„Eine Geschichte wie im Film“ – Interview mit Mehmet Dragusha

Dragusha kriegt den Ball auf links, zwei Abwehrspieler in der Nähe, wenig Platz an der Seitenauslinie. Der erste, getunnelt. Der zweite, mit einer Körpertäuschung verladen. Jetzt ab Richtung Grundlinie oder zum Tor, falls der Gegner sich nicht noch mit einem Foul rettet.

Alleine seine Dribblings waren häufig das Eintrittsgeld im Moselstadion wert und wurden mit inbrünstigen Sprechchören gefeiert: Mehmet Dragusha, hallte es durchs weite Rund. Zwischen 2001 und 2003 wirbelte er zwei Jahre lang für Eintracht Trier auf der linken Außenbahn und avancierte mit seinem Spielwitz und dem feinen linken Fuß zu einem der Publikumslieblinge an unvergessenen Zweitliga-Tagen des SVE. Gegnerische Verteidiger tanzte er ein ums andere Mal auf dem Bierdeckel aus und war dabei oft nur mit unfairen Mitteln zu stoppen.

Im Gespräch mit 5vier erzählt der inzwischen 35-Jährige Kosovo-Albaner, wie seine berufliche und sportliche Gegenwart aussehen. Außerdem erinnert er sich an seine Zeit beim SVE mit Aufstieg, Zweitligasaison und Freunden fürs Leben, ein begeisterndes Länderspiel gegen den Europameister und an weitere Stationen seiner Karriere, die als Straßenfußballer in der kosovarischen Hauptstadt Prishtina für heutige Verhältnisse eher ungewöhnlich begann.

Die wichtigste Frage liegt auf der Hand: Was macht „Meo“, so der Spitzname der Rückennummer 22 während seiner Eintracht-Zeit, heute?

Ich wohne inzwischen seit drei Jahren mit meiner Frau, meinem Sohn (4) und meiner Tochter (2) im hessischen Limburg an der Lahn. Beruflich habe ich hier eine Ausbildung zum Bürokaufmann begonnen und bin da jetzt im dritten Lehrjahr.

Und was macht der Fußball?

Ich bin seit letzten Sommer Spielertrainer beim hessischen Verein SV Elz, in unmittelbarer Nähe zu Limburg. Wir spielen in der Kreisliga A und haben Ambitionen nach oben.

Momentan stehen sie auf Platz eins in der Tabelle.

Ja, genau. Und es ist auch unser Ziel, vorne zu bleiben und in die Kreisoberliga aufzusteigen. Die kann man mit der Bezirksliga vergleichen. Die Voraussetzungen hier im Verein sind allgemein sehr gut: Super Kunstrasen, super Rasenplatz, Sponsoren. Dazu eine starke, noch ganz junge Mannschaft. Es reizt mich, dem Klub dabei zu helfen, so weit wie möglich nach oben zu kommen.

Schnüren sie als Spielertrainer auch noch regelmäßig selber die Fußballschuhe?

Ja, natürlich. Ich spiele Fußball, weil ich es liebe. Solange ich fit bin, werde ich auch auf dem Platz stehen. Ich denke auch immer noch eher als Spieler.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit bei Eintracht Trier?

Das war eine wunderbare Zeit, zwei der schönsten Jahre in meiner Karriere. In Paul Linz hatte ich dort, zusammen mit Jos Luhukay später beim SC Paderborn, den besten Trainer, unter dem ich gespielt habe. Zudem hatten wir eine unglaublich gute Atmosphäre in der Mannschaft, waren einfach eine Einheit. Ich glaube, vor allem das war es auch, was uns damals so stark gemacht hat. Wir waren fast immer zusammen, haben nicht nur gemeinsam trainiert, sondern waren abends oft im Louisiana oder auch im kroatischen Restaurant am Moselstadion essen. Ach, und bei Nico in seinem italienischen Restaurant waren wir sehr, sehr häufig. Wie heißt das noch? Das war in dieser Gasse bei McDonalds in der Stadt…

Fornelli?

Ja genau, Fornelli! Nico war der beste Gastgeber in Trier.

Ein spezielles Erlebnis war sicher auch der Zweitligaaufstieg 2002 mit dem Sieg in Hoffenheim, zu dem Sie sogar ein Tor beisteuern konnten.

Das war ein echtes Highlight, was ganz Besonderes. Ich glaube jeder aus der damaligen Mannschaft hat noch Erinnerungen an dieses Spiel. Für mich persönlich war es natürlich toll, mit meinem Tor zum Aufstieg der Eintracht nach über 20 Jahren beitragen zu können. Wobei ich sagen muss: Der Erfolg unserer tollen Mannschaft stand für mich gegenüber meinem eigenen Tor im Vordergrund. Und die anschließende Saison in der zweiten Liga lief ja super für uns. Wir hatten lange sogar Chancen auf den Bundesliga-Aufstieg.

Wie war die Aufstiegsfeier?

Das war was ganz Großes. Ich hab ja viel gesehen. Aber so etwas wie damals, dass die ganze Stadt fast eine Woche lang gefeiert hat und generell so sehr für den Klub lebt, das gibt es –  glaube ich – selten.

Besteht noch Kontakt zu alten Kollegen aus der SVE-Zeit?

In intensiverem Kontakt stehe ich noch mit Claus Grzeskowiak, Najeh Braham und Racanel. Mit Catalin habe ich zwar nicht in Trier zusammen gespielt, aber ich kenne ihn sehr gut, auch aus gemeinsamen Magdeburger Tagen. Auch von Rudi Thömmes, Danny Winkler, Daniel Ischdonat oder Paul Linz höre ich ab und zu noch etwas.

Gibt es auch darüber hinaus noch Verbindungen an die Mosel?

Ja, denn ich hatte das Glück, damals auch außerhalb des Fußballs viele Freunde zu finden. Deshalb bin ich auch heute noch hier und da mal in der Region Trier, vor allem bei meinem Schwager in Schweich.

Zurück zum Sportlichen. Vor fast genau zehn Jahren, Anfang März 2003, haben sie das 1:0-Siegtor beim Zweitligaspiel im Moselstadion gegen Oberhausen erzielt. Erinnern sie sich noch?

Es war kalt…richtig kalt (lacht). Das war ein Spiel, in dem wir viele Chancen hatten und zum Glück das eine Tor zum Sieg machen konnten. Aber ehrlich gesagt muss ich mich da wiederholen: Mein Treffer war nebensächlich, wichtig war, dass wir das Ding gewonnen haben und ich meinem Team helfen konnte.

Denken sie an ein Spiel aus der Zweitligasaison besonders gerne zurück?

An den 3:1-Sieg am 33. Spieltag beim 1.FC Köln. Ich habe ein gutes Spiel gemacht, die Stimmung war richtig geil, wir haben gewonnen, und ich konnte auch noch mit einem Tor dazu beitragen.

Sie waren ja immer so ein Typ Straßenfußballer. Liegen dort auch ihre fußballerischen Wurzeln?

Auf jeden Fall. Ich kam erst mit 15 Jahren zu einem richtigen Verein. Bis dahin habe ich in meiner Jugendzeit in Prishtina nur auf der Straße gespielt. Jeden Tag mit Freunden. Vor der Schule, nach der Schule, einfach immer. Dabei hatten wir keine tollen Schuhe oder schönen Bälle. Uns war nur wichtig, einfach Fußball spielen zu können. Dann waren wir glücklich.

Einfach Fußball spielen. Ball schnappen und raus. Als Mehmet davon erzählt, sieht man seine Augen fast noch durch das Telefon glänzen. Diese ursprüngliche Freude am Fußball, am gefühlvollen Umgang mit der Kugel, Durchsetzungsvermögen im Dribbling auf engstem Raum. Die ausgeprägte Fähigkeit, überraschende Offensivaktionen zu kreieren, oder auch einfach der intuitive Blick, im Eins-gegen-Eins den richtigen Moment für einen Beinschuss beim Gegenspieler zu erwischen. Nebeneffekte des stundenlangen Spielens auf der Straße, die auch bei Meo’s Auftritten im Moselstadion erkennbar waren.

Ihre Wurzeln haben sie demnach für ihre Zeit als Profi geprägt, oder?

Genau, diese Herkunft hat mir als Profi immer sehr viel geholfen und wird mich auch außerhalb des Fußballs mein ganzes Leben lang prägen. Ich bin sehr stolz darauf, von dort zu kommen. Meine Geschichte wirkt ja fast wie aus einem Film. Gerade wenn man bedenkt, welche überragenden Bedingungen die Jungs heutzutage in den Leistungszentren genießen können und schon von Kindesbeinen an auf das Leben als Fußball-Profi vorbereitet werden.

Welchem Star haben sie dabei besonders nachgeeifert?

Als Junge Marco van Basten. Später dann auch Zinedine Zidane.

Wie ging es mit 15 Jahren weiter?

Ich kam dann zum FC Beslidhja Prishtina und von da aus mit 19 zum NK Maribor. Ein Berater mit Kontakten nach Slowenien organisierte ein Probetraining dort, und ich wurde sofort verpflichtet.

In Maribor hatten sie dann sogar drei Kurzeinsätze in der Champions League.

Das sind Erlebnisse, die man nicht mit Geld kaufen kann. Zweimal gegen Bayer Leverkusen und einmal gegen Lazio Rom durfte ich rein. Obwohl die Bundesliga schon eine Riesensache ist, die Champions League ist nochmal eine Nummer größer. Alleine schon vom ganzen Drumherum.

Nach drei Jahren in Maribor und einem Jahr bei Sachsen Leipzig kamen sie dann 2001 nach Trier und wurden sogar albanischer Nationalspieler.

Für Albanien zu spielen war eine sehr große Ehre für mich. Und in den Fokus des Nationalteams habe ich mich während der Zweitligasaison mit der Eintracht gebracht. Ein weiterer Grund, warum die Zeit in Trier für mich immer etwas Besonderes bleibt.

Gab es für Sie ein besonderes Erlebnis mit der Landesauswahl?

Und wie. Im September 2004 spielten wir im ersten Qualifikationsspiel für die WM 2006 gegen den frisch gebackenen Europameister Griechenland. Es war das erste Spiel für die Griechen nach dem EM-Titel. Und wir haben vor ausverkauftem Haus in Tirana mit 2:1 gewonnen. Das Größte war, dass außerhalb des Stadions nochmal fast 300.000 Menschen das Spiel auf einer riesigen Leinwand verfolgt haben. Und dann gewinnen wir gegen den Europameister. Riesenbegeisterung.

Damals waren sie auf Vereinsebene schon bei Eintracht Frankfurt, wo sie gegen den 1.FC Köln sogar ein Bundesligator erzielten. Wie war die Zeit dort?

Die zwei Jahre in Frankfurt waren neben Trier die beste Zeit. Gerade die Bundesligasaison 2003/2004 war insgesamt ein Super-Erlebnis. Wir hatten eine gute Mannschaft beisammen, am Ende hat es aber nicht ganz zum Klassenerhalt gereicht. Trotzdem: Alles in allem eine klasse Sache.

Danach folgten Stationen beim SC Paderborn, SV Elversberg und 1.FC Magdeburg. Nun sind Sie also nach zwei Jahren als Spieler beim hessischen Verbandsliga-Klub FSV Braunfels Spielertrainer in Elz. Würde es sie reizen, in Zukunft auch mal im professionellen Bereich als Trainer zu arbeiten?

Na ja, wenn man Familie hat, gibt es von der zeitlichen Einspannung her sicher bessere Berufe, als im höheren Bereich als Trainer zu arbeiten.

Eine abschließende Frage: Verfolgen Sie, wie sich der SVE aktuell in der Regionalliga Südwest schlägt?

Ja klar, ich gucke schon noch, was die Eintracht so macht und habe auch noch eine Verbindung zu zwei aktuellen Spielern: Maximilian Watzka kenne ich vom 1.FC Magdeburg und Baldo di Gregorio noch aus meiner Zeit bei Eintracht Frankfurt. Außerdem habe ich in Paderborn eine Zeit lang unter Roland Seitz gespielt. Und Rudi ist ja Co-Trainer. Der bleibt ewig mein Freund. (lacht)

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Kommentare (2)

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  1. TR-fan sagt:

    Absolut geiler und charakterlich einfwandfreier Kicker. Damals hat es noch Spaß gemacht, die Eintracht gucken zu gehen!

  2. toni sagt:

    Mehmet Dragusha FUSSBALLGOTT!!!

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