Auf der Einbahnstraße in Richtung Abstiegskampf

Von Florian Schlecht

Fan-Tumulte, schwache Auftritte, ein Abrutschen in der Tabelle: Eintracht Trier steht vor einer harten Bewährungsprobe, um die Krise in der Regionalliga Südwest abzuwenden. Das gilt auch für Roland Seitz, der im Umfeld zunehmend umstritten ist. Vorstandsmitglied Ernst Wilhelmi unterstrich aber gegenüber 5vier: „Es gibt null Diskussionen um den Trainer.“

Trainer Seitz steht in der Kritik. Foto: Anna Lena Grasmück

Es herrschte latente Untergangsstimmung, am Freitag um 21.05 Uhr vor dem Backsteingebäude am Moselstadion. Vor den Katakomben formierten sich 40 wütende Fans, beschimpften die Fußballer von Eintracht Trier, die zuvor nach der 0:1-Heimpleite gegen die SV Elversberg auf dem Weg in die Kabinen noch mit Bier und Schmähgesängen überschüttet wurden. Selbst Talente wie Burak Sözen und Christopher Spang bekamen Hohn und Spott ab, obwohl sie an der sportlichen Situation keine Schuld tragen. Mit gläsernen Augen standen sie danach sichtlich geschockt im VIP-Zelt.

Ordner riegelten die Zugänge ab, begleiteten Roland Seitz auf dem Weg zur Pressekonferenz, mussten ihn gar davor schützen, tätlich angegriffen zu werden. „Pack deine Koffer“, waren noch die nettesten Worte, die sich der Trainer anhören musste. Als der Oberpfälzer dann ins Mikrofon sprach und seine Analyse zu 90 ernüchternden Minuten abgab, rüttelten einige Anhänger so heftig an den Zäunen des Zeltes, dass einige Besucher schon Schlimmeres befürchteten. Ein Ruhmesblatt waren diese Bilder und Minuten nicht. „Das war unterste Schublade, mir fehlen die Worte dafür“, war Ernst Wilhelmi noch einen Tag später sichtlich mitgenommen von hochkochenden Gemütern. „Das ist nicht zu tolerieren.“

Vorstand stellt sich hinter Seitz: „Null Diskussionen“

Bedient war das Vorstandsmitglied auch von der sportlichen Vorstellung von Eintracht Trier, das nicht nur die dritte Niederlage in Folge kassierte, sondern dabei wiederum jegliches Konzept und Leben vermissen ließ. Der Traditionsverein von der Mosel wankt dem Abstiegssumpf entgegen, aus dem es mit solchen Auftritten kein Entrinnen geben wird. „Für mich sind solche Leistungen nicht nachzuvollziehen“, meint Wilhelmi. Besonders, wenn er an den krassen Unterschied zur Anfangsphase der Saison denkt. „Da waren wir aggressiv am Mann, die Laufbereitschaft war da. Und nun dieses Rumgegurke.“ Das Vorstandsmitglied nimmt besonders die Mannschaft in die Verantwortung. „Viele Spieler bleiben unter ihren Möglichkeiten.“ Den Coach – immerhin der erste Ansprechpartner in einem Verein für die sportliche Lage – stellt er nicht in Frage. „Es gibt null Diskussionen um den Trainer.“ Viel eher, so findet Wilhelmi, sollten alle Seiten in ein Boot genommen werden, um der Krise zu entkommen. „Dazu gehört auch der Vorstand“, sagt er selbstkritisch. Einzelkritik, betont er mit einem Schwenk auf den Posten von Seitz, sei „nicht förderlich“.

Warum aber ausgerechnet der Trainer von dieser Linie am Freitag abwich, ist ein Rätsel. Vielleicht war Seitz selber noch aufgewühlt von den Entwicklungen vor dem Zelt. Aber von seiner Vorstellung, Spieler nicht in der Öffentlichkeit zu kritisieren, verabschiedete er sich unverständlicherweise. Bei der Pressekonferenz benannte er Thomas Konrad für den Fehler vor dem spielentscheidenden 0:1. Eine Aussage, die in diesem Moment, als die Emotionen tobten und Geschlossenheit gefragt gewesen wäre, mehr als unangebracht war. Ob solche Sätze das Selbstvertrauen der Spieler stärken, erscheint als fraglich. Viel eher können sie eine Mannschaft und einen Übungsleiter entfremden. So wie in der vergangenen Saison, als Seitz vor dem Leverkusen-Heimspiel behauptete, dass „wir mehr Punkte auf dem Konto hätten, wenn alle die Einstellung des Trainers hätten“. Teile des Teams gingen danach auf Distanz zum Trainer und dessen Kommunikation, die schnelle Kabinenflucht nach dem folgenden 1:0-Erfolg war die Antwort der Spieler.

Die Entwicklung im Jahr 2012 ist bedrohlich

Im Vorstand wird Seitz nach wie vor hoch angerechnet, in welcher Lage er das Ruder in Trier im Frühjahr 2010 übernahm, als die Zeichen auf Abstieg standen. Wie er nach den Lizenzentzügen von Mannheim, Essen und Bonn in Windeseile einen Kader zusammenstellte, der sensationell Vizemeister wurde, den Rheinlandpokal gegen Koblenz gewann und für neues Selbstwertgefühl im Trierer Fußball sorgte. Nicht zu vergessen der finanziell eng gesteckte Rahmen mit einem erneut gesunkenen Etat, der die Zusammenstellung eines schlagkräftigen Aufgebots erschwert, das zugleich den Träumen des Umfelds gerecht werden kann. „Man muss gucken, was wir an Ressourcen haben“, sagt Wilhelmi. „Da wäre es vermessen, vom Aufstieg zu sprechen.“

Zugleich ist die Entwicklung im Jahr 2012 bedrohlich. Im Januar, als Seitz seinen Vertrag bis zum 30. Juni 2014 verlängerte, hatte die Mannschaft Aufstiegschancen. Mit indiskutablen Heimspielen wurde die große Chance im Anschluss fahrlässig verspielt, das Team war zerstritten, im Rheinlandpokal setzte es das peinliche Aus in Mayen. Die Entwicklung des neuformierten Kaders geht nun in die völlig falsche Richtung, es fehlt an System und Leidenschaft. Neuzugänge wie Markus Fuchs, Narciso Lubasa und Maximilian Watzka wurden als vermeintliche Leistungsträger verpflichtet, enttäuschen bislang aber. Nachwuchsleute wie Sözen, der gegen Koblenz nach seiner Einwechslung überzeugte, werden ihnen weiter nicht vorgezogen. Ebenso hapert es an Qualität. Der Spielaufbau hängt völlig an Alon Abelski, der so schwere Last trägt. In der Defensive fehlt es an Kompaktheit und Konzentration. Bleibt dann noch weiter die Leidenschaft aus, befindet sich die Eintracht auf einer Einbahnstraße in Richtung Abstiegskampf.

Stephan Loboué findet nicht, dass die Misere an einem Problem zwischen Fußballlehrer und Mannschaft liegt. Tatsächlich lebte Seitz beim mehr als durchwachsenen Abschlusstraining am Donnerstag Kampfgeist vor, ging immer wieder auf den Platz, um Stellungsfehler zu korrigieren. Mit Video-Sequenzen stellte er das Team auf das Elversberg-Spiel ein. Nur: Das Feuer kommt nicht bei der Truppe an. Sie war verunsichert, offenbarte keine Lösung, wie auf den Rückstand zu reagieren ist. In der zweiten Halbzeit zerfiel sie in Einzelteile. Wieder mal. „Der Trainer muss die richtigen Schlüsse aus dem Spiel ziehen“, weiß Loboué, nimmt aber auch sich in seine Mitspieler in die Pflicht. „Wir haben einige Jungs, die ein paar Jahre an Erfahrung auf dem Buckel haben. Da sind auch wir gefordert, Verantwortung zu übernehmen. Wichtig ist nun, dass wir uns nicht gegenseitig zerfleischen.“ Bei Hessen Kassel hat die Eintracht die Chance, es besser zu machen. Klar ist aber, dass sich das desaströse Auftreten der jüngsten drei Spiele nicht wiederholen darf.

+++++Eintracht in Kürze+++++

Keine Freude über gelungenes Debüt – Stephan Loboué feierte trotz der 0:1-Heimpleite gegen die SV Elversberg ein gelungenes Debüt zwischen Pfosten von Eintracht Trier. Der Torhüter rückte für Andreas Lengsfeld ins Team. Wirklich freuen konnte sich der 31-Jährige aber nicht über den Abend, obwohl er mehrfach glänzend parierte und im Zelt noch auf den Monitoren sah, wie sein Kumpel Dani Schahin per Doppelpack zum 2:2 von Fortuna Düsseldorf gegen Schalke 04 traf. „Wir haben nicht das gezeigt, was wir zeigen können und wirklich schlecht gespielt“, hing ihm die Niederlage in den Klamotten. „Die Verunsicherung war uns anzumerken.“ Allerdings gab sich der Routinier kämpferisch. „Ich bin ein Typ, der nach vorne guckt und freue mich auf das Spiel in Kassel. Trübsal blasen bringt ja nichts.“

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Kommentare (3)

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  1. Sievo sagt:

    Was glauben denn die Herren von der Vorstandschaft und vom Trainerteam noch erreichen zu können, wenn sie es mit den hervorragenden Spielern der vergangenen zwei Jahre nicht geschafft haben, den Auftieg zu erreichen? Die Spieler wurden zwar zu Sündenböcken degradiert und in systematischer Weise demontiert, aber schon damals lagen die Gründe für das schlechte Abschneiden beim Vorstand und Trainer.

  2. aantrierer sagt:

    Das hier der Trainer wohl langsam aber sicher völlig überfordert ist und nicht mehr zu der Mannschaft durchdringt ist ja wohl offensichtlich, nicht zuletzt dokumentiert durch die öffentliche Kritik an einzelnen Spielern. Diese wohl um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen. Das ist kein Verhalten eines „Vorgesetzten“, so leitet man keine Mannschaft !!
    Über den Vorstand, im speziellen Herr Wilhelmi, hier einen Kommentar abzugeben erübrigt sich, angesichts der Aussagen dieses Herrn von alleine. Ich hoffe, dass irgenwann der öffentliche Druck zu gross wird und reagiert werden muss, bevor die eintracht wieder eine Klasse tiefer spielt.

  3. treverer sagt:

    Vorstand stellt sich hinter Seitz: “Null Diskussionen”,
    allein dieser Spruch zeigt die Fähigkeit unseres Vorstandes,
    der selbst bei der momentanen Situation nicht fähig ist sich der Thematik zu stellen. Außerdem fing es schon in Mayen an, vielleicht hätte man besser die Prämien bezahlt, das kleinere Übel und wäre in den DFB Pokal gekommen. Aber leider muss ich mittlerweile an Ihrer Kompetenz zweifeln.
    Scheinbar will man auch noch die letzten zahlenden Zuschauer vergraulen!

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