Lebensversicherungen, heilsame Krisen und Träume

Von Florian Schlecht (Text) und Anna Lena Grasmück (Fotos)

Die Stimmung war gedämpft, als Eintracht Trier in die neue Regionalliga Südwest startete. Nach der Hinrunde hat die Mannschaft aber so manche Erwartungen übertroffen. Auch die Fans helfen nun tatkräftig daran mit, die Chancen auf einen Relegationsplatz wachsen zu lassen. 

Der Nebel lichtet sich

Es gab leichtere Umstände, um in eine Saison zu starten. Von Euphorie war der Trainingsauftakt bei Eintracht Trier nicht begleitet. Immer noch hing der Nebel der Monate zuvor über dem Moselstadion, der deutlich verpasste Aufstieg, das peinliche Pokal-Aus in Mayen und damit verbunden ein abgespeckter Etat. Die neue Regionalliga Südwest sorgte zwar für Neugier, aber nicht für Luftsprünge, war doch auch die Staffelreform des DFB mit finanziellen Einschnitten verbunden. 90.000 Euro fielen an Fernsehgeldern weg – das traf alle Vereine von Alzenau bis Worms bis ins Mark.

Trier machte aus der Not eine Tugend, setzte auf einen kleineren Kader und baute ins Aufgebot einige Talente aus der Region ein. Christoph Anton war bis zu seiner Bänderverletzung auf dem Weg zum Stammspieler. Nur zu Kurzeinsätzen reichte es bislang für Christopher Spang und Burak Sözen. Überraschend war hingegen, dass sich Kevin Heinz aus der A-Jugend schon für einige Minuten beweisen durfte. Trainer Roland Seitz setzte ansonsten auf Routine, auch wenn die bei Spielern wie Mario Klinger und Thomas Konrad nicht immer über das Alter, wohl aber über Einsätze in der 2. Bundesliga und 3. Liga zum Ausdruck kam. Mit Fouad Brighache und Baldo di Gregorio wurden im Trainingslager in Reutlingen gleich zwei Neuzugänge als Kapitäne ernannt.

Die Vorbereitung war für viele Akteure die dankbare Gelegenheit, nach langer Zeit wieder Spielpraxis zu sammeln. Steven Lewerenz kam bei RB Leipzig in der Saison zuvor auf keinen Einsatz, Max Watzka war lange durch einen Kreuzbandriss ausgefallen. Wo die Mannschaft vor dem ersten Spiel in Freiburg daher wirklich zu verorten war, konnte nicht wirklich beantwortet werden. Die Klasse deutete sich in den Testspielen gegen Alemannia Aachen (1:0), den Wuppertaler SV (1:2), den 1. FC Köln II (3:2) und Viktoria Köln (1:2) zwar häufiger an, sie wechselte sich aber mit Unkonzentriertheiten in der Defensive ab.

Lebensversicherung Pagenburg

Der strahlende Held der Hinrunde war Chhunly Pagenburg. Es gab nicht wenige Fans, die die Vertragsverlängerung mit dem ehemaligen Bundesliga-Stürmer mit gemischten Gefühlen betrachteten. Der Angreifer deutete schon in der vergangenen Saison an, mit seinen Fähigkeiten zu den herausragenden Regionalliga-Fußballern zu gehören. Was „Chhun“ jedoch zurückwarf, war dagegen Verletzungspech. Und vielleicht liegt genau darin die Erfolgsgeschichte des Deutsch-Kambodschaners, dessen Name übersetzt „Glück im Frühling“ heißt: Nach schweren Jahren mit Knorpelschaden und mehreren Muskelfaserrissen überhaupt wieder mit so einem Schwung, so einer Begeisterung, so einem Torhunger in den sportlichen Alltag zurückzufinden – das ist keine Selbstverständlichkeit. Nahezu ohne Beschwerden ging der 26-Jährige in die Vorbereitung, brachte sich in einen idealen Fitnesszustand, war in allen 19 Spielen dabei und ist mit 1597 Minuten der Dauerbrenner des Teams.

Bereits am ersten Spieltag deutete Pagenburg seine Frühform an. Ein Doppelpack zum 2:1 bei Freiburg II, ein Doppelpack zum 2:2 gegen Mainz II, ein Doppelpack zum 2:2 in Homburg. Und der gebürtige Nürnberger ließ weitere Sternstunden folgen, so wie den lupenreinen Hattrick zum 3:2 gegen Ulm.

Weitere Ziele hat der Torjäger mit 16 Saisontreffern vor Augen. Bereits im August erzählte er im Interview mit 5vier von seinem Wunsch, für die Nationalmannschaft Kambodschas und so für das Heimatland seiner Mutter zu spielen. Es wäre kein Wunder, wenn Pagenburg ab dem Sommer wieder in höheren Gefilden spielen darf. Bis dahin will er aber in Trier bleiben. Und an der Heldengeschichte weiterschreiben.

Eine Krise mit heilsamer Wirkung

Roland Seitz warnte davor, dass der Saisonstart mit einem neuformierten Kader immer mit Schwierigkeiten verbunden sei. Tatsächlich präsentierte sich die Mannschaft in einer erstaunlichen Frühform mit phasenweise starken Leistungen, bei denen aber wie beim 2:2 in Homburg die Chancenverwertung und auch die Kompaktheit die Probleme waren. Dann folgte im September das Loch, das der Trainer befürchtet hatte. In Mannheim (1:3) wurde Trier überrannt, gegen Koblenz (0:1) ging das taktische Experiment mit zwei Spitzen schief, gegen Elversberg fehlte jegliche Kreativität (0:1).

Die Emotionen kochten nach dem Spiel über, Fans bewarfen die Spieler mit Bierbechern und beschimpften sie vor dem Backsteingebäude. Seit dem Tag war das Verhältnis zwischen der Mannschaft und Anhängerschaft zerrüttet. Meistens bedankten sich die Fußballer nach Siegen nur noch mit einigen Metern Distanz zu dem Fanblock. Intern fanden Spieler und Trainerstab dagegen die richtigen Worte und Gegenmittel. Der Appell an die Einstellung fruchtete, auch dank der Routiniers Brighache, di Gregorio und Loboué.

Taktisch stellte Seitz nach Rücksprache mit dem Team auf ein 4-2-3-1-System um, das in der Folge nicht nur mehr Stabilität verlieh, Alon Abelski den Rücken frei hielt und in dem viele Spieler ihre Rolle fanden. Maximilian Watzka, zuvor auf dem Flügel glücklos, überzeugte als Sechser mit Vorwärtsdrang und Ideen. Thomas Konrad, der als Außenverteidiger mehrfach wackelte, verkörperte in der Innenverteidigung das pure Selbstbewusstsein. Der größte Pechvogel der Krise war Andreas Lengsfeld, der nach einigen Patzern seinen Platz im Tor an Neuzugang Stephan Loboué verlor.

Träume und eine bundesweit einmalige Aktion

Eintracht Trier brach den Bann mit einem 2:0-Erfolg bei Hessen Kassel und zeigte ein ganz anderes Gesicht. In Alzenau (3:1) wurde nachgelegt, der immer mehr aufblühende Lewerenz feierte bei den Bayern seinen ersten Saisontreffer. Ein Doppelpack von Kuduzovic entschädigte dann auch das Publikum im Moselstadion gegen Kaiserslautern II.

Wirklich versöhnt war es zwei Wochen später gegen Ulm. Fußball verrückt war es, was sich in den 90 Minuten und dem ersten Wiedersehen beider Teams seit der Aufstiegsrunde abspielte. Mit 0:2 lag Trier zurück, verbuchte ein Chancenverhältnis von 16:3 und steckte nie auf. Dann leitete Pagenburg mit einem 25-Meter-Hammer die Aufholjagd ein (72.), glich wenig per Kopf aus (82.) und stocherte den Ball abschließend zum 3:2-Sieg über die Linie (89.). „Wir wollen bis zur Winterpause kein Spiel mehr verlieren“, sagte Pagenburg anschließend. Die Mannschaft hielt Wort, auch wenn sie mehrere Rückstände verkraften musste. In Hoffenheim gewann Trier in einem packenden Spitzenspiel, obwohl die Kraichgauer mit 1:0 und 2:1 führten. Fabian Zittlau drehte mit einem Kopfball kurz vor dem Ende den Spieß um. Neun Begegnungen waren es, die das Team in Folge ungeschlagen blieb und so den Sprung in die Spitzengruppe schaffte. Trainer Seitz war zufrieden: „Trotz des geringeren Etats durch den verpassten DFB-Pokal und den vielen Abgängen ist es uns gelungen, einen qualitativ starken Kader zu formieren. Ich konnte eine positive Entwicklung feststellen, wir spielen endlich konstant und haben unseren Fans einige attraktive Darbietungen geliefert.“

So stehen die Chancen gut, dass auch die Zuschauerzahlen 2013 wieder steigen. 13.259 Besucher strömten in den acht Heimspielen der Hinrunde ins Moselstadion – die meisten gegen Koblenz (2.238). Dazu reifen wieder die Träume in Trier. Drei Punkte Rückstand sind es nur auf Hessen Kassel und den Relegationsplatz zur 3. Liga. Das animierte die Fans, eine bundesweit einmalige Aktion zu starten. So werden „Sturmpartner“ gesucht, die einen Neuzugang für die Offensive finanzieren sollen. Mit über 4.000 Euro ist schon ein erster Anfang gemacht…

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