Ein goldverdächtiger Einzug ins „Final Four“

Von Florian Schlecht

Nur drei Ersatzspieler saßen auf der Bank, der Gegner war der Bundesliga-Tabellenführer, früh kratzten zwei Trierer an der Foulgrenze: Dennoch gelang den Dolphins Trier die 100:91-Pokalsensation gegen Zwickau – und der Einzug in die Finalrunde in Hannover am 23./24. März in Hannover. „Ich habe die Chancen nur auf 15 Prozent beziffert“, lobte Dirk Passiwan die Mannschaft. Der Spielertrainer selber war auch in Weltklasse-Form: 58 Punkte steuerte er zum Erfolg bei.

Als die Sensation um 20.08 Uhr perfekt war, brachen in der Wolfsberghalle alle Dämme der Emotionen. Die Spieler umarmten sich, die Fans posierten für ein Gruppenfoto mit ihren Helden, das durch die Reihen wandernde Mikrofon wurde für Danksagungen genutzt, Tyler Saunders hielt sich nach einer verbissenen Defensivleistung überglücklich die Hände vor das Gesicht. Immer wieder ballte er die Faust, lächelte und sang. Kein Wunder: Die Goldmann Dolphins Trier können nach der 100:91-Pokalsensation gegen Bundesliga-Tabellenführer RSC-Rollis Zwickau das Ticket zum „Final Four“ nach Hannover buchen. Am 23./24 März reisen die Rollstuhlbasketballer zu dem Event in die niedersächsische Landeshauptstadt – und die Fahrt haben sie sich nach einer atemberaubenden Vorstellung vor 200 Zuschauern mehr als verdient.

„Wenn Deutschland so spielen würde, würdet ihr sicher die Goldmedaille gewinnen“, lobte Gästetrainer Clifford William Fisher im Vorbeigehen Dirk Passiwan und schüttelte ihm anerkennend die Hand. Der Spielertrainer aus Trier – mit 58 Punkten, 15 Rebounds und zehn Assists erneut mit einer überragenden Vorstellung – freute sich über diesen Ritterschlag. „Das ist ein Riesenerfolg und eine ganz prestigeträchtige Sache für uns“, strahlte Passiwan über beide Ohren. „Ich habe die Chancen auf einen Sieg nur auf 15 Prozent beziffert. Zwickau ist eine der stärksten Mannschaften in Deutschland, ein Top-Team in Europa.“ Dazu waren die Dolphins kaum in der Lage, frischen Wind aufs Parkett zu bringen. Nur drei Ersatzspieler verbuchte der durch Verletzungen und Krankheiten dezimierte Kader. „Da war uns klar“, wusste Passiwan, „dass wir 40 Minuten perfekt spielen müssen und uns keine Foulprobleme erlauben dürfen“.

Eine bärenstarke Mannschaftsleistung

Das Vorhaben ging auf. Das perfekte Spiel gelang den Trierern, die von ihrem Publikum bei jedem Angriff wild nach vorne gepeitscht wurden. Bis zum Stand von 8:10 war es ein ausgeglichenes Duell, dann setzten sich die Dolphins leicht ab. 25:20 hieß es nach dem ersten Viertel, in dem die Spieler durch die Bank ganz zuverlässig trafen. Brad Baugh, mit 13 Punkten der zweitbeste Werfer, erwischte einen glänzenden Tag. „Er hat sein bestes Spiel für uns gemacht“, freute sich Passiwan, der auch ansonsten hoch motivierte Mitspieler um sich wusste. Der Schwung beflügelte die Rollstuhlbasketballer. Bis auf 40:28 zogen die Dolphins davon, ehe ein kleiner Einbruch folgte. Der Spielertrainer und Saunders, die in der Verteidigung einen Rebound nach dem anderen abstaubten, kassierten jeweils ihr drittes Foul. Dennoch mussten sie durchspielen – durften aber nicht mehr aggressiv zupacken. Zwar konnte Trier bis zur Halbzeit einen knappen 51:48-Vorsprung bewahren, doch die Kräfte drohten nach dem vierten Foul für Passiwan zu schwinden. Erstmals ging Zwickau beim Stand von 61:62 wieder in Führung und sorgte für ein Aufstöhnen in der Halle.

Aber bei den Dolphins entfachten sich ungeahnte Kraftreserven bei den wenigen Spielern, die ihnen zur Verfügung standen. „Konditionell haben wir die beste Mannschaft der Liga, wir trainieren schon sehr anspruchsvoll“, sagte Passiwan. Und manchmal kann ja auch der Glaube Berge versetzen. Das Heimteam, so nah am „Final Four“, wollte den Traum jetzt auch in die Tat umsetzen. Passiwan drehte zur großen Form auf, gab sich bei den Würfen keine Blöße, nach einem verwandelten Freiwurf zum 74:69 riss er die Arme weit nach oben. So knapp der Vorsprung auch war, die Trierer gerieten nicht mehr ins Zittern, weil Chad Jassman, Saunders und Baugh ganz cool die Nerven bewahrten. Als Passiwan nach dem 92:81 rudernd abdrehte und seine Weltklasse-Leistung 20 Sekunden vor dem Ende noch abrundete, indem er einen Dreierversuch der Gäste abblockte, war das die Entscheidung. Auf den Rängen wurde laut getrommelt. Die Sensation, sie war perfekt. Hannover, Hannover, wir fahren nach Hannover!

„Ich habe gehofft, dass der Vorsprung reicht. Wir hatten in dieser Saison schon Spiele wie gegen Frankfurt, wo wir eine 16-Punkte-Führung hergeschenkt haben“, bangte Passiwan dennoch bis zum Ende und kämpfte so verbissen wie ein Löwe. Am Ende des Spiels war die ganze Last von ihm abgefallen. „Ich muss die ganze Mannschaft loben.“ Der Coup beschert Trier nun das „Final Four“ in Hannover, wo es laut Aussagen von Passiwan im Halbfinale auf den RSV Lahn-Dill trifft. Vorher gibt es aber ein Wiedersehen mit Zwickau, wo die Dolphins erneut ein Wunder schaffen möchten. Wenn sie am letzten Bundesliga-Spieltag beim Tabellenführer gewinnen und Frankfurt sein Spiel verliert, wären sie sogar noch in den Playoffs. Es wäre wieder eine echte Sensation, wenn das glücken sollte. Aber wie so etwas funktioniert, damit kennen sich Passiwan und Co. nun ja aus.

Punkte für die Dolphins: Passiwan (58), Baugh (13), Robins (12), Saunders (10), Jassman (7).

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