Eintracht Trier: „Der Schein trog“ – Interview mit Torge Hollmann

Von Lea Tullius und Florian Schlecht

Es ist ein warmer Sommertag in Trier. Torge Hollmann kommt zum Interview mit 5vier in einem dunkelblauen T-Shirt in das Café Mohr. Der Kapitän von Eintracht Trier bestellt sich einen Espresso und ein Mineralwasser. Dann spricht er über die abgelaufene Saison. Der 30-Jährige findet dabei klare Worte zum respektlosen Umgang in der Mannschaft, Fan-Attacken, verpassten Zielen, eigenen Fehlern und Lehren, die er für das neue Jahr gezogen hat.

Torge Hollmann im Interview: "Es lag mehr im Argen, als man dachte." Foto: Lea Tullius

5vier: Vier Wochen Urlaub stehen bis zum Start der neuen Regionalliga-Saison an. Wie verbringt der Kapitän von Eintracht Trier die freien Tage?

Torge Hollmann: Ich werde mit meiner Familie einige Tage auf Borkum verbringen. Das Hotel ist schon gebucht. Dann besuchen wir die Eltern und Schwiegereltern. In Trier wollen wir auch ein paar Ausflüge machen, was sonst leider zu kurz kommt. Ich bin froh über den Urlaub und habe ihn mir herbei gesehnt nach allem, was in letzter Zeit passiert ist

5vier: Sportlich wurden die gesteckten Ziele der Mannschaft nicht erreicht. Wie tief sitzt bei dir noch der Stachel der Enttäuschung?

Hollmann: Es wiegt schwer, am Ende mit leeren Händen dazustehen. Das finde ich persönlich schade. Wir haben eine ordentliche Runde gespielt, aber ohne Titel bringt einen das nicht weiter.

5vier: Wenn Ende Juni das Training startet, wirst du kaum auf bekannte Gesichter treffen. Viele Spieler verlassen den Verein. Besorgt dich der Umbruch?

Hollmann: Für mich ist beruhigend, dass viele Spieler mit Qualität auf dem Markt sind, die einen Job brauchen. Einige davon können sicher nach Trier gelotst werden. Aber was passiert, ist für mich noch Zukunftsmusik. Vor der ersten Trainingswoche mache ich mir darüber keine Gedanken. Jetzt will ich erst einmal abschalten.

„Ich dachte, die Mannschaft sei intakt. Doch der Schein trog.“

"Wir haben nur noch zusammengearbeitet - mehr nicht." Foto: Lea Tullius

5vier: Aber beschleicht dich nicht Wehmut angesichts der vielen Abgänge?

Hollmann: Nachdem, was passiert ist und was im Raume steht, ist es wohl für alle Beteiligten besser, einen Schlussstrich zu ziehen. Einige Sachen haben da zuletzt Formen und Farben angekommen, die nicht mehr feierlich waren.

5vier: Es gab Gerüchte, wonach es fünf Unruhestifter in der Mannschaft gab. Spieler wurden von Fans angepöbelt, im letzten Spiel gegen Lotte gab es gar versuchte tätliche Angriffe.

Hollmann: Zu den Gerüchten will ich nichts sagen. Darüber sollen die Leute sprechen, die es betrifft. Klar habe ich Probleme damit, wenn einzelne Schuldige für Misserfolg gesucht und an den Pranger gestellt werden. Aber auch der Umgang mit den Gerüchten innerhalb der Mannschaft hat mich gestört.

5vier: Was meinst du damit?

Hollmann: Die Vorwürfe, die im Raum standen, wären in einer intakten Mannschaft kein Nährboden für Unbequemlichkeiten gewesen. Bei uns war es aber nicht einwandfrei, wie damit umgegangen wurde.

5vier: Was kritisierst du konkret?

Hollmann: In jedem Beruf sollte der Respekt vor den Kollegen ganz oben stehen. Der ist bei uns aber abhanden gekommen. Die Art und Weise, wie in der Kabine miteinander umgegangen wurde, hat für einen tiefen Einschnitt gesorgt. Die Vertrauensbasis innerhalb der Mannschaft ist bei den meisten verloren gegangen.

5vier: Wie liefen die letzten Wochen in der Mannschaft?

Hollmann: Wir haben nur noch zusammengearbeitet – und nicht mehr.

5vier: Hast du die die Konflikte auch in deine Richtung bemerkt?

Hollmann: Am Anfang habe ich mich mit allen gut verstanden. Aus unerklärlichen Gründen ist das aber aus dem Ruder gelaufen. Dabei habe ich mir nichts zu Schulden kommen lassen.

5vier: Der Teamgeist war aber die große Stärke, die immer von der Mannschaft beschworen wurde.

Hollmann: Ich habe auch immer gedacht, dass die Mannschaft intakt ist. Aber der Schein trog. Es lag doch mehr im Argen, als man dachte. Ich habe keine Erklärungen dafür, warum das so war.

5vier: Konntest du als Kapitän das Ruder nicht mehr herumreißen?

Hollmann: Ich war in der Hinrunde lange verletzt. Wenn man nicht mehr tagtäglich bei der Mannschaft ist, verliert man den Anschluss. Ich habe versucht, dagegen zu steuern. Es ist leider nicht wirklich gelungen.

„Der Aufstieg so leicht wie nie zuvor? Ich sehe das anders.“

Der Kapitän spielt auch in der kommenden Saison in Trier. Foto: Anna Lena Grasmück

5vier: Was waren für dich bis auf die Querelen weitere Gründe, dass es mit dem Aufstieg nicht geklappt hat?

Hollmann: Wir haben in einigen Spielen nicht das auf den Platz gebracht, was wir leisten konnten. Auch viele Verletzungen und die „Englischen Wochen“ sind für mich Gründe. Das hat uns aus dem Rhythmus gebracht, wir mussten viel durchwechseln.

5vier: Viele Fans kritisierten, die Mannschaft habe eine große Chance verpasst.

Hollmann: Ich habe oft den Spruch gehört, dass der Aufstieg in diesem Jahr so leicht war wie selten zuvor. Für mich war es im letzten Jahr leichter, wenn Preußen Münster da am Ende nicht so marschiert wäre.

5vier: Warum siehst du das so?

Hollmann: In dieser Saison gab es vor uns drei Mannschaften, die gepunktet haben wie Sau. Dortmund hat eine wahnsinnige Saison gespielt mit 77 Punkten. Die haben in der Rückrunde fast nichts liegen lassen. Lotte liegt dicht dahinter, auch Mönchengladbach hatte zwischenzeitlich einen starken Lauf

5vier: Und die Eintracht?

Hollmann: Wir hatten unsere Siegesserie erst, als eigentlich schon alles gelaufen war. Da muss man anerkennen, wenn die anderen besser waren.

„Wir sind nicht mehr im Zeitalter der Gladiatorenkämpfe“

Das "Versager"-Banner zum Lotte-Spiel. Die versuchten tätlichen Angriffen schockten Hollmann. Foto: Anna Lena Grasmück

5vier: Die Emotionen kochten nach dem Pokal-Aus in Mayen über, beinahe gab es tätliche Angriffe von Fans. Wie hast du die Atmosphäre gegen Lotte wahrgenommen?

Hollmann: Das war höchst schockierend, so etwas habe ich erstmals erlebt. Leider ist das kein Einzelfall, sondern eine Bewegung, die sich genauso in anderen Stadien beobachten lässt. Eins muss ich klarstellen: Wenn sich Spieler von uns vorher beim Warmmachen zu Provokationen haben hinreißen lassen, darf das auch nicht passieren. Aber wir sind nicht mehr im Zeitalter von Gladiatorenkämpfen. Fußball ist für mich zwar existenziell wichtig, weil ich davon meine Familie ernähre. Aber es gibt einfach Grenzen, die wir Menschen im Zusammenleben nicht überschreiten sollten.

5vier: Welche Grenzen waren das zuletzt für dich?

Hollmann: Der Punkt, wo Spieler persönlich bedroht, angefeindet, beleidigt und fast körperlich angegangen wurden, war für mich erschreckend. Da fehlen mir die Worte. Leider war das das i-Tüpfelchen auf diese Saison.

5vier: Sind das Eindrücke, die du mit in die neue Saison nimmst?

Hollmann: Nein, das Thema ist für mich abgehakt. Aber so was will ich nie wieder erleben.

5vier: Auch für dich persönlich war es ein durchwachsenes Jahr. In der Hinrunde warst du lange verletzt, musstest kurzzeitig gar um die Karriere bangen. Und in der Rückrunde warst du beim Start gegen Idar-Oberstein als Kapitän plötzlich Bankdrücker. Wie bist du damit umgegangen?

Hollmann: Ich war überrascht, dass ich nicht spielen durfte, weil ich mich gut fühlte. Es war die Entscheidung des Trainers. Aber ich war damit nicht zufrieden. Das kann wohl jeder nachvollziehen, der schon mal Fußball gespielt hat.

5vier: Hast du in der Phase auch Fehler gemacht?

Hollmann: Mir wurde vorgeworfen, dass ich beleidigt war und meinen Ärger zu offen gezeigt habe. Vielleicht habe ich die Situation nicht so weggesteckt, wie ich es in meiner Funktion als Kapitän hätte tun müssen. Die Geschichte ist aber erledigt. Ich habe in der Phase danach ordentlich gespielt, wir haben gut gepunktet. Das Pokalspiel in Mayen war für mich natürlich auch ein echter Nackenschlag.

„Auch mal die richtigen Leute rauspicken und zusammenfalten“

5vier: Welche Lehren ziehst du als Kapitän nach den Problemen in der Mannschaft für die neue Saison?

Hollmann: Ich darf den Zeitpunkt nicht verpassen, mir auch mal die richtigen Leute rauszupicken und zusammenzufalten, wenn es die Situation erfordert.

5vier: Du hast deinen Vertrag in Trier gleich um zwei Jahre verlängert. Mit welchen sportlichen Zielen?

Hollmann: Ich will mich immer verbessern. Nach der Vizemeisterschaft im ersten Jahr sind wir jetzt nur Vierter geworden. Das heißt, dass da wieder mehr Luft nach oben ist.

5vier: Da hört man ja schon wieder den Kampfgeist heraus.

Hollmann: Ich habe unter den Voraussetzungen unterschrieben, dass wir eine vernünftige Truppe haben, die um den Aufstieg spielen kann.

5vier: Im Januar bist du 30 Jahre alt geworden. Hast du schon Planungen für die Zeit nach dem Fußball?

Hollmann: Derzeit absolviere ich ein Fernstudium als Heilpraktiker. Die medizinische Nische sehe ich für mich als beste Möglichkeit, um auch zukünftig in Verbindung mit Fußball mein Geld zu verdienen.

5vier: Trainer und Manager sind für Fußballer auch Traumberufe.

Hollmann: Ich spiele jetzt ja schon seit zwölf Jahren im Seniorenbereich. Wenn ich das höhere Niveau im Jugendbereich dazu zähle, sind es sogar 15 Jahre. Ich würde die Wochenenden irgendwann gerne als Puffer haben, um was mit meiner Familie zu machen. Ich liebe den Fußball und kann mir vorstellen, damit ganz alt zu werden. Ich möchte aber nicht, dass meine Familie dabei zu kurz kommt.

Trierer Mentalität, das größte Glücksgefühl und der EM-Tipp

5vier: Du bist in Norddeutschland geboren und spielst jetzt schon zwei Jahre an der Mosel. Die Eingewöhnung in die Trierer Mentalität war sicher nicht leicht?

Hollmann: Da muss ich jetzt aufpassen, weil mein Sohn ja auch hier geboren ist (lacht). Wenn man an den Trierer rangelassen wird, ist der Umgang einfach. Der Weg dorthin kann aber ganz schön weit sein.

5vier: Welches ist dein Lieblingsplatz in der Stadt?

Hollmann: In der Sickingenstraße gibt es einen Aussichtspunkt auf dem Petrisberg, von dem man über ganz Trier gucken kann. Das ist für mich der schönste Platz. Ich bin bei der Frage aber befangen und will kurz erzählen, warum das so ist: Als mein Sohn auf die Welt kam, habe ich die Besuchszeiten im Krankenhaus bis in den späten Abend ausgedehnt. Irgendwann wurde ich dann rausgeworfen. Und voller Glück über das Vaterwerden bin ich alleine mit dem Auto zu dem Aussichtspunkt gefahren. Es klingt komisch, aber von dort konnte ich sogar das Brüderkrankenhaus und das Zimmer meiner Frau sehen. Das war ein ganz emotionaler Moment für mich, in dem ich von den Gefühlen überwältigt wurde.

5vier: Und so kurz vor dem großen EM-Sommer – wer gewinnt die Europameisterschaft 2012?

Hollmann: Spielt Ungarn mit? Nein, Spaß beiseite. Ich hoffe, dass es Deutschland schafft. Das ist mein ernstgemeinter Tipp. Wir haben eine Turniermannschaft und sind so aufgestellt, dass wir reelle Chancen auf den Titel haben.

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