Freizeit: Ein „Plastic Jesus“ und viele Sünder in der TUFA / FOTOS

Von Andreas Gniffke (Text und Fotos)

Die katholische Kirche befindet sich angesichts von Skandalen und Austritten in der Krise. Vor der großen Heilig-Rock-Wallfahrt 2012 müssen also neue Wege gefunden werden, die Attraktivität zu erhöhen. Eine eigenwillige Idee wird hierfür in Christopher Durangs Theaterstück „Schwester Maria Ignatia kann alles erklären“ vorgestellt, das am vergangenen Wochenende in der Trierer Tuchfabrik Premiere feierte. 5vier.de-Redakteur Andreas Gniffke war vor Ort.

Ablass. Seit dem Mittelalter stellt die Reinigung von den Sündenstrafen, gerne gegen einen finanziellen Obolus, eine nicht unübliche Variante dar, wie die Kirche Geld in die eigenen Kassen bekommen könnte. Heutzutage muss dies nur ganz anders verkauft werden.

Halleluja, Angel!

Schwester Maria Ignatia, herrlich böse gespielt von Regisseurin Claudia Stephen, konnte für einen Vortrag über die vielfältigen Vorteile des christlichen Glaubens gewonnen werden, in dem die zentralen Fragen des Glaubens beantwortet werden sollen. Eröffnet wurde der Abend allerdings von Bruder Adrian (Michael Roller) und seiner bezaubernden Assistentin Angel (Janine Stibale), die in einer Benefiz-Tombola Geld für die Reinigung des verschmutzten Heiligen Rocks sammeln. Als Gegenleistung wurde den Besuchern ein Ablass auf die gängigsten Sünden gewährt, wie zum Beispiel unkeusche Gedanken, Lästereien über die einzige gedruckte Tageszeitung der Stadt, Flugzeugentführung oder Mord. Zu gewinnen gab es auch etwas, neben Keksen und eines „In Excelsis Deo“-Sprays auch einen Wackeljesus als ständigen Begleiter und Schutzpatron auf Reisen, den, wohl aufgrund des stattlichen Sündenregisters, natürlich der 5vier-Redakteur mit auf den Heimweg nehmen konnte.

Der Auftritt Maria Ignatias, hier beginnt nun Durangs Stück, läutete den ernsten Teil des Abends ein. Verhandelt wurden die existenziellen Dinge. Himmel, Hölle, Fegefeuer. Lässliche Sünden und Todsünden werden ebenso streng und glaubenssicher abgearbeitet, aber auf die Frage, warum Gott denn all das Leid auf der Welt zulässt, weiß auch die Schwester keine Antwort bzw. kehrt diese lieber unter den Teppich. Ihr Musterschüler Thomas (Ulrike Roller-Barthelmes) wird nebenbei noch abgefragt und für seine wie gewohnt hervorragenden Leistungen mit dem ein oder anderen Leckerli belohnt. Ein im Freilichtmuseum Roscheider Hof gedrehter Einspielfilm zeigt Maria Ignatia in ihrer natürlichen Umgebung, dem Klassenzimmer, wo sie mit im wahrsten Sinne des Wortes harter Hand ihre Schüler erzieht.

Vier von ihnen stürmen dann auch den Vortrag und präsentieren ein Krippenspiel samt Kamel und Christuskind, welches dann auch recht bald am Kreuz landet. Von den Kostümen befreit zeigt sich schnell, dass Maria Ignatias Erziehung bei den vier Ehemaligen nur bedingt Früchte getragen hat. Gary (Richard Stephen) ist eigentlich ein netter Kerl, lebt aber mittlerweile mit einem Mann zusammen. Philomena (Silvia Schwankl) lebt ihren Hedonismus frei aus und Aloysius (Sven Sommer), von Ignatia als Kind schwer gedemütigt, trinkt und schlägt seine Frau. All diese Dinge heißt Maria Ignatia natürlich keineswegs gut, aber ihr Zorn richtet sich vor allem gegen Diane (Astrid Casel), die zwei aus Vergewaltigungen entstandene Kinder antreiben ließ. Am Ende eskaliert die Situation und es kommt zum großen Knall.

Durangs Theaterstück funktioniert auch mehr als dreißig Jahre nach seiner Entstehung noch bestens, aber was sind schon dreißig Jahre, wenn man an Millionen Jahre Fegefeuer denkt. Seine Kirchenkritik scheint zeitlos zu sein und dem noch jungen Limelight-Ensemble gelingt der Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Humor hervorragend. Auch der neu hinzugefügte Anfang mit Bruder Adrian und Angel passt sich gut in das Gesamtgefüge ein, zu dem auch verschiedene Filmeinspieler gehören. Die Besucher werden so von Anfang an einbezogen und stellen sich schon vor dem Beginn des eigentlichen Stücks Fragen über die eigene Sündhaftigkeit und die Möglichkeiten, dies abgelten zu können.

Schwester Maria Ignatia nimmt Philomena ins Gebet

Den Schauspielern merkt man die Freude am Spiel an und Claudia Stephen spielt die finstere Maria Ignatia fies und furchterregend. Die zum Teil tragischen Geschichten ihrer Schüler hätten dagegen noch etwas leidenschaftlicher und ‚zerstörter‘ dargeboten werden können, so erschließt sich die überraschende Wendung am Ende nur schwer. Doch die Zuschauer kommen voll und ganz auf ihre Kosten, vor allem wenn sie bei der Tombola noch einen Gewinn absahnen konnten!

Wer sich das Stück nicht entgehen lassen will, hat noch dreimal die Gelegenheit: Weitere Aufführungen gibt es am 19., 20. und 27. November in der Tuchfabrik. Doch auch für das kommende Jahr ist eine Wiederaufnahme angedacht, wie Claudia Stephen berichtet: „Das Stück würde natürlich hervorragend in das Alternativprogramm zur Heilig-Rock-Wallfahrt passen und wir sind da auch schon in Gesprächen. Vor dem Dom werden wir es aber wohl kaum aufführen dürfen“, lacht die Regisseurin und Hauptdarstellerin.

Hier gibt es noch ein Interview mit Claudia Stephen!

BILDERGALERIE

 

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Kommentare (1)

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  1. Wolfgang sagt:

    Na toll, die Szene ist auch in der Wallfahrt angekommen. Viel Geist beim Mitmachen!

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