Euro 2012: Geheimtipps unter sich – Die Gruppe A

von Stephen Weber

Polen, Griechenland, Russland und Tschechien kämpfen in der Gruppe A um den Einzug in die nächste Runde der Europameisterschaft 2012. Die Kräfteverhältnisse zwischen den Nationen sind gleichmäßig verteilt, so dass nur feine Unterschiede das Weiterkommen entscheiden werden. 5vier.de stellt ihnen die verschiedenen Nationalmannschaften vor.

Spitzfindige Zungen behaupten, dass die Gruppe A kulinarisch einer Soljanka mit Ouzo gleicht. Denn gleich drei Länder aus der östlichen Region Europas ringen mit Griechenland um das Erreichen des Viertelfinales. Aber nicht nur aufgrund der regionalen Nähe sollte eine fesselnde Stimmung in den EM-Arenen in Warschau und Breslau garantiert sein. Es wird ein Aufeinandertreffen von Superstars, bekannten Gesichtern aus der Bundesliga und jugendlichen Senkrechtstartern, die alle nur ein Ziel haben: Am 1. Juli den silbernen Europameisterpokal in den ukrainischen Nachthimmel zu recken. Allerdings sucht man in Gruppe A vergebens nach Favoriten auf den EM-Titel; vielmehr tummeln sich hier vier Außenseiter, denen jedoch einige Experten den großen Wurf zutrauen.

Russland

Der holländische Trainerfuchs Dick Advocaat, den manche vielleicht noch aus seiner Zeit als Coach bei Borussia Mönchengladbach kennen, möchte die „Sbornaja“ an die Spitze des europäischen Fußballs führen. Hierbei baut er vor allem auf seinen Sturm, der als Prunkstück der Mannschaft gilt: Angriffsspieler wie Andrei Arschawin, Alexander Kerschakow und Roman Pawljutschenko bilden die transsibirische Eisenbahn, unter deren Räder schon so mancher Gegner geraten ist.

In einer vergleichsweise einfachen Qualifikationsgruppe hat sich Russland als Tabellenerster gegen Irland, Slowakei und Armenien durchgesetzt und dadurch direkt für die Europameisterschaft qualifiziert. Das Team ist im Vergleich zur EM 2008, als man bis in das Halbfinale vordrang und gegen den späteren Europameister Spanien verlor, nur auf wenigen Positionen verändert. Ein eingespieltes und gut abgestimmtes Ensemble ist zu erwarten, auch weil, außer Pawel Pogrebnjak und Marat Ismailow, sämtliche Spieler in der russischen Premjer-Liga aktiv sind und sich somit bestens kennen. Ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist natürlich die Nähe zu den Austragungsstätten. So kann die russische Mannschaft sicherlich mit lautstarker Unterstützung ihrer Anhänger von den Zuschauerrängen rechnen.

Trainer: Dick Advocaat
Bundesliga-Legionäre:
Der größte Erfolg bei einer EM (damals noch als Sowjetunion): Europameister 1960, Vizeeuropameister 1972, 1988
5vier-Prognose: Bei einem solch offensivstarken Kader sollte das Viertelfinale möglich sein. Dann allerdings treffen sie auf einen Gegner aus der deutschen Todesgruppe B.

Hier könnt ihr euch das 3:1 Russlands, mit einem glänzend aufgelegten Arschawin, bei der EM 2008 über die Niederlande nochmal ansehen:

Griechenland

Es ist das erste große Turnier für „Hellas“ seit der Ära Otto Rehagel. Bis 2004 glich der griechische Fußball eher einer Randnotiz auf einer Serviette. Doch bei ihrer erst zweiten Teilnahme an einer EM düpierten sie ganz Europa mit gekonntem Defensiv-Sirtaki, den ein Staudamm-Architekt nicht besser hätte entwerfen können und der Mythos des Rehakles war geboren. Aber von der triumphalen Mannschaft ist acht Jahre später nicht mehr viel übrig. Lediglich Kapitän Georgios Karagounis und Mittelfeldspieler Konstantinos Katsouranis können versuchen, ihren Mitspielern den Geist von 2004 zu induzieren.

In den letzten vier Länderspielen konnten die Griechen unter der Leitung ihres portugiesischen Coachs, mit dem klangvollen Namen Fernando Manuel Costa Santos, nicht mehr als Sieger den Platz verlassen. Gegen Rumänien setzte es sogar im November letzten Jahres vor heimischen Publikum eine schmerzliche 1:3-Pleite. Allerdings darf man nicht außer acht lassen, dass sich die Griechen bei der EM-Qualifikation ohne eine Niederlage gegenüber Kroatien durchsetzten und so eindrucksvoll das Ticket zur EM sicherten. Die deutschen Zuschauer dürfen ein gesondertes Augenmerk auf den erst 20-jährigen Schalker Kyriakos Papadopoulos werfen, dem trotz seines jungen Alters eine tragende Rolle im griechischen Abwehrverbund zukommt.

Trainer: Fernando Manuel Costa Santos
Bundesliga-Legionäre: Sokratis Papastathopoulos (Werder Bremen), Konstantinos Fortounis (1. FC Kaiserslautern), Kyriakos Papadopoulos (Schalke 04)
Der größte Erfolg bei einer EM: Europameister 2004
5vier-Prognose: Das Wunder von 2004 wird sich nicht wiederholen. Aus in der Vorrunde.

Hier seht ihr nochmal den Zusammenschnitt einer der größten Überraschungen in der Fußballgeschichte:

Tschechien

Der tschechische Fußball steht an einem Scheideweg. Die einst „goldene Generation“ um Spieler wie Pavel Nedved, Karel Poborsky oder Jan Koller blieb trotz verheißungsvoller Vorhersagen ohne Titelgewinn bei einem großen Turnier. Eine neue Generation mit jungen Spielern aus der heimischen Gambrinus Liga rückt nun allmählich nach. Es sind vor allem Talente des nationalen Meisters Viktoria Pilsen, die eine neue Ära einleiten sollen, darunter auch der Neu-Wolfsburger Václav Pilař. Hinzu kommen bekannte Gesichter wie Tomáš Rosický, Milan Baroš oder der frischgebackene Champions-League-Sieger Petr Čech.

Trotz dieser international erfahrenen Spieler kränkelt der tschechische Fußball. In der Qualifikation erreichten sie als schlechtester Zweitplatzierter mit bescheidenen 13 Punkten die Relegationsphase. Dort setzte man sich dann mit den Bundesligaakteuren Tomas Peckhart, Petr Jiracek, Michal Kadlec und Roman Hubnik obschon einer durchschnittlichen Leistung gegen Montenegro (2:0, 1:0) durch und wusste im Anschluss wahrscheinlich selbst nicht so recht, wie man sich jetzt für die EM-Endrunde qualifiziert hatte. Für den einstigen tschechischen Fußballer des Jahres und jetzigen Coach Michal Bilek ist es vielleicht auch ein Segen, ohne die „Unvollendeten“ zu einem großen Turnier zu reisen. Die Nachwuchsspieler können unverkrampft und mit jugendlichem Hunger aufspielen und so für eine positive Überraschung im Turnier sorgen.

Trainer: Michal Bílek
Bundesliga-Legionäre: Tomas Peckhart (1. FC Nürnberg), Petr Jiracek (VfL Wolfsburg), Michal Kadlec (Bayer Leverkusen), Roman Hubik (Hertha BSC Berlin), Jaroslav Drobny (Hamburger SV)
Der größte Erfolg bei einer EM: Vizeeuropameister 1996
5vier-Prognose: Der tschechische Umbruch ist noch nicht ganz vollzogen. Nach der Vorrunde werden die Koffer wieder gepackt.

Hier die Highlights des Play-Offs-Spiels gegen Montenegro:

Polen

Es sind die wichtigsten Wochen für eine polnische Nationalmannschaft in ihrer Fußball-Historie. Zum ersten Mal ist Polen Gastgeber eines großen Turniers und dementsprechend hoch sind die Erwartungen. Es ist überhaupt erst das dritten Mal, dass sie an einer EM-Endrunde teilnehmen und gelten hierbei als DER Geheimtipp und gleichzeitig die große Unbekannte unter den Hobby-Buchmachern. Die Mannschaft ist gespickt mit international erfahrenen Spieler, die großteils bei renommierten Vereinen ihr täglich Brot verdienen. Ob nun Torhüter Wojciech Szczęsny (Arsenal London), Ludovic Obraniak (Girondins de Bordeaux), Paweł Brożek (Celtic Glasgow) oder Marcin Wasilewski (RSC Anderlecht), es ist ein Kollektiv mit Format, das zum Fußballfest 2012 lädt.

Ihre gefährlichste Geheimwaffe ist jedoch eine andere: die so oft zitierte BVB-Connection um Łukasz Piszczek, Jakub „Kuba“ Błaszczykowski und Robert Lewandowski. Die drei Spieler von Borussia Dortmund sind hervorragend eingespielt und aufeinander abgestimmt. So haben sie zwei Mal in Folge den deutschen Meistertitel, plus den DFB-Pokal in diesem Jahr gewonnen. Dass sie und ihre Mitspieler gut in Form und heiß auf die Euro 2012 sind, demonstrierten die letzten Testspiele, in denen sie vier von fünf Partien gewannen und Portugal ein 0:0 abringen konnten. Das ganze Land steht geschlossen und voller Vorfreude hinter ihren „Biało-Czerwoni“ und werden jedes Stadion in einen rot-weißen Hexenkessel verwandeln.

Trainer: Franciszek Smuda
Bundesliga-Legionäre: Artur Sobiech (Hannover 96), Sebastian Boenisch (Werder Bremen), Łukasz Piszczek (Borussia Dortmund), Jakub „Kuba“ Błaszczykowski (Borussia Dortmund), Adam Matuszczyk (Fortuna Düsseldorf), Eugen Polanski (Mainz 05), Robert Lewandowski (Borussia Dortmund)
Der größte Erfolg bei einer EM: Qualifikation für die EM-Endrunde 2008
5vier-Prognose: Der Heimvorteil, die Bundesliga-Connection und die vergleichsweise leichte Gruppe führen die Polen bis ins Viertelfinale und vielleicht sogar weiter.

Das BVB-Trio ist ein Blick Wert:

Es hat sich also gezeigt, dass die Gruppe A schmackhafter ist, als es zunächst den Anschein hat. Erst wenn alle drei Gänge in der Vorrunde serviert wurden, wird sich offenbaren, welche beiden Teams am Schluss eine Messerspitze voraus sind. In diesem Sinne: Es ist angerichtet!

Der Speiseplan

Dienstag, 08.06.2012: Polen – Griechenland (18.00 Uhr)
Dienstag, 08.06.2012: Russland – Tschechien (20:45 Uhr)
Samstag, 12.06.2012: Griechenland – Tschechien (18:00 Uhr)
Samstag, 12.06.2012: Polen – Russland (20:45 Uhr)
Mittwoch, 16.06.2012: Tschechien – Polen (20:45 Uhr)
Mittwoch, 16.06.2012: Griechenland – Russland (20:45 Uhr)

Der 5vier.de Euro-Countdown:

1. Der Countdown beginnt – 5vier.de macht euch EM-Ready!
2. Sind Polen und die Ukraine reif für die EM?

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Kommentare (1)

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  1. Weber sagt:

    Super guter Artikel. Mir ist dadurch klar geworden, dass es mitnichten nur zwischen Spanien, Deutschland, Niederlande, etc. um den Titel geht. Polen und Russland sind ebenfalls heiss. Ich denke, es wird manche Überraschung geben.

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