Eintracht Trier: Ein Publikumsliebling, der Beinschüsse liebte

Von Florian Schlecht

Juan-Carlos Borteiro ist der einzige Spieler aus Uruguay, der in 107 Jahren für Eintracht Trier spielte. Von 1968 bis 1972 war er der Publikumsliebling an der Mosel. Am Mittwoch besuchte der 69-Jährige mit seiner Frau Maria Cristina alte Weggefährten.

Großes Wiedersehen mit einem früheren Publikumsliebling: Horst Brand, Günter Geulich, Hans Redwanz, Maria Cristina und Juan Carlos Borteiro, Ernst Wilhelmi und Roman Gottschalk (v.l.). Foto: Eintracht Trier

„Die Porta Nigra müsste mal gestrichen werden.“ Es war die erste, witzige Erkenntnis von Juan-Carlos Borteiro, als er nach 40 Jahren wieder Trier besuchte und staunend vor dem gewaltigen Bau der Römer stand. Nicht weit davon entfernt war der Weltenbummler von 1968 bis 1972 Publikumsliebling und Exot im Moselstadion. Borteiro war der einzige Uruguayer, der in der Geschichte von Eintracht Trier Fußball für den Verein spielte. Am Mittwoch besuchte der mittlerweile 69-Jährige mit seiner Ehefrau Maria Cristina alte Mannschaftskollegen aus der vergangenen Zeit und kramte mit ihnen in der Kiste der Erinnerungen.

„Ich habe in einem Spiel gegen die TuS Neuendorf mal vier Tore geschossen“, lachte Borteiro. „Es ging am Ende leider 2:2 aus.“ Als Südamerikaner half der Sympathieträger der Mannschaft in der zweitklassigen Regionalliga Südwest besonders durch seine Technik. „Er hat sich mehr über einen Beinschuss gefreut als über einen Torschuss“, scherzte Horst Brand. „Ich war damals noch ein junger Spieler, für mich war er ein Vorbild“, sagte Hans Redwanz, der auch vom Kultstatus von Borteiro berichten konnte. „Wenn wir in der Disko waren, wurden wir fast immer gefragt, was für ein Typ er so ist.“ Der Höhepunkt für den Südamerikaner war der Auftritt im DFB-Pokal 1969 gegen den 1. FC Nürnberg. „Es lag viel, viel Schnee“, erinnert er sich an die 1:3-Niederlage gegen den seinerzeit amtierenden Deutschen Meister mit Sprücheklopfer Max Merkel als Trainer.

Tischtennis-Wettkämpfe, lange Tage und Schimpfwörter

In der Mannschaft war der Uruguayer beliebt. Nach dem Training spielte er im Tischtennis mit Elmar Frank regelrechte Meisterschaften aus. Neben dem Fußball hatte er einen Job in der Kältetechnik bei Frisco. „Die Zeiten waren anders als heute“, erzählte Günter Geulich. Wo Regionalliga-Kicker mittlerweile von ihren Gehältern leben können, sah der Tagesablauf damals straffer aus. „Wir haben oft morgens um sechs Uhr trainiert, danach Brötchen gekauft und sind zur Arbeit gegangen. Am Nachmittag standen wir dann wieder auf dem Trainingsplatz.“ Von Borteiro schwärmte der ehemalige Mitspieler. Mit einem Augenzwinkern lobte er die schnelle Verständigung auf Deutsch, weil der Südamerikaner fleißig Vokabeln gepaukt hatte. „Die Schimpfwörter hat er am besten beherrscht.“

Es war 1968 schon ein kleines Wunder, dass ein Fußballer aus Uruguay überhaupt in Trier spielte. Globalisierung war besonders im Sport ein Fremdwort, Spieler der Vereine kamen meistens aus den umliegenden Dörfern und Städten. Für Borteiro war die Zeit in Deutschland ein Abenteuer, das dem Zufall zu verdanken war. In Ecuador spielte der Mittelfeldspieler erfolgreich für Spitzenvereine wie Deportivo Quito und Barcelona SC Guayquil. Als er in seine Heimat zurückkehren wollte, führte ihn das Schicksal plötzlich nach Deutschland.

Eine Ohrfeige an Uwe Seeler als Wegbereiter nach Deutschland

Der Grund lag in der Fußball-Weltmeisterschaft 1966. Dort gerieten der Uruguayer Horacio Troche und Uwe Seeler im Viertelfinale aneinander (siehe Video). Der HSV-Star erhielt gar eine schallende Ohrfeige von seinem heißblütigen Gegenspieler. Den Journalisten Fritz Hack reizte danach der Gedanke, Troche als PR-Gag zu einem Verein nach Deutschland zu vermitteln. Als der Schreiber in Südamerika ein Testspiel zwischen Cero Montevideo und der bolivianischen Nationalmannschaft beobachtete, fiel ihm ein Blondschopf aus Uruguay auf. Es war Borteiro, der Wochen später einen Vertrag bei Bundesligist Alemannia Aachen unterschrieb. Mit Gattin Maria Cristina („Wir haben über die Distanz geheiratet: Er hat eine Vollmacht in Deutschland unterschrieben, ich in Uruguay) zog er nach Europa. „Leicht fiel uns der Schritt nicht. Uruguay war grün, exportierte damals nur Wolle und Fleisch. Hier standen schon viele Fabriken.“

Ein Trikot mit der Nummer acht und ein Gemälde von der Porta Nigra

Die Reise des Ehepaares in diesen Tagen war der erste Besuch seit 1972. In der Zeit dazwischen ging Borteiro weiter seiner Fußball-Leidenschaft nach und arbeitete als Trainer. So leitete er für einige Monate die uruguayische Nationalmannschaft der Damen und sprang „fünf, sechs Mal“ als Erstliga-Coach bei den Rampla Juniors ein.

Bis Anfang Juli reist die Familie nun weiter durch das Land, ehe sie nach Montevideo zurückkehrt. Vom Vorstand um Ernst Wilhelmi und Roman Gottschalk gab es ein Geschenk mit auf den Weg: Ein Trikot mit der Nummer acht, die Borteiro in den vier Jahren in Trier so oft trug. Helmut Bergfelder vom Stadtsportverband überreichte dem einstigen Publikumsliebling von einst ein Gemälde von der Porta Nigra. Es gefiel Borteiro. Auch wenn das römische Gebäude dort natürlich ebenfalls nicht gestrichen war.

Stichworte:

Kommentare (0)

Trackback URL | RSS

Antworten

Wir freuen uns über Kommentare und möchten allen Lesern die Möglichkeit geben, kritisch zu den Themen und Artikeln Stellung zu beziehen und ihre Meinung kundzutun. Wir behalten uns das Recht vor, jeden Kommentar vor Veröffentlichung redaktionell zu überprüfen und nur Kommentare freizuschalten, die sich sachlich mit dem Thema des Beitrags beschäftigen.
Spielregeln