Euro 2012: Auf den Engländern lastet ein Fluch – die Gruppe D

Von Christian Kramer

Frankreich, England, Schweden und Gastgeber Ukraine werden sich in Gruppe D heiße Kämpfe um den Einzug ins Viertelfinale der Europameisterschaft 2012 liefern. Frankreich und England sind die klaren Favoriten in der Gruppe, doch aufgrund des Verletzungspechs bei den Three Lions ist ein Einzug einer der beiden Außenseitermannschaften ins Viertelfinale gar nicht so unwahrscheinlich.

England vom Verletzungspech verfolgt

Die englische Mannschaft ist vom Verletzungspech verfolgt. Vor der EM fielen bei der Mannschaft von Trainer Roy Hodgson mehrere Leistungsträger aus. Zunächst musste Gareth Barry seine EM-Teilnahme verletzungsbedingt absagen, dann zog sich auch Frank Lampard eine Muskelverletzung zu und schließlich verletzte sich auch der wichtige Innenverteidiger Gary Cahill. Es scheint fast so als laste ein Fluch auf den Three Lions. Am härtesten trifft die Mannschaft der Ausfall von Frank Lampard, denn mit ihm fällt ihr wichtigster Mittelfeldstratege aus. Der erfahrende defensive Mittelfeldspieler vom FC Chelsea (90 Länderspieleinsätze) war in der EM-Qualifikation eine der tragenden Stützen im englischen Team.

Roy Hodgson hat für Lampard den erst 21-jährigen Jordan Henderson vom FC Liverpool nachnominiert. Es ist mehr als fraglich, ob der Spieler von den Reds Lampard auch nur annähernd ersetzen kann, aber vielleicht wird der Spieler, der erst vor rund zwei Wochen beim 1:0-Sieg der Engländer im Freundschaftsspiel gegen Norwegen sein Debüt im Trikot der englischen Nationalmannschaft feierte, bei der EM über sich hinauswachsen und alle überraschen.

Als am Sonntag dann auch noch bekannt wurde, dass Innenverteidiger Gary Cahill verletzungsbedingt für das gesamte Turnier ausfällt, waren die Sorgen bei den englischen Fans groß. Der Spieler vom FC Chelsea hat sich im Testspiel gegen Belgien einen doppelten Kieferbruch zugezogen. Cahill hatte einen großen Anteil daran, dass Chelsea im Champions League Finale gegen den FC Bayern München trotz des Ausfalls von John Terry gegen die Bayern in 120 Minuten nur ein Gegentor bekam und durch einen Sieg im Elfmeterschießen zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte die Champions League gewann.

Der große Star der englischen Mannschaft, Wayne Rooney, muss zu allem Überfluss in den ersten beiden Spielen eine Rotsperre absitzen. Grund hierfür ist eine absolut unnötige Rote Karte, die sich Rooney im Spiel gegen Montenegro vom deutschen Schiedsrichter Wolfgang Stark abgeholt hatte:

Der bullige Weltklassestürmer wird weder durch Jermaine Defoe noch durch Andy Caroll oder Danny Welbeck zu ersetzen sein. Daher werden die Engländer die Gruppenphase nur überstehen, wenn sie als Mannschaft die Ausfälle kompensieren, indem jeder Spieler eine Schippe drauflegt. Dennoch sollte man die Chancen der Engländer auf einen Viertelfinal-Einzug nicht unterschätzen, denn die Nationalmannschaften von Schweden und der Ukraine gehören sicher nicht zu den Topteams des Turniers.

Équipe Tricolore auf Wiedergutmachungstour

Die Franzosen haben nach den blamablen Auftritten bei der Weltmeisterschaft 2010, bei der sie sich als undisziplinierter Haufen präsentierten und kein einziges Spiel gewinnen konnten, einiges wieder gut zu machen. In Südafrika rebellierten einzelne Spieler gegen den umstrittenen Nationaltrainer Raymond Domenech. Unrühmlicher Höhepunkt des Ganzen war eine obszöne Beleidigung von Nicolas Anelka gegen Domenech in der Halbzeit des Mexiko-Spiels, die dazu führte, dass der exzentrische Stürmer von seinem Trainer nach Hause geschickt wurde. Daraufhin weigerte sich die Mannschaft aus Solidarität mit Anelka am Training teilzunehmen. Das Tischtuch zwischen den Spielern und Domenech, der bereits im Vorfeld der WM innerhalb der Mannschaft nicht allzu beliebt war, war zerschnitten. Nachdem die Spieler die Teilnahme am Mannschaftstraining verweigert hatten, erklärte Delegationschef Jean-Louis Valentin völlig entnervt seinen Rücktritt: „Ich bin empört und angewidert, ich gebe meinen Job hier auf. Was hier passiert, ist ein Skandal für den Verband, für die französische Mannschaft und für das gesamte Land. Die wollen nicht trainieren. Das ist inakzeptabel.“

Der Trainer verzichtete nach diesen Ereignissen im letzten Gruppenspiel auf mehrere Spieler, die er als Rädelsführer innerhalb der Mannschaft ausgemacht hatte, und so verloren die Franzosen auch ihr letztes entscheidendes Vorrundenspiel gegen die nicht gerade mit Stars gespickte Mannschaft des Gastgebers Südafrika mit 1:2. Aber in diesen chaotischen Umständen hätte sich die Mannschaft wahrscheinlich sogar gegen einen Fußballzwerg wie die Färöer-Inseln schwer getan.

Das WM-Debakel hatte Konsequenzen. Der umstrittene Domenech wurde nach der WM vom französischen Verband gefeuert und durch den ehemaligen Nationalspieler Laurent Blanc ersetzt, der als Spieler mit der legendären französischen Mannschaft um Zinedine Zidane 1998 Weltmeister und 2000 Europameister geworden ist. Nicolas Anelka wurde vom Verband für 18 Spiele der Nationalmannschaft gesperrt. Patrice Evra, der während der WM die Kapitänsbinde getragen hatte, wurde für fünf Spiele gesperrt, Franck Ribéry für drei Spiele und Jérémy Toulalan für ein Spiel. Der französische Fußballverband strich den Spielern wegen der Vorfälle die abgesprochenen Zahlungen für den Einsatz in Südafrika.

Laurent Blanc hatte die undankbare Aufgabe nach der WM die Scherben aufzukehren und aus den undisziplinierten Spielern, die das ganze Land in Südafrika blamiert hatten und einigen frischen Spielern ein Kollektiv zu formen, das bei der Europameisterschaft zumindest die Gruppenphase übersteht. Dabei konnte er auf Franck Ribéry und Patrice Evra wegen ihrer unbestrittenen Fähigkeiten und ihrer großen internationalen Erfahrung nicht verzichten. Daher nahm er die beiden, nachdem sie ihre Strafe abgesessen hatten, wieder in die Mannschaft auf. Und das zahlte sich aus. Franck Ribéry war in vielen Spielen in der EM-Qualifikation der Spieler, der den Unterschied machte. Die Mannschaft um Ribéry, Karim Benzema von Real Madrid und Samir Nasri (Manchester City) steigerte sich während der Qualifikation und wurde am Ende in der Gruppe D wider Erwarten Gruppenerster vor Bosnien-Herzegowina und Rumänien.

Frankreich hat beim 2:1-Sieg im Freundschaftsspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft am 29. Februar im Bremer Weserstadion gezeigt, wozu es im Stande ist. Ob die Mannschaft von Trainer Laurent Blanc bei der EM um den Titel mitspielen kann, wird davon abhängen, ob sie als Kollektiv auftritt oder als eine Ansammlung an Individualisten, und davon, ob Franck Ribéry in Topform sein wird. Denn mit ihm steht und fällt das französische Spiel.

Schweden: Zlatan Ibrahimović alleine macht noch keinen Sommer

Die schwedische Mannschaft hat einen Superstar. Der heißt Zlatan Ibrahimović, spielt bei einem der renommiertesten italienischen Vereine und hat in der letzten Serie A Saison für den AC Mailand in 32 Spielen sage und schreibe 28 Mal getroffen. Er gilt als einer der besten Stürmer der Welt. Wenn der lange, schlaksige Stürmer im Strafraum den Ball bekommt, wird es für den Gegner immer brandgefährlich.

Ibrahimovic profitiert beim AC Mailand häufig von mustergültigen Vorlagen von technisch brillanten Mitspielern wie Robinho, Antonio Cassano, Alberto Aquiliani und Kevin-Prince Boateng. In der schwedischen Nationalmannschaft ist Ibrahimovic dagegen mit Abstand der beste Spieler und der einzige Spieler mit Weltklasseniveau. Er hat zwar noch Spieler wie Sebastian Larsson vom FC Sunderland und  Kim Kallström von Olympique Lyon in der Offensive als Unterstützung, die auch hervorragende Fußballspieler sind, aber die große Mehrzahl der schwedischen Spieler hat nicht die individuelle Klasse, um ein Spiel gegen eines der Topteams der Euro 2012 zu entscheiden. Die große Stärke der Schweden besteht darin, dass sie bei Turnieren immer als Kollektiv auftreten und mit hoher taktischer Disziplin das Beste aus ihren Möglichkeiten machen.

Der Gastgeber Ukraine – die große Unbekannte

Viele Fußballfans denken im Bezug auf die Ukraine zunächst einmal an den ehemaligen Weltklassespieler Andriy Shevchenko, der in seiner besten Zeit zunächst im Trikot des AC Mailand und später für den FC Chelsea ein Tor nach dem anderen geschossen hat. Doch Shevchenko ist mittlerweile 35 Jahre alt und hat seinen Zenit längst überschritten. Mittlerweile wird er in der ukrainischen Nationalmannschaft häufig nur noch eingewechselt, um als Joker in der zweiten Halbzeit für Torgefahr zu sorgen. Außerdem kennen die meisten Bundesligafans Anatoliy Timoshchuk, der beim FC Bayern unter Vertrag steht. Timoshchuk spielt bei den Bayern im defensiven Mittelfeld oder in der Innenverteidigung und bringt in der Regel grundsolide Leistungen, strahlt aber kaum Torgefahr aus. Timoshchuk ist bei den Bayern ein Nebendarsteller, in der Nationalmannschaft seines Landes ist er ein Star.

Der ein oder andere wird sich auch noch Andrij Voronin erinnern, der in der Bundesliga für Bayer Leverkusen und Hertha BSC Berlin erfolgreich auf Torjagd ging und mittlerweile in Russland mit Kevin Kuranyi bei Dynamo Moskau kickt. Die anderen Spieler der ukrainischen Mannschaft sind weitgehend unbekannt, da sie mit wenigen Ausnahmen bei den ukrainischen Spitzenclubs Dynamo Kiew und Shakhtar Donezk spielen. Das muss aber nicht unbedingt heißen, dass diese Spieler nicht die Qualität haben, bei einem großen Turnier wie der Europameisterschaft mitzuhalten, denn die ukrainische Liga hat dank dem Geld mehrerer reicher Oligarchen im internationalen Vergleich stark aufgeholt, was darin gipfelte, dass Donezk 2009 den UEFA-Cup gewann. Die Besitzer der Topclubs, Grigori Surkis (Dynamo Kiew), der sich als Energieunternehmer zum Milliardär geworden ist und Stahlbaron Rinat Achmetow (Shakhtar Donezk), haben ihren Mannschaften renommierte Trainer aus dem Ausland, brasilianische Stürmer und andere starke ausländische Spieler gekauft, was das Niveau der ukrainischen Liga deutlich verbessert hat. Die ukrainischen Nationalspieler sind also auch nicht unbedingt schlecht, obwohl sie nicht bei westeuropäischen Topclubs spielen. Die Mannschaft von Trainer Oleg Blochin könnte daher für eine Überraschung gut sein.

In Topform präsentierte sich die Ukraine, wie so viele Mannschaften, in den letzten Wochen nicht. Aber es gibt wie so oft im Leben für alles einen guten Grund. Seine Mannschaft sei beim Trainingslager in Deutschland vergiftet worden, erklärte Trainer Oleg Blochin die schwache Leistung beim 0:2 gegen die Türkei in Ingolstadt. Aber auch wenige Tage zuvor präsentierte sich die Ukraine nicht so ganz auf der Höhe. Gegen Österreich setzte es eine 2:3-Niederlage, aber es gab sehenswerte Tore zu sehen:

Gruppe D verspricht einen spannenden Kampf

Der Kampf um die beiden Spitzenplätze in der Gruppe D wird spannend werden. Frankreich und England sind die Topfavoriten, aber Schweden und Gastgeber Ukraine werden alles dafür geben, ins Viertelfinale einzuziehen. Am Ende könnten die Verletzungen von Frank Lampard, Gareth Barry, Gary Cahill und die zwei Spiele Sperre von Wayne Rooney dafür sorgen, dass England in der Gruppe den Kürzeren zieht. Es wäre aber eine große Überraschung, wenn sich Frankreich nicht fürs Viertelfinale qualifizieren würde.

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Kommentare (1)

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  1. Matze sagt:

    Da hat sich wohl ein kleiner Fehler eingeschlichen. Im ersten Absatz zu Frankreich müsste es Weltmeisterschaft 2010 heißen. Ansonsten ein wie gewohnt guter Artikel.
    Anm.d.Red.: Danke für den Hinweis, ist korrigiert!

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