EURO 2012: Sind Polen und die Ukraine reif für die EM?

Von Andreas Gniffke

In wenigen Tagen beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine und 5vier.de bleibt für euch am Ball! In zehn Folgen bringen wir euch auf den aktuellen Stand der Dinge, sodass ihr pünktlich zum ersten Anstoß bestens vorbereitet und außerdem hoffentlich gut unterhalten seid. Wir stellen euch die Gastgeber und die einzelnen Gruppen vor und werfen einen Blick zurück in die EM-Historie. Im zweiten Teil beleuchten wir die Gastgeber.

Eine überraschende Wahl und chaotische Vorbereitungen

Es war ein Schock für die Fußball-Großmacht Italien. Hatte man zuletzt 1990 ein großes Turnier ausrichten dürfen, war man fest davon ausgegangen, im Jahr 2012 wieder an der Reihe zu sein. Doch Italien wurde abgewatscht und die Europameisterschaft überraschend (und mit einer verdächtig klaren Stimmenmehrheit) Polen und der Ukraine zugesprochen. In der Folge wurden immer wieder Korruptionsvorwürfe laut. Die Stimmenvergabe soll massiv beeinflusst worden sein. Doch auch in der Folge lief nicht alles rund. Während man in Polen weitgehend im Zeitplan blieb, verzögerte sich der Um- oder Neubau der Stadien sowie der Ausbau der Infrastruktur in der Ukraine erheblich. Immer wieder drohte die UEFA, dem Land Spiele und Austragungsorte zu entziehen. Selbst Deutschland als Ersatzspielort wurde immer wieder aufs Papier gebracht. Am Ende lösten sich die Probleme wie durch Zauberhand und zumindest die Stadien präsentieren sich in bestem Zustand. Doch Ruhe wollte immer noch nicht einkehren, denn die politische Lage hatte sich verändert.

Die Ukraine – Ein Austragungsort mit vielen Fragezeichen

Einiges hat sich seit der EM-Vergabe im Jahr 2007 in der Ukraine verändert. Die „Orange Revolution“ im Jahr 2004 weckte die Hoffnungen auf eine demokratische und Europa zugewandte Ukraine, Wiktor Juschtschenko und Julija Timoschenko sollten das Land in eine friedliche Zukunft führen. Doch die Revolutionshelden konnten sich nicht auf einen gemeinsamen Weg einigen und mit der Wahl von Wiktor Janukowytsch zum Präsidenten im jahr 2010 verschlechterten sich die Beziehungen zur EU dramatisch. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Situation in der Ukraine vor dem Bundestag als Diktatur.

Dass unter diesen Voraussetzungen auch die Europameisterschaft politisch aufgeladen wurde, verwundert nicht. Die Situation eskalierte fast, als die Haftbedingungen der alten Rivalin Julija Timoschenko für einen weltweiten Aufschrei der Empörung sorgten und zahlreiche Politiker und Staatsmänner ihren EM-Boykott erklärten. Selbst ein Ausschluss der Ukraine wurde diskutiert. Zwei Sichtweisen sind in diesem Fall möglich: Ist es sinnvoll, einem Präsidenten wie Janukowytsch eine Bühne für sein Land und seine Politik zu ermöglichen, oder bietet gerade dies die Chance, auf die Verhältnisse in der Ukraine aufmerksam zu machen?

Vor allem die Korruption im Land ist ein Grundübel, unter dem auch der Fußball massiv zu leiden hat. Oligarchen rüsten ihre Mannschaften immer weiter auf, wodurch auch schon einige Erfolge auf internationaler Vereinsebene gefeiert werden konnten. Das Geld fließt scheinbar ungebremst und versickert an vielen Stellen. Der aus dem Staatshaushalt finanzierte Umbau (!) der Arena in Kiew hat etwa 600 Millionen Euro verschlungen. Ein Preis, für den man einige eindrucksvolle neue Stadien errichten könnte.

Es bestehen bis heute große Zweifel, ob man an den Spielorten in der Ukraine auf das Ereignis angemessen vorbereitet ist. So erinnert man sich in Dortmund noch bestens an das Chaos, das in Lemberg beim Europa-League-Auftritt des BVB 2010 herrschte. Überhaupt Lemberg. In der Stadt im Westen der Ukraine finden zwei Vorrundenspiele der deutschen Mannschaft statt, aber ein Thema beherrscht die Berichterstattung: Die gewalttätigen und offen rassistisch auftretenden „Banderstadt Ultras“, die schon die BVB-Fans 2010 in Angst und Schrecken versetzten. Im Zuge der EM suhlen sich die Anhänger des Vereins Karpaty Lwiw in der medialen Aufmerksamkeit, geben bereitwillig Interviews, in denen sie ihre Gewaltbereitschaft betonen und stolz darauf sind, keine dunkelhäutigen oder sonst fremd wirkenden Personen in ihrem Block zu dulden. Alles andere als beruhigende Vorzeichen, doch die mediale Panikmache wirkt wie so oft reflexartig und übertrieben. Vor allem in England ist eine teils absurde öffentliche Diskussion über den Rassismus in der Ukraine entbrannt. Skandalkicker Mario Balotelli von Manchester City, für Italien bei der EM am Start, wurde folgendermaßen zitiert:

Wenn mich jemand auf der Straße mit einer Banane bewirft, werde ich ins Gefängnis gehen müssen, weil ich denjenigen umbringen werde.

Dabei könnte man sich unvoreingenommen (aber wachsam) viel besser auf die Schönheiten des Landes konzentrieren, denn nicht umsonst wurde die Altstadt von Lemberg zum Weltkulturerbe erklärt und gelten die Frauen in der Ukraine als die Schönsten der Welt. Vielleicht ist dies auch ein Grund, zuhause zu bleiben, wie dieser niederländische Werbespot andeutet…

Polen und der Traum vom Heimvorteil

Im Vergleich zur Ukraine gaben sich die Polen weitestgehend als Vorzeigeausrichter, nahezu alles verlief nach Plan. Doch auch bei unseren Nachbarn gibt es unbewältigte Problemfelder, aber der Optimismus ist ungebrochen. Man hofft auf die große Sensation und die Rückkehr auf die ganz große Fußballbühne. Das Trauma der verlorenen Wasserschlacht von Frankfurt 1974 gegen Deutschland hat der polnische Fußball nie überwunden, nie wieder hat man zur alten Stärke zurückgefunden.

Aber auch der Fußball in Polen ist skandalumwittert, man denke nur an zahlreiche Vorwürfe von Spielmanipulationen, die zum Teil sogar Strafen nach sich zogen. Auch Dortmundstar Lukasz Pisczek wurde rechtskräftig verurteilt, weil er mit seinem Mannschaftskameraden in Lubin im Jahr 2006 Geld gesammelt hatte, um den Gegner aus Krakau zu bestechen. Pisczeks Strafe wurde schließlich in eine Bewährungsstrafe umgewandelt, die einem Freispruch gleichkam. Auch der BVB stellte sich hinter den Spieler und bemühte sich, die Affäre herunterzuspielen. Spielmanipulation als Kavaliersdelikt? Ein weiteres aktuelles Problem stellt in Polen die aktuelle Kaderzusammenstellung dar. Selten war eine polnische Mannschaft besser besetzt, doch die Mannschaft ist internationaler geworden. Viele Talente wurden eingebürgert, die Amtssprache bei der Nationalmannschaft ist Englisch. Für viele Polen stellt diese Tatsache ein echtes Problem dar.

Sorge bereiten auch die polnischen Hooligans, die sich international einen bemerkenswert schlechten Ruf erarbeitet haben. Auch unter ihnen gibt es viele, die sich offen rechtsradikal und antisemitisch geben. Doch die Veranstalter in Polen verweisen auf ihr ausgefeiltes Sicherheitssystem, im Umfeld der Stadien dürften wenig Störungen zu erwarten sein.

Freuen wir uns also auf ein friedliches Fußballfest und für alle Anhänger, die die Reise in den Osten auf sich nehmen, dürfte sich eine Vielzahl von neuen Eindrücken ergeben und die zahlreichen Vorurteile revidieren sich hoffentlich.

Lesetipp – hier gehts zur Besprechung:

Olaf Sundermeyer
Tor zum Osten
Besuch in einer wilden Fußballwelt
Verlag Die Werkstatt, 208 Seiten, ISBN: 978-3-89533-853-3
1. Auflage 2012, 12,90 Euro

Der 5vier.de Euro-Countdown:

1. Der Countdown beginnt – 5vier.de macht euch EM-Ready!

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