Audienz bei König Fußball

von Stephen Weber

Am Samstagabend gastierte die Lesereihe der „11 Freunde“-Redaktion im Trierer Exhaus. Die Sportjournalisten Philipp Köster (hier geht es zum 5vier-Interview mit ihm) und Jens Kirschneck präsentierten in 120 Minuten witzige, kuriose und interessante Ausflüge in die Welt des ledernen Runds.

Philipp Köster und Jens Kirschneck waren am Samstagabend zu Gast im Trierer Exhaus

„Der moderne Fußball hat so manche Abscheulichkeit hervorgebracht wie zum Beispiel den Schalensitz, die Knappenkarte oder den Videowürfel.“

Was die rund 300 Gäste am Samstagabend im Exhaus miterleben durften, war mehr als eine schlichte Lesung literarischer Texte über Fußball. Es war vielmehr eine Hommage an die schönste Nebensache der Welt, eine Liebeserklärung an das Fandom, ein zweistündiger Ausflug in die bizarre Wirklichkeit des Sportjournalismus. Die zwei Gastgeber, die einen mit rhetorischer Gewandtheit und kurzen Aufsätzen durch den Abend leiteten, waren niemand geringeres als der Gründer und Herausgeber des Fußball-Fanzines „11 Freunde“ Phillip Köster und sein Mitarbeiter Jens Kirschneck. Mit viel Witz, bissigen Seitenhieben auf die schreibende Zunft und Nähkästchenplauderei aus dem Fußballgeschäft schafften es die beiden Interpreten immer wieder, die Lachmuskeln der anwesenden Zuschauer zu strapazieren.

„Der Fan hat ein gutes Verhältnis zum Bier, aber ein zerrüttetes Verhältnis zur eigenen Blase.“

An einem gemütlichen Abend – während Herr Köster sich genüsslich mit einer Flasche Bier auf dem Podium einrichtete, genehmigte sich sein Gegenüber Herr Kirschneck ein gutes Glas Rotwein – wurden selbstverfasste Aufsätze über Kommunikationsdefizite mit Fußballlaien, einen autobiographisch-turbulenten Stadionbesuch des Länderspiels Spanien gegen Schottland oder die Entwässerungsproblematik der Fußballfans auf Auswärtsfahrten thematisiert. Das war nicht nur außerordentlich lustig, sondern auch außerordentlich interessant und weckte bei vielen Anwesenden teils schmerzhafte, teils nostalgische Erinnerungen. Besonders Kirschnecks Huldigung an seine Affinität zur Sportberichterstattung über das gute, alte Medium „Videotext“ erntete zustimmendes Kopfnicken aus der Tiefe der Zuschauerraumes. Zur Entspannung des Trommelfells wurden die Kurzgeschichten durch amüsante Videobeiträge aus dem Kuriositätenkabinett des runden Leders ergänzt.

Ein Clip aus der Reihe „Reporter in Not“

„Heutzutage kann keine Spielerfrau mehr schwanger werden, ohne dass sich eine mannschaftsinterne Theater-AG gründet.“

Neben all der Lobhudelei gab es aber auch kritische Anmerkungen über die Auswüchse des modernen Fußballs. Seien es die neuen Maskottchen, die durch die Sportarenen turnen, Verletzungen, die vor 20 Jahren noch kein Mensch kannte oder übertriebene Jubelarien der Spieler nach einem Torerfolg – Köster und Kirschneck packten die Keule aus und entblößten viele Fehlentwicklungen der Moderne oder wie sie es nannten: „Im Fußball ist Wehleidigkeit inzwischen gesellschaftlich legitimiert.“ Wie recht sie haben. Aber auch Lehrreiches wurde an diesem Abend vermittelt: So erfuhr man, was es mit Mike Werners (Vokuhila-Legende von Hansa Rostock) Korn-Bockwurst-Diät auf sich hat: „Zum Abnehmen esse ich eine Bockwurst und trinke dann drei Korn, die die Wurst im Magen direkt zersetzen sollen.“

„Was ich schnell lernte: Um im Doppelpass mitzureden, muss man keine Ahnung vom Fußball haben – die Sendung wird ja auch schließlich von Jörg Wontorra moderiert.“

Der Gründer des Fußball-Fanzines 11 Freunde: Philipp Köster. Foto: 11Freunde

Anekdoten über den sogenannten Trinkerstammtisch von Sport1 zogen sich durch das komplette Programm. Hierbei bekam vor allem der ehemalige Trierer Trainer und angebliche Doppelpass-Experte Mario Basler des Öfteren sein Fett weg. So erzählte Köster die Begebenheit, dass er vor seinem Doppelpass-Debüt einen Kollegen kontaktierte und ihn fragte, auf was er bei seinem ersten Auftritt denn so achten müsste. Als Antwort erhielt er lediglich: „Mach dir da mal keinen Kopf. In einer Sendung, in der Mario Basler auftritt, reicht es auch, einfach irgend einen Mist zu erzählen.“ Hier folgte ebenfalls zustimmendes Kopfnicken der Gäste.

Als sich nach zwei Stunden und zwei Zugaben die Gastgeber beim Publikum verabschiedeten und bedankten, sah man vielen Gesichtern an, dass sie noch weitere Stunden den kurzweiligen Erzählungen hätten lauschen können. Es war wahrlich eine würdige Audienz bei König Fußball.

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