Eintracht Trier: Jahresrückblick, Teil 2 – Pokal-Helden und Serienbrecher

Von Florian Schlecht (Text) und Anna Lena Grasmück (Fotos)

5vier blickt auf das Jahr von Eintracht Trier zurück. Im zweiten Teil geht es um die Hinrunde der Regionalliga-Saison und um Triumphe und Tränen im DFB-Pokal.

Bühne "DFB-Pokal". 10.300 Zuschauer kamen gegen den HSV ins Stadion. Foto: Anna Lena Grasmück

Es waren nur knapp vier Wochen, die zwischen dem Rheinlandpokal-Sieg gegen den TuS Koblenz und dem Trainingsauftakt in die neue Regionalliga-Saison lagen. Zwar stand Trainer Roland Seitz vor der Aufgabe einen kleinen personellen Umbruch zu vollziehen, doch für das Titelrennen galten die Moselstädter bei allen Experten als heißer Kandidat. Das war die Bürde der Vizemeisterschaft und auch die Bürde für prominente Zugänge, die dank der Cup-Einnahmen verpflichtet werden konnten.

In der Liga vollführte Eintracht Trier eine kleine Achterbahnfahrt, die aber alle Möglichkeiten für den Aufstieg in die 3. Liga offen hält, weil im Dezember bei den Sportfreunden Lotte mit 3:2 gewonnen wurde. Zugleich war es erneut der DFB-Pokal, der die überregionalen Schweinwerfer auf Trier richtete. 5vier bietet nach dem ersten Teil des Jahresrückblicks mit der Rückrunde 2010/11 den zweiten Part, in dem die Hinrunde der laufenden Spielzeit mit ihren Höhen und Tiefen im Vordergrund steht. Morgen folgt der letzte Part mit den wichtigsten Daten und Fakten des Fußballjahres 2011.

Neuanfang bei Blitz und Donner

Nach vier Wochen Urlaub gab es schon den Trainingsauftakt. Foto: Anna Lena Grasmück

Der Urlaub war kurz. Vier Wochen Zeit hatte Roland Seitz, um zum Trainingsauftakt 27. Juni neue Kraft zu tanken – und neue Spieler zu verpflichten. Nach den Abgängen der Leistungsträger Alban Meha (Paderborn), Josef Cinar (Burghausen) und Lukas Mössner (TSV Hartberg) galt es, erhebliche Lücken zu füllen. Mit Chhunly Pagenburg (Erfurt) und Holger Knartz (1860 München) standen zu Beginn der Vorbereitung nur zwei frische Kräfte auf dem Rasen. Das änderte sich in den folgenden Monaten, in denen der Kader sukzessive verstärkt wurde.

Bis in den Oktober hinein war die Eintracht noch aktiv auf dem Transfermarkt. Im Laufe der Vorbereitung kamen Oliver Stang,  Denny Herzig und Martin Hauswald hinzu, später wurde Alon Abelski unter Vertrag genommen, Wojciech Pollok wechselte pünktlich zum Ablauf der Transferperiode von Preußen Münster an die Mosel, mit Marc Gouiffe à Goufan versuchte ein vertragsloser Spieler nach einjähriger Verletzungspause seinen Neuanfang in Trier.

Der Findungsprozess dauerte einige Wochen, obwohl die Vorbereitung bereits Begehrlichkeiten weckte. Ein 7:0-Sieg gegen eine Eifelauswahl bildete den Auftakt in die Testspiele, die letztlich ohne Niederlage und mit 38:4-Toren abgeschlossen wurden. Darunter waren auch Erfolge gegen Teams der Regionalliga Süd, Sonnenhof-Großaspach (2:1) und die Stuttgarter Kickers (1:0).

So wechselhaft wie das Wetter zur Liga-Premiere waren aber auch die Leistungen der Eintracht. Wo Fußball-Nostalgiker gerne von der „Wasserschlacht von Frankfurt“ schwärmen, bei der 1974 vor dem WM-Spiel zwischen Deutschland und Polen Walzen über den mit Pfützen übersäten Rasen rollten, dürfte in Trier die Wasserschlacht gegen Wiedenbrück nie so ganz aus den Erinnerungen verschwinden. Ein Gewitter mit heftigen Blitzen und Donner sorgte dafür, dass die Spieler für 13 Minuten in die Kabinen flüchteten, just, als die Eintracht mit dem Kombinationsfußball der Gäste Probleme hatte. Die Stadionregie spielte „It’s raining men“ ein. Nach einem Platzregen und der Rückkehr war dann auch die Seitz-Elf unterhaltsamer und fuhr durch einen Elfmeter von Fahrudin Kuduzovic (45.) und einen Treffer von Chhunly Pagenburg den ersten Saisonsieg ein. Nachgelegt wurde eine Woche später beim 3:0 in Idar-Oberstein. Doch erneut bot Trier nur 45 Minuten ansprechenden Fußball.

„Vorgeführt von Schuljungen“

Ratlosigkeit bei Alon Abelski nach dem 0:3.

Erstmals bestraft wurden die wechselhaften Leistungen bei der 1:2-Heimpleite gegen Schalke 04 II, die der Auftakt zu drei Niederlagen am Stück im Moselstadion war. Zwar fand die Eintracht immer die passende Antwort, siegte erst 2:0 in Dortmund und nach dem 1:2 gegen Düsseldorf II auch 3:1 bei Fortuna Köln. Doch das 0:3 gegen Mainz II war ein Debakel, nach dem die Entwicklung in alle Richtungen gehen konnte. Die Fans pfiffen, verließen früh das Stadion, die Mannschaft registrierte in den letzten Minuten nur noch fassungslos, was die spielstarken Mainzer um sie herum zauberten. Es war der Moment, in dem Konsequenzen gezogen wurden.

Trainer Seitz griff hart durch. Ein Straftraining auf dem Ascheplatz machte den Anfang. Martin Hauswald wurde für das Spiel bei der Reserve des 1. FC Köln aus dem Kader verbannt. Es war nicht der letzte Konflikt zwischen dem Spieler und dem Fußballlehrer. Nach dem 0:0 gegen Essen verweigerte Hauswald bei seiner Auswechslung den Handschlag und wurde suspendiert. Um eine Auflösung des Vertrags verhandeln alle Seiten derzeit noch.

Jeremy Karikari ist der Stratege im Mittelfeld. Foto: Anna Lena Grasmück

Es gab vor allem spieltaktische Erklärungen für die Leistungssteigerung nach Mainz. Das defensive Zentrum wurde immer stabiler, das System wurde langsam in Richtung eines 4-1-4-1 verändert. Karikari stellte den einzigen Sechser, während davor der aufblühende Techniker Abelski und Kraftpaket Kuduzovic als Spielmacher-Duo harmonierte, das die Arbeit gegen den Ball nicht scheute. Die Eintracht wurde so zu einem Bollwerk, das bis zum Spiel in Bochum II 613 Minuten lang kein Gegentor mehr kassierte. Auch die Einstellung wurde danach abgerufen, die mehrfach in der Kritik stand. „Der Mannschaft fehlt der Eigenantrieb der letzten Saison“, sagte Seitz. „Mainz war für mich der Tiefpunkt der eineinhalb Jahre in Trier“, betont Thomas Kraus. „Da ist es wichtig, Typen in der Mannschaft zu haben, die vorausgehen. Wir haben Charakter bewiesen, als er gefragt war.“ Torge Hollmann stimmt zu: „Das war der Hallo-Wach-Effekt, nachdem wir uns von Schuljungen haben vorführen lassen.“

613 Minuten ohne Gegentor und Serienbrecher

Trier startete nach der höchsten Saisonniederlage einen Lauf. Die holprigen Spiele in Köln (2:0) und Elversberg (1:0) wurden gewonnen, bei Schlusslicht Koblenz sprang nur ein 0:0 heraus, dafür folgte ein 2:0-Erfolg gegen Verl und ein 4:0 im Spitzenspiel bei Mönchengladbach II, das zuvor acht Begegnungen in Folge nicht verloren hatte. Erst nach dem tragischen Pokal-Aus gegen den Hamburger SV gab es einen erneuten Bruch. Zwar verlor die Eintracht gegen Essen (0:0) und in Bochum (1:1) nicht. Doch der wilde Siegeslauf von Lotte machte jedes Unentschieden zu einem kleinen Rückschlag. „Wir haben vier Zähler zu wenig geholt“, findet Torge Hollmann. Die 2:4-Niederlage in Kaiserslautern sorgte dann erneut für Ärger. „Wenn alle Spieler die Einstellung des Trainers hätten, wären ein paar Punkte mehr auf unserem Konto“, provozierte Seitz seine Elf vor dem Duell gegen Leverkusen, das dank eines frühen Herzig-Treffers 1:0 gewonnen wurde.

In Lotte gelang Trier in der folgenden Woche der Husarenstreich für das Titelrennen. 3:2 siegte die Eintracht am Autobahnkreuz, wo saisonübergreifend 25 Spiele in Folge nicht verloren wurden. Wie in Mönchengladbach war die Seitz-Truppe der Serienbrecher und hat nun nach dem Abschluss der Hinrunde zwei Punkte Rückstand auf die Sportfreunde bei einem mehr ausgetragenen Spiel. „Wir wollten unbedingt beweisen, dass wir nicht schlechter sind als Lotte“, meint Thomas Kraus. „Wir haben bewiesen, dass sie zu schlagen sind. Hoffentlich verlieren nun andere Mannschaften mal etwas den Respekt vor ihnen.“ Vor dem Kontrollausschuss des DFB gibt es aber noch ein Nachspiel – Jeremy Karikari zeigte an, rassistisch beleidigt worden zu sein, Lotte-Stürmer Martin Hess stellte wiederum Strafanzeige wegen Körperverletzung.

2012 kann Roland Seitz sportlich auf drei Kräfte besonders bauen, für die 2011 auch im Zeichen der Rückkehr stand. Torge Hollmann, der sich am Innenband verletzte und bis zu 117 Tage nicht in der Startformation stand. Oder Tolgay Asma, der nach einem Kreuzbandriss über ein Jahr nicht in der Regionalliga zum Einsatz kam. Nach seinen Einwechslungen gegen Essen und in Bochum demonstrierte er sein Talent, das danach durch einen gebrochenen Zeh wieder eingedämmt wurde. Und natürlich Marc Gouiffe à Goufan, der über ein Jahr wegen eines Knorpelschadens und Meniskusrisses nicht Fußball spielen konnte und sich schrittweise seiner alten Form nähern will.

„Ein Stück Pokalgeschichte“

Es gibt auf dieser Welt Gesetze, die nicht zu ändern sind. Die Schwerkraft gehört dazu und auch solche bekannten Regeln wie „Im Pokal ist alles möglich“. In Trier gewinnen diese Gesetze eine ganz neue Bedeutung. Die Schwerkraft wird natürlich nicht aus den Angeln gehoben, wenn die Eintracht im DFB-Pokal spielt, ebenso wenig aber Möglichkeit an Überraschungen im Cup. Die Unberechenbarkeit des Fußballs ist es, die das Spiel in aller Welt so beliebt macht und Millionen von Menschen in den Bann zieht.

Im Moselstadion, wo einst die Eurofighter von Schalke 04 und Borussia Dortmund die Segel streichen musste, wurden schon Helden geboren. So auch in diesem Jahr in den „Hamburger Wochen“. Zunächst musste der FC St. Pauli vor 8457 Zuschauern dran glauben. Der „Weltpokalsiegerbesieger“ verlor in Trier mit 1:2. Ahmet Kulabas sorgte für die Führung nach 16 Minuten, das 1:1 von Mahir Saglik (88.) war nur ein kurzer Schock, ehe Martin Hauswald Sekunden später zum Sieg traf (89.).

Das Los in der zweiten Runde brachte den Hamburger SV. Besonders Platzwart Sascha Quint jubelte über den Gegner – er ist seit den glorreichen HSV-Zeiten unter Ernst Happel Fan der Hanseaten. Eintracht-Legende Harald Kohr erinnerte sich an seinen Pokal-Auftritt beim HSV 1981, als der Stürmer gegen Franz Beckenbauer ein Tor erzielte und die Getränkevorräte auf dem Rückflug geplündert wurden.

Auch im Oktober 2011 wurden neue Helden geboren, obwohl es nicht zum ganz großen Coup reichte. Ahmet Kulabas brachte das mit 10.300 Zuschauern ausverkaufte Moselstadion mit seinem 1:0 gegen den Bundesligisten zum Beben, Marcus Berg rettete den HSV mit Ach und Krach in die Verlängerung, in der ein Freistoß von Dennis Aogo das Ende aller Trierer Träume bescherte. Doch im Leben müssen Helden nicht immer diejenigen sein, die am Ende am strahlendsten in die Kameras lächeln. „Wir haben die große Bühne betreten, ganz Deutschland hat einen Tag auf uns geschaut und über uns gestaunt“, meint Thomas Kraus. „Wir haben schon ein Stück Pokalgeschichte geschrieben.“ Ein neues Stück soll im kommenden Jahr folgen. Dafür ist Trier im Rheinlandpokal auf einem guten Weg – auch wenn das Nebelspiel in Mehring erst im zweiten Anlauf stattfand und nach Verlängerung 4:2 gewonnen wurde.

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