Filmkritik: Sieben Minuten nach Mitternacht

Schwere Kost mit viel Feingefühl

Coming-of-Age-Filme, also Filme über das Erwachsenwerden, haben oft Schwierigkeiten den richtigen Ton zu treffen. Gerade wenn sie komplexere und anspruchsvollere Themen wie Krankheit und Tod behandeln, brauchen sie jede Menge Feingefühl. Filme wie Stand by me und Mein Nachbar Totoro haben in der Vergangenheit bewiesen, dass dies durchaus möglich ist. Filme wie Brücken nach Terabithia haben versucht sich diesen Themen mit Fantasyelementen zu nähern, mit gemischtem Erfolg. Zu leicht rutscht eine Drama-Fantasy-Mischung in Kitsch ab, wenn sie versucht die manchmal traurigen Wahrheiten des Lebens mit einer abenteuerlichen Traumwelt zu übermalen. Sieben Minuten nach Mitternacht schafft es zwar auch nicht vollständig die perfekte Balance zwischen diesen beiden Welten zu finden, trifft aber bei der Darstellung des tumultartigen Innenlebens seiner Hauptfigur voll ins Schwarze.

Conors Mutter (Rogue One Rebellin Felicity Jones) hat Krebs. Leider steht es sehr schlecht um sie. Die Behandlungen schlagen nicht an, aber immer wieder verspricht sie ihrem Sohn, dass es bald besser werden wird. Eines Nachts, sieben Minuten nach Mitternacht, kommt ein Monster in Gestalt eines riesigen Baumes zu Conor ans Fenster und kündigt an, ihm drei Geschichten zu erzählen. Danach muss Conor ihm seine Gefühle offenbaren und darf dabei nicht lügen. Von nun an begleitet das Monster den Jungen Tag für Tag, während dieser versucht zu lernen mit der Krankheit seiner Mutter umzugehen.

Eines vorweg: Wer sich Sieben Minuten nach Mitternacht anschauen möchte, weil er ein munteres Fantasyabenteuer erwartet, sollte einen großen Bogen um den Film machen. Hier handelt es sich um ein knallhartes Coming-of-Age-Drama, dass nicht zimperlich damit ist, den schmerzhaften Leidensweg seiner jungen Hauptfigur detailliert zu zeigen. Conor kämpft neben der Krankheit seiner Mutter auch mit einer zerrissenen Familie und Schlägern in der Schule. Der Fantasyteil mit dem launischen Monster, dient eher dazu Conors Kampf mit seinen Emotionen bildlicher und kindgerechter darzustellen, nicht aber der Aufheiterung des Zuschauers. Sieben Minuten nach Mitternacht ist eine ziemlich ernste Angelegenheit und das sollte jedem vorher klar sein.

Aus diesen Gründen ist der Film auch schwierig einzuordnen. Die drei Geschichten, die das Monster erzählt, sind alle in einem wunderschönem Wasserfarben-Stil animiert und schaffen es, ihre durchaus komplexe Moral, leicht verständlich zu vermitteln. Die Drama-Kost, die der restliche Film auftischt, könnte allerdings für Kinder etwas schwer verdaulich sein. Der Ansturm an Problemen gegen den Conor ankämpfen muss ist heftig und nicht immer unterhaltsam. Erwachsene wiederum könnte stören, wie stark die Moral des Films in den Mittelpunkt gestellt wird. Neben den drei jeweils etwa fünf-minütigen Fanatasy-Geschichten betonen auch die Dialoge zwischen Conor und seinen Verwandten und Lehrern immer wieder das moralische Ziel des Films.

Sieben Minuten nach Mitternacht ist deshalb leider kaum ohne eine längere, vorangehende Erklärung (wie hier gerade geschehen) zu empfehlen. Lässt man sich aber auf diese manchmal etwas anstrengende Mischung ein, wird man dafür definitiv belohnt. Die Qualität des Films offenbart sich je näher er sich seinem Ende zubewegt. Durch das lange und dramatische Setup erfolgt die moralischen Auflösung mit genau dem Feingefühl, welches man sich bei solch einem ernsten Thema erhofft. Der Fantasyanteil wird hier nicht benutzt um die Wahrheit, der sich Conor stellen muss, zu verstecken, sondern um ihr direkt ins Auge zu schauen. Sieben Minuten nach Mitternacht hat sich sein Prädikat „besonders wertvoll“ von der deutschen Film- und Medienbewertung wirklich verdient.

Jeder Film, der so virtuos mit schweren Themen umgeht, sollte nicht übersehen werden. Auch wenn er nicht immer weiß, wer genau sein Publikum ist. Wer sich von dem Konflikt zwischen fantastischem Kinderfilm und bitterem Coming-of-Age Drama nicht abhalten lässt, wird bei Sieben Minuten nach Mitternacht mit einer traurigen aber auch sehr feinfühligen Geschichte über die schweren Momente im Leben belohnt.

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