?

Anatol Preissler: Kann man das denn trennen? Viele körperliche Symptome haben ihren Ursprung ja in der Seele. Wer im reinen mit sich und seinem Umfeld ist wird weniger krank.

5vier.de: Aber im reinen mit sich, kann doch auch ein skrupelloser Manager sein. Bedeutet das, dass der nicht krank wird?

Anatol Preissler: Ich habe ein paar Bekannte, die Manager sind und ihren Beruf lieben, trotzdem haben sie in der Weihnachtszeit oft Schweißperlen auf der Stirn stehen: Irgendwann muss sich eine solche Lebensweise auf die Gesundheit auswirken. Die Situationen, die wir hier zeigen sind ja sehr alltagsnah, sie können in jedem Büro, in jeder Firma, in jedem Betrieb stattfinden. Es kann sich eigentlich jeder wiedererkennen. Nicht nur der Manager.

 5vier.de: Woran liegt es denn, dass man so oft erkrankt?

Anatol Preissler: Zum einen an der Schnellebigkeit, an dem hohen Tempo, das uns durch Medien und Technik suggeriert wird. Aber Stress hat auch viel mit der eigenen Haltung zu tun. Auch mit dem Verbiegen des eigenen Selbst. Zum Beispiel: junge Leute überlegen oft nicht mehr, was sie eigentlich machen wollen, sondern wissen nur noch, dass sie gut funktionieren müssen. Sie verbiegen sich immer mehr um einen „guten“ Job zu halten. Ich denke, dass man sich am nächsten Morgen noch im Spiegel anschauen können muss. Wenn ich mich verbiegen müsste, wüsste ich, dass ich nicht mehr kreativ arbeiten könnte. In der Kunst sind Kompromisse oft keine Lösung. Man muss sich in einem anderen Masse kontrollieren und aufpassen, dass Rückgrat nicht zur Sturheit wird.

 5vier.de: Welches Rezept würden Sie dem gestressten Menschen von heute verordnen?

Anatol Preissler: Das Stück ist als Appell gedacht; wir haben auch das Ende stark verändert. Und so wie es nun ausgeht, würde ich es auch jedem empfehlen. Man muss den Mut haben zu sich zu stehen. Es ist oft der schwierigere Weg, aber dafür kommt umso viel mehr zurück.

 5vier.de: Das ist dann auch das Ziel ihrer Inszenierung?

Anatol Preissler: Der eigentliche Gedanke der Autorin geht in die Revolutionsrichtung, den Chef ignorieren, nicht mehr aufstehen, wenn er ruft. Bei uns geht es eher darum aufzustehen und seine Meinung zu sagen.

 5vier.de: Wem empfehlen Sie das Stück dann?

Anatol Preissler: Ich empfehle es allen, vom gestressten Studenten, über den Manager, bis hin zur Kauffrau. Mobbing fängt ja auch schon in den Schulen an, man findet die Probleme hier in jedem Berufsfeld wieder. Auch im kreativen Bereich. Ich selbst habe schon Dinge akzeptiert um Konflikte zu vermeiden, meistens hat es das nur schlimmer gemacht. Mit der Wahrheit fährt man immer noch am besten. Im Beruf wie im Privatleben. Kurzum, Zuschauen lohnt sich für jeden, denn meistens eröffnet der Blick auf andere, einem nochmal den Blick auf einen selbst.

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