Eintracht Trier: Der etwas andere Jahresrückblick – Teil 3

Von Martin Köbler

Teil 1 des Rückblicks
Teil 2 des Rückblicks

Und so kam es, dass just der Gegner, der eigentlich den Schlusspunkt unter die Regionalligazugehörigkeit der Trierer Eintracht gesetzt zu haben schien, nur knappe zwei Monate später den Auftakt zu einer weiteren Spielzeit in der vierthöchsten deutschen Spielklasse bildete. Der Tross der Anhänger, er fuhr nicht ins beschauliche Waldalgesheim zur Alemannia, nicht in den Kleinblittersdorfer Ortsteil Auersmacher zum dort ansässigen Sportverein – sondern auf Deutschlands höchsten Fußballberg oberhalb der Barbarossa-Stadt zu Kaiserslautern. Der Himmel ist bedeckt, als sich die neue Eintracht inmitten der riesigen Beton-Schüssel zum ersten Mal in der Saison für ein Pflichtspiel aufwärmt, doch ein kleiner Fetzen sommerlichen Blaus schwebt über dem Fritz-Walter-Stadion – welch Symbolik in der fußballerisch ach so fremden Pfalz. Als Neuzugang Torge Hollmann nach gerade einmal sechs Minuten eine Freistoßflanke Alban Mehas über den Schlussmann der FCK-Bundesliga-Reserve köpft und Bruchteile später das Netz vor der Westtribüne zappelt, erbebt der Gästeblock einem Urknall gleich und stürzt ins blau-schwarz-weiße Glück – die Fahnen werden geschwungen, längst vergessen geglaubtes Liedgut wird von den Ultras intoniert. „DER SVE IST WIEDER DAAA!“ Was man in tausend Worten beschreiben könnte, über das man sätzeweise Erläuterungen formulieren könnte, es lässt sich manchmal nicht treffender formulieren als in diesen wenigen Worten. Der SVE ist wieder da. Und das Leuchten in den Augen des Anhangs. Thomas Kraus, das 2:0 nur zwanzig Minuten später. Mario Basler, der sportliche Abstieg, Rumpelfußball, Frustration auf den Rängen. Es schien so weit weg zu sein, in diesen Momenten Anfang August 2010. Doch wie ist dieser Sieg einzustufen, dieser erste Dreier seit November 2009, seit Tayfun Pektürk durch das Bochumer rewirpower-Stadion wirbelte und beide Treffer beim 2:1-Auswärtssieg erzielte? Ein Strohfeuer? Die berühmte Nadel im Heuhaufen? Das sagenumwobene Korn des blinden Huhns?

Foto: So sieht Erleichterung aus! Roland Seitz und Nico Patschinski nach dem 2:0-Auftakterfolg gegen Kaiserslautern.

Drei Wochen später. Das Trierer Gemüt, es ist hin- und hergerissen, übt sich in seiner liebsten Aufgabe – eben jener, die als „moselfränkische Stimmung“ Einzug in die Reiseführer der Republik gehalten hat: „Der Trierer an sich ist ein ruhiger Mensch, liebenswürdig, aber doch zum Nörgeln neigend“ – so hat es einst der MERIAN zutreffend beschrieben, auch Falk und Marc O’Polo hätten diese oder eine andere Formulierung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit  gewählt und für korrekt geheißen. Denn nach dem Achtungserfolg im DFB-Pokal, als man dem Bundesligisten 1. FC Nürnberg beim 0:2 alles abverlangte, selbst den Ausgleich oder gar eine Führung hätte erzielen und Dieter Hecking auf der fränkischen Trainerbank ein unliebsames Déjà-vu mit auf die Heimreise geben können, setzt sich freitags drauf die unglaubliche Heimspiel-Misere fort. Der Bergische Löwe brüllt im Moselstadion – was einst ein Bundesliga-Ruf gewesen wäre, ist Ende August unter der einsetzenden Dämmerung das Duell eines Pseudo-Oberligisten gegen einen finanziell und wirtschaftlich darbenden Wuppertaler SV. Eben erst aus der 3. Liga abgestiegen, wissen auch die Schwebebahn-Städter nicht, was diese Saison so alles bringen soll. Die Eintracht dominiert die erste halbe Stunde, lässt jedoch durch eine Unachtsamkeit einen Freistoß zu, der von der Mauer unhaltbar für Andreas Lengsfeld, der die ersten Partien für den verletzten eigentlichen Stammkeeper André Poggenborg zwischen den Pfosten steht, ins Netz abgelenkt wird. Als nur zwei Minuten später aus dreißig Metern der vielbeschriebene Strahl seinen Weg in den Winkel des Eintracht-Tores findet, scheinen die ersten Fragen der Saison beantwortet zu sein. Der Gästeblock zündelt, entfacht Rauchbomben und feiert sich als neuer Spitzenreiter – und auf der Haupttribüne herrscht Katerstimmung. Also doch nur ein Strohfeuer? Mitnichten.

Die ganze Ungewissheit, wohin der Weg der Eintracht geht, wo sie steht, was aus dieser geschenkten Regionalliga-Saison denn wird, sie spiegelt sich auf höchst subtile Weise in dieser einen Partie. Alban Meha, Thomas Kraus – nach einer knappen Stunde ist dieses Gefühl zurück, das einst das DSF bei einem Montagabend-Live-Spiel in der zweiten Liga wie folgt formulierte: „Es ist nicht groß, dieses Moselstadion. Aber sie können sich nicht vorstellen, was hier los ist.“ Die Masse tobt, als der Kölner Neuzugang aus kurzer Distanz diese Kugel, die die Welt bedeutet, in die Maschen zimmert und das aussichtslos wirkende 0:2 egalisiert. Doch das Schicksal, es sollte den Geduldsfaden der Eintracht noch etwas weiter spinnen, ehe der erste Heimsieg bejubelt werden konnte. Die Verteidigung lässt sich klassisch auskontern, binnen weniger Minuten steht es 2:4 – der Endstand.

Foto: Und so sieht Ernüchterung aus – ist der Saisonstart nun gelungen? Oder misslungen? Wer weiß das schon…

Die Ergebnisse zeigten: in der Defensive fehlt noch die letzte Abstimmung. Der talentierte Fabian Zittlau schien seinem Stellungsfehler im Pokalspiel, den Albert Bunjaku eiskalt zum 0:1 nutzte, noch nachzutrauern, zu oft wurden die berüchtigten Schnittstellen in der Defensivreihe bemüht. Es kam Cataldo Cozza von Dynamo Dresden, um auf der rechten Abwehrseite für etwas mehr Konstanz zu sorgen. Doch auch die darauffolgende Partie bei Aufstiegsfavorit Preußen Münster, bei der Cozza sein Debüt im Eintracht-Dress gibt, wird mit 1:3 verloren, nachdem bereits nach vier gespielten Minuten das altehrwürdige Preußenstadion mit der gar nicht altehrwürdigen weil modernen neuen Tribüne eine 2:0-Führung über komplett desolate Moselaner bejubeln kann. Der Anschlusstreffer von Heimkehrer Nico Patschinski ändert nichts mehr an der Niederlage. Drei Spiele, drei Punkte, zwei Niederlagen in Serie, sieben Gegentreffer in den letzten 180 Minuten.

Und die Pessimisten hatten wieder Hochkonjunktur. Das Glas, es war nicht nur halb leer. Wo, so fragten sich viel zu viele im besagten moselfränkischen Gemüt, wo zum Teufel ist das Wasser abgeblieben?

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Kommentare (1)

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  1. echter fan sagt:

    man merkt einfach, dass der verfasser des artikels ein echter fan der eintracht ist. das geht sowas von unter die haut, was da drinsteht, wahnsinn.

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