DFB-Pokal: Ein Tor gegen Beckenbauer – Harald Kohr erinnert sich

In der Saison 1981/82 unterlag Eintracht Trier im DFB-Pokal beim Hamburger SV mit 1:2. Harald Kohr war damals erst 19 und erzielte ein Tor gegen die Jahrhundertruppe des HSV. Für 5vier.de erinnert sich die Stürmer-Legende an einen abenteuerlichen Tag mit Blitz und Donner und blickt voraus auf das Wiedersehen am Dienstag.

1983 sah ich das Endspiel im Europapokal der Landesmeister vor dem Fernseher. Der Hamburger SV spielte gegen Juventus Turin in Athen, Felix Magath schoss das entscheidende Tor. Ich freute mich, wie immer bei Siegen von deutschen Mannschaften in internationalen Wettbewerben. Der HSV war eine Jahrhundert-Mannschaft, ein Aushängeschild. Ernst Happel war als Trainer eine echte Größe. Die haben einfach einen geilen Ball gespielt. Doch dieser Europapokal-Erfolg gab mir ein besonderes Gefühl. Ungefähr ein Jahr vor dem Sieg in Athen habe ich mit Eintracht Trier im DFB-Pokal bei diesem Hamburger SV gespielt. Wir verloren 1:2, aber wir durften uns mit den Stars messen. Es war die letzte Saison von Franz Beckenbauer. Wer kann noch von sich behaupten, einmal gegen den Kaiser gespielt zu haben?

Die Auslosung in der Sportschau führte uns nach Hamburg. Damals gab es für Amateurvereine nicht automatisch Heimrecht. Wir waren am Anfang etwas traurig, weil wir gerne in Trier gespielt hätten. Den Menschen in der Stadt hätte das viel bedeutet, das Moselstadion wäre sicher randvoll gewesen. Im riesigen Volksparkstadion verloren sich die 6500 Zuschauer, die da waren. Auf der anderen Seite war das Pokalspiel die Chance, sich mal über den Tellerrand der Region hinaus zu präsentieren. Für mich war es das erste Jahr in der ersten Mannschaft, ich war erst 19. Lampenfieber kannte ich nicht, bei mir herrschte die pure Vorfreude.

Eine Flugreise bei Blitz und Donner

Die Anreise nach Hamburg war schon abenteuerlich. Wir reisten mit einem Flugzeug von Luxemburg am Spieltag an und am Spieltag zurück. Aus heutiger Sicht, wo Mannschaften Hotelübernachtungen einlegen, ist das ein Unding. Doch die Zeiten waren anders. So flogen wir früh morgens los, in einer Maschine mit Fans und Sponsoren, die ihren Obolus geleistet hatten. Der Flug war extrem turbulent. Über Hamburg tobte ein Unwetter mit Wind, Blitz und Donner. Minutenlang kreiste die Maschine über dem Flughafen. Es war fraglich, ob wir landen können oder umleiten müssen. Ich saß direkt neben dem Flügel und sah nur, wie das Flugzeug schräg gegen die Luft anflog. Erst im letzten Moment der Landung wurde die Maschine gerade. Die Gesichter um mich rum waren ganz schön blass.

Im Stadion angekommen, war jeder in sich gekehrt. Wie schwer es war, etwas mitzunehmen, wussten wir. Wir gingen mit der Einstellung ins Spiel, nicht vernichtend geschlagen werden zu wollen. Unser Trainer Dietmar Schwager hat uns so vorbereitet wie in jedem Spiel. „So kommen wir durch“, war seine Überzeugung. Eine schlechte Truppe hatten wir nicht. Die Eintracht war gerade aus der 2. Bundesliga abgestiegen, viele Spieler wie Alfred Wahlen und Mile Novkovic blieben uns erhalten, mit Dietmar Fritzsche, Runald Ossen, Gerry Klein und mir kamen junge, hungrige Spieler hoch. Wir waren eine Spitzenmannschaft in der Oberliga – unsere Gegenspieler waren aber reihenweise Nationalspieler wie Uli Stein, Manfred Kaltz, Jimmy Hartwig, Felix Magath und Horst Hrubesch.

Ein Tor gegen Beckenbauer und ein ehrfürchtiges Laufduell

In der Anfangsphase liefen wir nur hinterher. Happel war der erste Trainer, der in Deutschland mit Raumdeckung und Viererkette spielen ließ. Die haben den Ball einfach laufen lassen. Ich hatte das Gefühl, die durften nicht mit mehr als zwei Kontakten spielen. Wir sind gar nicht in die Zweikämpfe gekommen und haben uns einen Wolf gelaufen. Holger Hieronymus brachte den HSV früh in Führung. Aber dann gelang ausgerechnet mir der Ausgleich. Ich erinnere mich noch genau an die Szene. Von links kam eine Flanke maßgeschneidert in den Strafraum, ich lief in die Lücke zwischen Ditmar Jakobs und Franz Beckenbauer, zielte genau und köpfte das 1:1. Das war ein Highlight, ich habe mich extrem gefreut. Als Stürmer wollte ich immer Tore schießen, egal, wie stark der Gegner war.

Danach war das Spiel ein gutes Stück offen, Fritzsche traf aus 30 Metern nur die Latte zum möglichen 1:2. Runald Ossen musste später bei einer Eins-gegen-Eins-Aktion mit seiner Schnelligkeit nur an Franz Beckenbauer vorbeigehen. Doch der Kaiser war sein absolutes Vorbild, die Ehrfurcht war zu groß. „Ich konnte einfach nicht an meinem Idol vorbei“, sagte er uns nachher in der Kabine. Dieter Lüders kümmerte sich um Felix Magath und trieb ihn fast zur Verzweiflung. Er zog alle Register, manchmal auch am Rande des Erlaubten. Leider fiel spät noch das 2:1 durch Lars Bastrup, aus unserer Sicht war es Abseits. So waren wir enttäuscht, aber auch zufrieden, dem großen HSV nicht zu hoch unterlegen zu sein.

„Wir haben das Flugzeug leer getrunken“

Nach dem Spiel gab es noch Smalltalk, ich unterhielt mich mit Jakobs und Beckenbauer. Danach mussten wir sofort duschen und wurden mit einer Polizeieskorte und Blaulicht zum Flughafen gebracht, weil wir vor 0 Uhr starten mussten. Und das wieder bei den stürmischen Bedingungen. Dafür haben wir dann auf dem Rückflug das ganze Flugzeug leer getrunken. Einige aus Lust, andere aus Angst vor dem Fliegen. Bier, Sekt, es blieb nichts mehr übrig. Später fuhr mich Achim Wilbois nach Hause, ein junger Spieler. Wir hatten eine Mordsgaudi, haben Sprüche gerissen, das Erlebnis Revue passieren lassen, das auch in Hamburg Beachtung fand. Die Bild-Zeitung titelte einen Tag später in Anspielung auf unseren Flug: „Blitz und Donner: Trier traf den HSV“. In den Tagen danach sprachen uns in Trier viele Leute an und freuten sich mit uns über die gute Leistung. Traurig waren sie aber, weil sie den HSV nicht live sehen konnten.

So wie beim 2:1-Sieg gegen St. Pauli wollen die Eintracht-Fans auch gegen den Hamburger SV jubeln. Anders als 1981 kommt der Bundesligist diesmal ins Moselstadion.

Daher finde ich es schön, dass Hamburg nun im Pokal mit Verspätung nach Trier kommt – 30 Jahre nach unserem abenteuerlichen Tag. Ich bin auch im Stadion, sitze bei den Pressevertretern und drücke die Daumen. Es wird wieder eng. Der HSV steht unter Zugzwang, Thorsten Fink sitzt auf der Bank, mit dem ich Wattenscheid zusammen gespielt habe. Doch ich bin sicher – Fans, Spieler und Trainer aus Trier werden alles dafür tun, dass die Sensation nicht an Nachlässigkeiten scheitert. Wenn der HSV dann nicht seinen besten Tag erwischt, ist die Überraschung möglich, die wir 1981 so knapp verpasst haben.

Zur Person

Harald Kohr wurde am 14. März 1962 in Trier geboren. Von 1981 bis 1986 spielte er für die Eintracht in der Oberliga und erzielte in 220 Spielen 109 Tore. Danach gelang ihm beim 1. FC Kaiserslautern der Durchbruch in der Bundesliga mit 45 Treffern in 86 Spielen. So tritt der 49-Jährige noch häufig zu Traditionsspielen der Pfälzer an. Bei den Grashoppers Zürich gewann er unter Ottmar Hitzfeld die Meisterschaft und den Pokal. Seit 1999 ist er Stützpunkttrainer des DFB und arbeitet bei Lotto Rheinland-Pfalz.

 

+++++Gewinnspiel+++++

Das DFB-Pokalspiel zwischen Eintracht Trier und dem Hamburger SV ist restlos ausverkauft. Bei 5vier.de könnt Ihr aber noch 2×2 Eintrittskarten für den Pokalknaller am Dienstag, 25. Oktober, um 20.30 Uhr gewinnen. Die Tickets gelten für die Zusatztribüne, die extra im Moselstadion aufgebaut wird. Hier geht es zum Gewinnspiel.

Stichworte:

Kommentare (1)

Antworten | Trackback URL | RSS

  1. rechtsaußen sagt:

    sehr schöner bericht!

Antworten

Wir freuen uns über Kommentare und möchten allen Lesern die Möglichkeit geben, kritisch zu den Themen und Artikeln Stellung zu beziehen und ihre Meinung kundzutun. Wir behalten uns das Recht vor, jeden Kommentar vor Veröffentlichung redaktionell zu überprüfen und nur Kommentare freizuschalten, die sich sachlich mit dem Thema des Beitrags beschäftigen.
Spielregeln