Eintracht Trier: Vom Aufstiegskandidaten zum Sorgenkind

Von Florian Schlecht (Text) und Anna Lena Grasmück (Fotos)

118 Tage ist Eintracht Trier ohne Heimsieg. Das 2:4 gegen Dortmund II war ein erneuter Tiefpunkt. 5vier begibt sich auf die Suche nach Gründen für die Krise, die auch die Personalplanungen zur neuen Saison beeinflussen könnte.

Thomas Drescher verbrachte den Donnerstag auf der Couch und erlebte einen klassischen Filmriss. Der Linksverteidiger von Eintracht Trier wurde bei der 2:4-Pleite gegen Borussia Dortmund II zur Halbzeit ausgewechselt und ins Krankenhaus gebracht. Nach einem Zusammenprall nach wenigen Minuten brummte ihm der Schädel, am Abend bekam der 33-Jährige die Diagnose einer Gehirnerschütterung und einer Prellung an der Halswirbelsäule. „Nun muss ich abwarten, wie es mir in den nächsten Tagen geht“, ist es für den Routinier fraglich, ob er im Auswärtsspiel beim SC Verl am Sonntag (14 Uhr) auflaufen kann. Obwohl Drescher sich an die Demütigung im Moselstadion durch die Verletzung „nicht mehr wirklich erinnern konnte“, ist ihm die Krisensituation in Trier aber bewusst.

Innerhalb von wenigen Wochen ist der Eintracht die wenig ruhmreiche Wandlung vom Aufstiegskandidaten zum Sorgenkind gelungen. „Wenn es von medizinischer Seite geht, werde ich spielen. Ich kann die Jungs in der Phase nicht im Stich lassen“, sagt der Routinier. 118 Tage ist es nun her, dass Eintracht Trier sein letztes Heimspiel gewann. Am 2. Dezember 2011 besiegte der Fußball-Regionalligist Bayer Leverkusen II mit 1:0. Monate später ist nun auch der letzte Funke an Hoffnung erloschen, das 2:4 gegen Dortmund II war erneut ein Tiefpunkt und das fünfte sieglose Spiel in Folge. Wie gegen den SC Idar-Oberstein (0:1) und den 1. FC Köln (1:3) offenbarten sich gravierende Mängel, die das Team von Roland Seitz derzeit von Spitzenmannschaften deutlich unterscheidet. Und es sind mehrere Gründe, über die in diesen Tagen diskutiert werden muss, um den Hebel für die nächsten Liga-Auftritte und die Aufgabe im Rheinlandpokal gegen die TuS Koblenz (25. April) noch umlegen zu können.

„Wir müssen jetzt Eier zeigen“

Thomas Drescher hat eine Gehirnerschütterung erlitten.

„Wir müssen jetzt Eier zeigen“, wünscht sich Drescher in Oliver-Kahn-Manier eine andere Einstellung zurück und bemängelt die Mentalität in den eigenen Reihen. Führungsspieler „wie André Poggenborg, Cataldo Cozza, Oliver Stang, Denny Herzig und Thomas Kraus“ klammert er bei dieser Kritik aber aus. „Die Jungs, die in der Öffentlichkeit als Leader geadelt werden, verdienen sich diesen Ruf, indem sie seit Monaten mit Leistung vorangehen.“ In anderen Teilen der Mannschaft vermisst er die Qualität offensichtlich. „Es reicht nicht, wenn nur drei, vier Leute die Verantwortung übernehmen. Jede Woche muss der Eigenantrieb von jedem Einzelnen da sein. Und ich habe auch irgendwann genug davon, immer darauf hinzuweisen, diese Sachen besser machen zu müssen. Das ganze Jahr haben wir darüber genug geredet.“

Für Ernst Wilhelmi sind die letzten Auftritte ein Grund, die Personalplanungen zur neuen Saison zu überdenken. „Wir warten jetzt die nächsten zwei, drei Wochen ab, jeder gibt ein Bewerbungsschreiben für sich selber ab.“ Im Klartext: Bleibt der Eindruck der letzten, frustrierenden Wochen haften, scheint ein erheblicher Umbruch nicht ausgeschlossen. Das Vorstandsmitglied bezeichnet die kommenden Spiele auch als eine „Charakterfrage“, wie er meint. „Da zeigt sich, wer mit dem Herz am Verein hängt und wer nicht. Wir müssen uns den Fans und Sponsoren anständig verkaufen – und das geht nur mit Jungs, die alles geben.“

Taktisch zum Spielball geworden

Doch Fußball kann nicht nur auf die so genannte Einstellung reduziert werden, auf laufen, kämpfen und grätschen. Auch Trainer Seitz ist so in den nächsten Wochen gefordert, diese schwierige Situation zu meistern. Taktisch wurde Trier zum Spielball von Dortmund II, weil die Mannschaft viel zu tief stand und für ein Heimspiel außergewöhnlich ängstlich auftrat. Der Weg, die Räume auf den letzten 25 Metern vor dem eigenen Tor zu verengen, scheiterte, weil die BVB-Bubis mit ihren Technikern in der Offensive immer wieder in der Lage waren, über Dribblings und schnelle Pässe erhebliche Lücken zu reißen.

Zum wiederholten Male zeigte sich auch, dass die Kreativität im Offensivspiel fehlt, wenn der als Ballverteiler unersetzliche Jeremy Karikari ausgeschaltet wird, einen schwachen Tag hat oder nicht von nachrückenden Akteuren unterstützt wird. Dann fehlt es an Ideen, Struktur, geordneten Spielzügen – und die Mannschaft verfällt schnell in das Stilmittel der langen, planlosen Bälle, die für Gegner leicht auszurechnen sind. Für einen Aufstiegskandidaten sind das zu wenig Optionen.

Thomas Drescher nennt als Grund für das Tief aber auch „das Verletzungspech“ und „einen übermächtigen Gegner, auf den wir getroffen sind“. Mit Oliver Stang (Nasenbeinbruch), Thomas Kraus (Pferdekuss), Alon Abelski (Teileinriss des Syndesmosebandes), Daniel Bauer (5. Gelbe Karte) und Wojciech Pollok (Einriss am Innenband) fielen fünf Spieler aus, Ahmet Kulabas musste nach einer Lebensmittelvergiftung gleich von Anfang an durchstarten, der verletzungsanfällige Chhunly Pagenburg und Benjamin Pintol saßen aus diesem Grunde noch auf der Bank. Wo Dortmund den Ausfall von Torjäger Terrence Boyd durch den hochtalentierten A-Jugend-Knipser Marvin Duksch auffangen konnte, gab es diesen Luxus für Trier nicht. Drescher: „Wir haben keine 25 Leute auf einem Niveau, die Ausfälle ohne Probleme kompensieren können.“

+++++Eintracht in Kürze+++++

Zittlau fällt in Verl aus – Auf Fabian Zittlau muss Eintracht Trier beim Auswärtsspiel in Verl verzichten. Der Mittelfeldspieler sah gegen Dortmund II (2:4) seine fünfte Gelbe Karte der laufenden Saison.

Nachwuchstrio soll gebunden werden – Wie von 5vier berichtet, liegen Burak Sözen und Christopher Spang unterschriftsreife Verträge vor. Das bestätigte Vorstandsmitglied Ernst Wilhelmi. Bei Christoph Anton werde noch nach einem Weg gesucht, Regionalliga-Fußball mit seiner zeitaufwändigen Ausbildung zum Physiotherapeuten zu vereinbaren.

Klarheit über den Kader bis „Mitte, Ende April“ – Trotz der Krise laufen die Gespräche zur neuen Saison. „Bis Mitte, Ende April erwarten wir Klarheit. Der ein oder andere Spieler hofft noch auf Angebote aus der 3. Liga, Jeremy Karikari und Cataldo Cozza haben signalisiert, bleiben zu wollen. Fabian Zittlau möchten wir halten, das haben wir ihm mitgeteilt, er hat sich Bedenkzeit erbeten.“ Das gilt auch für Kapitän Torge Hollmann, der gerne nochmal den Sprung in höhere Gefilde schaffen möchte. „Ich glaube, die Chancen auf einen Verbleib von ihm stehen nicht schlecht“, hofft Wilhelmi dennoch.

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Kommentare (2)

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  1. Eintracht-Fan sagt:

    Wirklich ein super Bericht, der meiner Meinung nach absolut korrekt darstellt, wie die Situation halt momentan ist. Es geht (neben dem Pokal) nur noch um die Goldene Ananas… oder halt Verträge für die nächste Saison. Mit solchen Bewerbungsspielen können die sich Herren allerdings weitgehend verabschieden. Die so genannten „Schön-Wetter-Fußballer“ haben in Trier nichts verloren… hier muss IMMER gekämpft werden und wenn wir irgendwann mal wieder aufsteigen, dann nur, weil eine Mannschaft über die ganze Saison hinweg wirklich ALLES gegeben hat!

  2. kevin -prince sagt:

    super bericht flo…aus dem herzen eines SVE FAN !!!

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