Eintracht Trier: Köbi hat das Wort: „Auch wenn es schwerfällt…!“

Der Stadionsprecher von Eintracht Trier, Martin „Köbi“ Köbler, richtet sich an die Anhänger des Trierer Traditionsklubs. In der Kolumne, die vor jedem Heimspiel der Eintracht erscheint, wird er in einer kurzen Ansprache an die Fans des Regionalligisten die Worte richten, die sonst unausgesprochen bleiben. Heute vor genau zehn Jahren feierte die Eintracht den größten Erfolg der Vereinsgeschichte – den Aufstieg in die 2. Bundesliga. „Köbi“ erinnert sich an den 11. Mai 2002 und fragt gerade nach der Pokalenttäuschung in Mayen: „Wer nimmt heute, hier und jetzt das Herz in die Hand und bekennt sich zu seinem Verein?“

Liebe Eintrachtler,

Leere. Das ist denke ich alles, was uns allen momentan einfällt, wenn wir an unseren Verein denken. Leere. Fassungslosigkeit. Ohnmacht. Oder, in Zahlen ausgedrückt: TuS Mayen – Eintracht Trier 3:2. 28 Spiele in Folge blieben unsere Farben im Rheinlandpokal in Folge ungeschlagen – bis Dienstag. Der Glaube an eine noch zu rettende Saison war bei vielen noch vorhanden gewesen. Bis Dienstag.

Nun stehe ich also hier und frage mich, was man vor diesem Spiel vermitteln kann. Hinweise und Anekdoten, bezogen auf das fast schon legendäre Hinspiel im Dezember am Lotter Kreuz sind in der aktuellen Situation genauso unangebracht wie wenig hilfreich. Was damals wie der Startschuss zu einer furiosen Rückrunde klang, entpuppte sich als lahmender Querschläger. Was vor noch nicht einmal vier Monaten aufkeimende Euphorie war, ist nun in bitterer Enttäuschung gemündet. Enttäuschung darüber, dass die Träume, die insgeheim von der 3. Liga gepflegt wurden, einmal mehr vertagt werden müssen. Verbittertheit darüber, dass im kommenden August zum ersten Mal seit der Saison 2006/2007 das Logo mit der Porta Nigra nicht deutschlandweit im DFB-Pokal Schlagzeilen machen wird. Die schon fest eingeplante Kugel wird dieses Mal das Wappen des TuS Mayen oder des SV Rossbach-Verscheid zieren – und der potentielle Gegner aus der Bundesliga wird nicht das Dreieck Moseltal passieren, sondern den Großraum Koblenz ins Navigationsgerät eingeben.

Tränen am Torpfosten und ein Lächeln im Gesicht

Eintracht Trier – Sportfreunde Lotte, so ist diese Partie nicht der von vielen erhoffte große Meilenstein in der Vereinsgeschichte unseres Vereines, sondern einfach nur ein letzter Spieltag in einer Spielzeit, die uns am Dienstagabend tonnenschwer überrollte. Ich ging gedankenverloren nach dem Schlusspfiff über den Rasen in Mayen und wollte es einfach nicht wahrhaben, die HUMBA-Gesänge des euphorischen Eifeler Anhanges zu hören. Ich war wie wir alle: einfach nur leer. Mit vielen aus der Anhängerschaft konnte ich seit Dienstag sprechen. Das lähmende Entsetzen ist spürbar, greifbar, es hängt in der Luft wie ein nicht zu verhindernder Donnerhall nach dem zuckenden Lichtblitz eines Gewitters. Und doch blitzen meine Augen, als ich soeben das letzte Programm für den Ablauf der Stadionshow und der Einsätze der Videowall und der Musik plane, als ich das Datum abtippe: 11. Mai.

Wenn wir gegen die Sportfreunde antreten, ist es auf den Tag genau zehn Jahre her, dass wir den Aufstieg in die 2. Bundesliga feiern konnten. Hoffenheim. Der Name, der deutschlandweit eher für Zündstoff sorgt, zaubert bei den Fans der alten Dame aus Trier ein Lächeln ins Gesicht. 11. Mai 2002, Dietmar-Hopp-Stadion. Bernd Gritzmacher, am Torpfosten hockend und ob Erleichterung und Freude die ehrlichsten Tränen weinend, die sich ein Fußballfan vorstellen kann. Ein Jahr zuvor gab es ebenfalls Tränen – Catalin Racanel, Rotz und Wasser heulend nach dem letzten Spiel hier zuhause gegen den VfB Stuttgart II. Den Profi-Vertrag beim FC St. Pauli schon in der Tasche, trommelte er seine ganze Trauer nach dem 0:1 und dem damit verpassten Aufstieg vor ausverkauftem Haus auf den Rasen des Moselstadions. Die Ostkurve: betretenes Schweigen, Tränen. Zwei Jahre zuvor, 1999 – Fast-Insolvenz, die Eintracht klinisch tot, schon so gut wie abgeschrieben.

„Wer nimmt heute, hier und jetzt das Herz in die Hand?“

Wer hätte 1999, als fast täglich neue Horror-Meldungen über die Medien verbreitet worden sind, auch nur im Traum damit gerechnet, was nur drei Jahre später möglich wäre? Wer hatte am letzten Spieltag 2000/2001 den Mut, aufzustehen, der neuen Saison ins Gesicht zu blicken und dem, was da kommen mag, entgegenzutreten?

Und nun die alles entscheidende Frage: Wer nimmt heute, jetzt und hier, das Herz in die Hand und bekennt sich zu seinem Verein? Wer bildet das Rückgrat des Klubs, der uns so oft zum Lachen brachte, zum Weinen, zum Jubeln und zum Trauern? Ist das nicht die Quintessenz, warum wir diesen Sport so lieben? Mit all‘ seinen Facetten, Randerscheinungen und Geschichten? Gehen wir dafür nicht ins Stadion? In unser Stadion?

Zehn Jahre nach dem wohl größten Erfolg in der Vereinsgeschichte braucht unser Verein vor allem zwei Dinge: seine Fans – und Ruhe.

Nur, wer die Täler kennt, weiß, wie schön die Berge sind!

Ich steh‘ zur Eintracht!

On dau?

Daje.

Euer Köbi

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