DFL-Sicherheitspapier: „Die Enttäuschung müssen wir sacken lassen“

Von Andreas Gniffke und Florian Schlecht

Viel wurde diskutiert, protestiert, hyperventiliert: Am Mittwoch hat die DFL auf ihrer Mitgliederversammlung dem umstrittenen Konzeptpapier „Stadionerlebnis“ in allen Punkten zugestimmt, nicht ohne zuvor grundlegende Änderungen gegenüber der ersten – von den Fans und vielen Vereinen kategorisch abgelehnten – Fassung eingearbeitet zu haben. Doch was nun? Haben wir es mit dem Ende der Fankultur, wie wir sie kennen zu tun. Oder ist das Papier trotz oder wegen aller Proteste sogar ein Schritt in die richtige Richtung? 5vier.de bietet einen Überblick über die Beschlüsse und sprach mit aktiven Anhängern von Eintracht Trier, welche Konsequenzen sie aus den Ereignissen dieser Woche ziehen.

Ein friedlicher Protest, der die Position der Fans stärkte

Auch in Trier wurde gegen das Sicherheitspapier protestiert. Foto: Anna Lena Grasmück.

Der Protest gegen das Konzeptpapier war laut, weil er so leise war. Für zwölf Minuten und zwölf Sekunden war es in den vergangenen Wochen weitestgehend still in den deutschen Stadien. 12:12. Stummer Protest gegen einen Maßnahmenkatalog, in dem viele Fans einen Angriff auf die eigene Kultur und die Stimmung in den deutschen Stadien sahen. Und tatsächlich hatten es die deutschen Fußballfunktionäre wie bereits in der für sie peinlichen Debatte um die Legalisierung von Pyrotechnik geschafft, durch Arroganz und Ignoranz einen Sport in Gefahr zu bringen, der in Deutschland zurecht als Volkssport gilt. Aufgeputscht durch Hardliner in Politik und Presse wurde ein Szenario entworfen, das bürgerkriegsähnliche Zustände in den deutschen Stadien zeichnete. Statistiken wurden instrumentalisiert, die bei genauerer Betrachtung deutlich belegten, dass die Stadien zu den sichersten Orten des Landes gehören und wirklich niemand ernsthaft um sein Leben fürchten muss. Schnell wurde durch Druck von Außen ein Maßnahmenkatalog gezimmert, der eines vergaß, nämlich diejenigen in die Debatte einzubeziehen, die von diesem unmittelbar betroffen waren, nämlich Fans und Vereine. Und so schlitterten DFB und DFL in die peinliche Situation, dass das Paket auf breite Ablehnung stieß und überarbeitet werden musste. Eine weitere Schlappe bei der Mitgliederversammlung der DFL in dieser Woche konnte man sich auch vor den wachsamen Augen der politischen Scharfmacher kaum leisten.

Und auch die Fans erhöhten den Druck. Friedlich besann man sich auf die eigenen Stärken und demonstrierte eindrucksvoll, wie ein Stadion aussehen würde, wenn es nur noch von passiven Sitzplatzbesuchern und Eventfans besucht würde. Spieler beschrieben die gespenstische Stille als bedrückend, ausländische Besucher zeigten sich verwirrt, was denn mit der bewundernswerten Atmosphäre passiert war. Daneben beschäftigte man sich innerhalb vieler Vereine intensiv mit dem Papier, was dadurch in der zweiten Fassung deutlich weniger scharf formuliert ist. Auch vor dem Versammlungsort in Frankfurt demonstrierten zahlreiche Fans gegen das umstrittene Papier und in vielen Medien ist ein kleiner Stimmungswandel zu beobachten. Fans werden auf einmal nicht mehr pauschal als Ultras, Hooligans und Fußball-Taliban verunglimpft, sondern als ernstzunehmender Teil des Sports wahrgenommen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Zustand von Dauer sein wird und der Generalverdacht des potentiellen Straftäters aus den Köpfen verschwindet.

Die Rettung des Fußballs in 16 Artikeln?

Bei vielen Äußerungen von allen Seiten sind Zweifel angebracht, ob das insgesamt 16 Artikel umfassende Papier überhaupt vollständig gelesen wurde. Denn neben einigen umstrittenen Punkten finden sich dort auch durchaus vernünftige Dinge, die vielerorts schon zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Eine kurze Beschreibung der einzelnen Artikel hat der Kicker bereitgestellt.

Optimiert werden soll zunächst die Videoüberwachung in und um die Stadien, um die Identifizierung von Straftätern zu erleichtern. Damit verbunden ist auch das Verbot von Gegenständen, die Vermummung erlauben könnten, wie zum Beispiel Sturmhauben. Auch die Ordnungsdienste sollen besser geschult und überwacht werden, durchaus ein positiver Aspekt des Papiers, da überforderte oder selbst gewalttätige Ordnungskräfte tatsächlich ein massives Sicherheitsproblem darstellen. Der SPIEGEL hat in dieser Woche einen entsprechenden Artikel veröffentlicht, der die Unterwanderung der Ordner des deutschen Meisters Borussia Dortmund durch rechtsradikale Schläger zum Thema hat. Auch von einigen Vereinen im Osten der Republik sind derartige Dinge bekannt.

Doch einige Artikel stoßen den Anhängern bitter auf – und auch in der Abstimmung blieben diese wohl umstritten. So bemüht man sich von Seiten der DFL zwar, die im Vorfeld heiß diskutierten „Vollkontrollen“ bei Risikospielen aus dem Papier herauszuhalten, Zelte zur vollständigen Durchsuchung verdächtiger Personen sind nicht direkt Teil des Papiers. Derartige, auch rechtlich stark umstrittene Kontrollen wie kürzlich noch beim Spiel Bayern München gegen Eintracht Frankfurt im Gästeblock durchgeführt, stünden sowieso nicht im Verantwortungsbereich der DFL, sondern würden im Zusammenspiel von Heimverein und Polizei umgesetzt. „Alles, was man umsetzen kann, wird aber irgendwann auch umgesetzt“, sagt T.T., Mitglied von Insane Ultra. Für den 21-Jährigen ist klar: „Wenn es auf Ganzkörperkontrollen hinausläuft, wird man keinen Ultra mehr im Stadion sehen.“

Größter Kritikpunkt unter den Fans ist Artikel 14. Dort wurde festgeschrieben, dass wie bisher zehn Prozent des Kartenkontingents den Fans der Gastmannschaft zur Verfügung gestellt werden müssen. Allerdings kann nur bei Risikospielen der Heimverein das Gästekontingent in Absprache mit Sicherheitskräften und DFB um die Hälfte reduzieren. Die Befürchtung der Fans: „Wir gehen davon aus, dass dann die Zahl der Sicherheitsspiele einfach stark ansteigen wird. Und wieder werden hier im Kollektiv die Fans bestraft“, ärgert sich Gil von Insane Ultra.

„Die ausgestreckte Hand wird ausgestreckt bleiben“

DFL und DFB verpassten dazu hyperaktiv eine große Chance, nämlich gemeinsam mit Fans und Vereinen eine neue Vertrauensbasis zu erarbeiten. „Wir sind enttäuscht, dass der Dialog ohne Fans geführt wurde“, sagt Daniel Emanuel vom Supporters Club Trier (SCT). Es steht zu befürchten, dass die Fronten sich nun weiter verhärten. Nicht nur die Anhänger von der Mosel ärgern sich darüber, „dass die Liga aufgrund des Drucks durch die Politik auf die Knie gegangen ist und nicht auf den lebendigen Faktor im Stadion, den Fan, gehört hat“. So steht das Papier, bei dem Beobachter auch sicherheitspolitische Auswirkungen auf die Regionalligen erwarten, für sie als Symbol für die immer weiter fortschreitende Kommerzialisierung ihres Sports. Der warnende Hinweis auf die sterbenden Fankulturen in England und Italien ist mehr als berechtigt.

Für das kommende Wochenende sind bereits weitere Proteste angekündigt. Auch in Trier gibt es derartige Überlegungen für das Jahr 2013. „Erst müssen wir die Enttäuschung sacken lassen. Dann wird es in der Winterpause ein neues Treffen zwischen den Ultra-Gruppen geben, wo wir miteinander diskutieren werden.“ Ein Ende der Fankultur? So weit wollen die Anhänger von der Mosel nicht gehen. „Aber wir befürchten einen schleichenden Prozess, bei dem jetzt das Sicherheitspapier verabschiedet wurde, in fünf Jahren vielleicht die Stehplätze abgeschafft werden und in 20 Jahren alles vorbei ist. Dann ist die bunte Vielfalt, die in den Stadien gewachsen ist, arg gefährdet.“ Dem Dialog mit den Verbänden wollen sich die Fans aber nicht verweigern. „Die ausgestreckte Hand wird ausgestreckt bleiben.“

Auch wenn am Mittwoch nicht der Untergang unserer Fußballkultur beschlossen wurde, ist es beängstigend zu sehen, unter welchem politischen Druck die DFL und die ihr angeschlossenen Vereine Entscheidungen durchboxten, die unter Beteiligung der Anhänger und Vereine eine echte Chance dargestellt hätten, um die verfahrene Situation zwischen Fans und Verband zu verbessern. Wenn der friedliche Protest der Fans allerdings dazu führt, dass auch die Anhänger wieder eine Stimme bekommen, weil sie in der globalen Vermarktungsstrategie des modernen Fußballs einen zwar ungeliebten, aber unverzichtbaren Bestandteil darstellen, dann hat das Papier wenigstens etwas Gutes gehabt.

Das findet auch ‚Gil‘ von Insane Ultra: „Wenn man die Kampagne sieht, haben wir eine objektivere Berichterstattung und einen differenzierteren Blick in der Gesellschaft erreicht. Wenn bei uns wie in Mainz alle Fans in der Kurve schweigen, sieht man, dass es die Mehrheit ist, die sich gegen das Papier auflehnt. Die Fankultur hält zusammen. Das ist auch für die Zukunft eine wichtige Erkenntnis.“

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Kommentare (3)

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  1. Ständer05 sagt:

    Zum Sicherheitspapier und der ZIS-Statistik: „Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast“. So würde ich die ganze Hysterie beschreiben, die durch Zahlenspiele der Polizei ausgelöst wurde. Warum gibt es hier kein unabhängiges Gremium oder ein Gutachten, das sich damit objektiv beschäftigt? So hat es die Polizei geschafft, die Gesellschaft zu täuschen und aufzuhetzen, den DFB einzuschüchtern und den Fan mundtot zu machen. Eine traurige Entwicklung, die nur der Polizei und den Bonzen der Vereine hilft. Und jetzt zu Trier: Wie viele verletzte Polizisten, Gästefans, Frauen und Kinder hat die Statistik hier zu bietet? NIEMANDEN. Aber immer schön nach schärferen Gesetzen schreien, ohne Rücksicht auf jegliche Menschenrechte! Freiheit stirbt mit Sicherheit!

  2. Blauer sagt:

    Steigende Gewalt? Weder statistisch, noch faktisch bewiesen! Auch die ZIS Zahlen sagen bei genauerer Betracht das eklatante Gegenteil! Zugenommen haben definitiv die populistischen Aussagen unserer Innenminister, Polizeigerwerkschaftler und DFL Verteter! Siehe auch Stellungnahme zu den ZIS Zahlen auf Insane-Ultra.de.

    Wir reden über inexistente Probleme! Und nit jede Ordnungawidrigkeit ist ein Verbrechen! Da sich auch differenzierter äußern, oder ist einer der gegen eine Laterne pisst oder zu schnell fährt ein Verbrecher?

    Zum Thema Pyro: Wir leben in einer pluralistischer Gesellschaft! Wie Anhänger, nicht nur Ultras, sind der Meinung dass das verantwortungsvolle Zünden von Pyrotechnik ein emotionales Stilmittel ist! Das war immer so und wird auch immer so sein! Es haben genug Rechtsgutachten auch bewiesen, dass es Möglichkeiten gibt dies in Stadien zu legalisieren!

    Aber ne, ist ja Wahlkampf und den Gewerkschaftlern gehts ums Geld! Populismus, mehr nit! Gut, dass in Bonn ne Bombe gefunden wurde. Endlich neues Thema, um den Bürger für dumm zu verkaufen! Hoffen wir dass die Politik da mehr Fingerspitzengefühl und Kompetenzen zeigen als im Zuge der NSU Affäre!

  3. Marion sagt:

    Fan-Kultur? Wer gehört denn zur Fan-Kultur? Nur die 50-100 Leute im Heimspiel, oder auch die restlichen 1600 Zuschauer im Schnitt bei der Eintracht 2012? Ultras sind laut, sind bunt, feuern 90 Min ununterbrochen an – herrlich – möchte ich auch nicht vermissen! Aber eines ist Fakt; es gibt eine steigende Tendenz der Gewalt die sich unter euch mischt. Hier geht es nicht um Orndnungswidrigkeiten oder Übertretungen,sondern um
    Verbrechen und Straftaten. Diese müssen bekämpft werden. Das steht ausser Frage! Und wenn die Ultras selbst keine Idee bzw. Möglichkeiten dazu haben, so müssen Vereinsführung, DFL und Politik selbstverständlich darauf reagieren. Ich höre immer: „Man hat es verpasst uns miteinzubeziehen“ – Nun ja, welche Vorschläge kommen denn? Warum sagt denn keiner was dazu was er denkt wie solche Verbrechen zu bewältigen sind?
    Das Handeln soll sicher nicht eine Zerschlagung der Fanszene bewirken. Vielmehr erwacht die Erkenntnis, über die Hilflosigkeit Gut und Böse bei den Fans zu unterscheiden. Soll man deshab gar nicht handeln? Besteht nicht gerade darin die Gefahr, das die Lust auf Fussball verloren geht?

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