Der Lionel Messi des Rollstuhlbasketballs

Von Florian Schlecht

Vom drohenden Karriereende zu einer Paralympics-Party mit Rihanna und Coldplay. Dirk Passiwan von den Goldmann Dolphins Trier hat in den vergangenen Monaten viele Höhen und Tiefen erlebt. Für das Jahr 2013 hat der prägende Star seiner Sportart zwei Ziele vor Augen – die Playoffs in der Bundesliga und ein erfolgreiches Abschneiden bei der Europameisterschaft im eigenen Land. 5vier stellt den 36-Jährigen im Rahmen seiner Serie „Lokalmatadore des Sports“ vor.

Ein gefülltes Trophäenregal. Dirk Passiwan ist im Rollstuhlbasketball ein Weltstar.

Wer die Statistiken der Rollstuhlbasketball-Bundesliga durchstöbert, wird an einem Namen nicht vorbeikommen. Die meisten Punkte in der laufenden Saison? Dirk Passiwan. Die meisten Nahdistanztreffer? Dirk Passiwan. Die meisten Mitteldistanztreffer? Dirk Passiwan. Die meisten Dreier? Dirk Passiwan. Die meisten Freiwurferfolge, Rebounds, Vorlagen und Steals? Dirk Passiwan. Der Star der Dolphins Trier steht in jeder dieser Rubriken ganz vorne und prägt seine Sportart wie wahrscheinlich kein zweiter Spieler auf diesem Planeten. Nationaltrainer Nicolai Zeltinger spricht von Passiwan als dem „komplettesten Rolli der Welt“. Der Trierer weiß um seine Stärken: „Ich bin halt vielseitig“, sagt er. „Es gibt viele Spieler, die nur gut werfen können. Ich habe auch den Blick für das Spiel und kann die Bälle verteilen, wenn der Druck auf mich zu groß ist.“

Und Druck kennt Passiwan im Bundesliga-Alltag zur Genüge, wenn er in die Hallen in ganz Deutschland reist. „Seit Jahren ist es so, dass ich meistens von den Gegnern gedoppelt werde. Das ist manchmal schon frustrierend.“ Aber der Leistungsträger, der in Konz-Könen wohnt, genießt jedes Spiel. Im Jahr 2000 wurde bei ihm die Darmerkrankung Morbus Crohn diagnostiziert. „Der Sport hat mich erst aus dem Loch rausgeholt“, betont er. Nach Knocheninfarkten in den Ellbogengelenken, die auch im Zusammenhang mit seiner Krankheit stehen, drohte Passiwan im Frühjahr 2012 gar das Karriereende. Erst eine neue Therapie beseitigte die wochenlange Ungewissheit. „Die Schmerzen im Ellbogen sind danach weggegangen.“

80.000 Zuschauer und eine Abschlussparty mit Rihanna

Foto: Goldmann Dolphins

So konnte der Rollstuhlbasketballer sogar noch mit zu den Paralympics fahren. Bereits in Peking war er vier Jahre zuvor dabei. „Aber London“, sagt er und sitzt mit leuchtenden Augen an seinem Küchentisch, „war ein besonders tolles Erlebnis“. Auch wenn die Sicherheitskontrollen reichlich verschärft wurden. „Es dauerte lange, bis wir im olympischen Dorf waren, bei all den Zäunen und Autokontrollen. Aber die Tage mit den verschiedenen Nationen, Kulturen, Charakteren und Typen haben richtig Spaß gemacht.“

Beim Eröffnungsspiel waren gegen Gastgeber England 16.000 Fans in der Halle. „Das war ein Höhepunkt meiner Karriere“, erzählt er gerne vom 77:72-Erfolg. „Wir waren mit 20 Punkten vor, die kamen wieder ran, die Zuschauer wurden immer lauter.“ Beim Viertelfinal-Aus gegen die USA gelang Passiwan ein „Jahrhundertwurf“, wie der SWR in einem Beitrag meinte. Wie er aus weiter Ferne in den Korb traf, die Szene wurde auch bei den Highlights eingeblendet, die bei der Abschlussparty im Wembley-Stadion auf einer Großleinwand vorgeführt wurden. „Es war ausverkauft, 80.000 Leute. Und alle haben gejohlt“, lacht Passiwan über die Feier mit Rihanna und Coldplay.

„Ich bin mehr Rollstuhl als Fahrrad gefahren“

Auf die Erlebnisse hat Passiwan lange hingearbeitet. Zum Rollstuhlbasketball ist er früh gekommen, weil sein Vater Otmar die Dolphins Trier gegründet hatte, jahrzehntelang Spieler war und mittlerweile Vorsitzender ist. Mutter Hilde war lange Zeit Trainerin. „Als Kind bin ich damit aufgewachsen. Ich bin mehr Rollstuhl als Fahrrad gefahren.“ Bis 1990 war Fußgängern der Sport jedoch verwehrt. Erst danach wurden die Bestimmungen auf regionaler Ebene gelockert, seit 1994 dürfen sie auch in der Bundesliga spielen. Und Passiwan durfte endlich auf dem quietschenden Parkett mitwirken. Seit der Zeit ist er Topscorer. „Das große Geld“, weiß der Allrounder, der in Trier im Steuerbüro Kroll arbeitet, sei im Rollstuhlbasketball nicht zu verdienen. Er selber ist mal für ein Jahr nach Italien ausgewandert. „In der Türkei können Spieler in der Spitze mal bis zu 8.000 Euro bekommen. Aber in Deutschland ist am Fußball eben kein Vorbeikommen.“

Wobei Passiwan auch das runde Leder begeistert. Bei Eintracht Trier trat er in der Jugend als Torjäger und Kreisauswahlspieler in Erscheinung. Glühender Fan ist er vom Hamburger SV. „Als ich 18 war, bin ich mit meinem alten VW-Golf zu allen 17 Heimspielen hochgefahren“, lacht er. Doch sportlich schlägt das Herz vom Lionel Messi des Rohlstuhlbasketballs in erster Linie für den Sport, den er ausübt. Keine Frage.

Für die kommenden Monate hat er so noch wichtige Ziele vor Augen. Im Sommer ist die Europameisterschaft in Frankfurt, von der er sich einen weiteren Popularitätsschub in der Öffentlichkeit erhofft. Und mit den Dolphins Trier kämpft Passiwan weiter um die Playoffs, auch wenn die Chancen darauf auf ein Minimum gesunken sind.  Die Krebserkrankung der Kanadierin Janet McLachlin war gleich zu Beginn des Jahres ein riesiger Schock, der freilich nicht spurlos an der Mannschaft vorüber ging. Das jüngste 61:76 in Frankfurt tat weh, weil es eine Niederlage gegen den direkten Konkurrenten war. Das Heimspiel am Samstag gegen die Jena Caputs (18.30 Uhr) in der Wolfsberghalle ist daher schon eine Pflichtaufgabe. Eine, die wieder mit einem Dirk Passiwan gelöst werden soll, der die Bestleistungen in der Bundesliga weiter ausbauen möchte.

+++Lokalmatadore des Sports+++

Hier geht es zum ersten Teil mit Natalie Adeberg von den Miezen Trier

Hier geht es zum zweiten Teil mit Christoph Anton von Eintracht Trier

Hier geht es zum dritten Teil mit Maik Zirbes (Bamberg) und Andreas Seiferth (Trier)

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