Ende des tanzbaren Widerstands

Irie Révoltés auf Abschiedstournee

Für viele sind sie der Inbegriff der politischen, meinungsstarken Musik. Für andere sind sie Radikale. Fakt ist, dass ihre Musikalität und Show die Zuhörer am vergangenen Dienstag begeisterte.

Die Live Music Hall in Köln. Dieser Ort hat schon viele denkwürdige Abende erlebt. Hier spielten Irie Révoltés ihre Zusatzshow, wie auch an zahlreichen anderen ausverkauften Standorten, der Vorverkauf lief wie Usain Bolt.

Warum die Nachfrage so groß ist? Es sind die letzten Konzerte der 17-jährigen Band aus Heidelberg, sie sagen „Irievoir“. Gefühlt schon auf jedem Festival und in jeder Stadt gespielt, entschied man sich, sich auf anderen Wegen musikalisch zu betätigen. „Mit einem lachenden und einem weinenden Auge.“ So viel Floskel muss sein.

Die achtköpfige Konstellation um die Frontmänner und Brüder Mal Élevé und Carlito, die Söhne eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter sind, locken Zuhörer, die sich klar im politisch linken Lager befinden.

Den Abend eröffnete Stixonspeed, der im feinsten Stil eines Alleinunterhalters mit Laptop, Chartmusik und digitalen Drumset ein Dubstepkonzert halten könnte. Beeindruckend. Jan Pfennig, so sein bürgerlicher Name, blieb auch nach seinem Solo der Schlagzeuger des Abends.

Irie Révoltés-Schlagzeuger

Neben ihm fanden sich Trompeter, Saxofonistin, Gitarrist, Bassist und Keyboarder (teilweise auch in Personalunion). Und natürlich die schon genannten (Sprech)Sänger, deren Stimmen im Duett wunderbar harmonieren und durch ihre Zweisprachigkeit in ganz Europa Gehör finden. Die Aufstellung blieb fast immer dieselbe, Jogi Löw könnte sie kaum besser einstellen: Positionsgetreue Viererkette hinten, immer rotierende Viererkette vorne.

Es wurde geschwitzt, auf und vor der Bühne. Kaum ein Lied, selbst die vermeintlich ruhigen, ließ Verschnaufpausen zu. Irie Révoltés verlangten den Fans alles ab. Sie gingen dabei aber vorbildlich voran, sie performten auf einem beeindruckenden Level. Singen, tanzen, springen, alles ab Lied 1 schweißgebadet – die Stimmen litten nicht darunter. Da fiel auch die nicht ganz abgestimmte Balance der Mikrofone nicht weiter ins Gewicht.

Ein weiterer Grund der zumeist ausverkauften Shows sind die simplen, aber effektiven Ideen von Irie Révoltés. Da wird der hintere Teil der Hall mal zur vorderen gemacht. Oder es wird der größte je in der LMH geformte Kreis gefordert – zum Leidwesen der Menschen an den Seiten. Gestört hat sich aber wahrscheinlich niemand daran. Die bekannten „toten Flecken“, an denen selbst bei bester Show nichts abgeht, waren kaum zu finden. Sogar das Barpersonal, die Security, Sanitäter usw. gaben nach Aufforderung die professionelle Distanz kurzfristig ab und sprangen zum Takt.

Es hätte eine riesige Party sein können. Party beschreibt es allerdings nicht vollständig. Immer wieder äußerten sie sich zur gesellschaftlichen Lage, nahmen Stellung zu Themen wie Frontex, Polizeigewalt und -willkür, Privatisierung. Stellten Fragen wie: Warum soll es Obergrenzen für Menschen geben, aber keine Obergrenzen für Waffenlieferungen? Refugees sind fraglos welcome.

Irie Révoltés-Flüchtlinge

Kritiker sehen die Zugehörigkeit zur Antifaschistischen Aktion als problematisch. Für die Musiker ist sie selbstverständlich, aufs Papier gebracht mit den Worten „Antifaschist, für immer, für immer, radiradikal“. Mit der Tour endet nicht ihr Kampf gegen Rechtsextremismus, für eine gerechtere Welt. Sie sind nicht destruktiv und wollen auf alles draufhauen. Sie fahren zum Beispiel mit Viva con Aqua nach Nepal, um die Wasserversorgung in den ärmsten Ländern der Welt zu verbessern. Zumindest in diesem Punkt sollte die streitbare Gruppe auch von besagten Kritikern gewürdigt werden.

Wer sich ein allerletztes Bild machen möchte, sollte sich die letzten Tour-Städte von Zürich über Hamburg bis Prag anschauen. In unsere Nähe sei der 26. Dezember in Mannheim empfohlen, das „letzte Konzert ever!“ Wer seine Weihnachtskalorien möglichst auf einen Schlag weghaben möchte, wird es nirgends schneller hinbekommen.

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