Hinter der Geschichte

Das Rheinische Landesmuseum in Trier ist jedem bekannt – zumindest ein Teil davon. 5vier.de wirft einen Blick hinter die Kulissen.

Trier. Jeder Trierer kennt es. Das große Gebäude an der Weimarer Allee, in welches jedes Jahr Tausende von Touristen, Wissenschaftlern, Studenten und natürlich auch eingefleischten Trierern strömen. Das Rheinische Landesmuseum ist eine feste Größe – und „Größe“ darf hier getrost wörtlich genommen werden – der Trierer Kulturlandschaft.

Aber das, was man als zahlender Besucher zu sehen bekommt, ist nur ein Teil des Landesmuseums. Hinter, unter und neben den Ausstellungsräumen existiert eine ganze Welt aus Werkstätten, Lagern und Büros, die sich rund um die Geschichte des Landes, ihrer Verwaltung, Entdeckung und Konservierung drehen. 5vier.de begleitet den Beauftragten für Medienbetreuung und -distribution, Dr. Frank Unruh, auf einem Rundgang durch die Welt hinter den Kulissen der Geschichte.

Archäologie und Landeskunde im selben Regal

Bibliotheksassistentin Nolles (l.) und Medienbeauftrager Unruh (r.) in der Bibliothek.

Die erste Station der Expedition in die Eingeweide des Landesmuseums führt in den einzigen der Öffentlichkeit zugänglichen Bereich: in die Bibliothek. Die Sammlung im Landesmuseum umfasst über 100.000 Bände und wird jährlich um rund 2.000 weitere Werke erweitert.

„Die Bibliothek konzentriert sich vor allem auf die Fachbereiche Archäologie, Kunstgeschichte, Numismatik und Landeskunde“, erklärt Bibliothekar, Archivar und Verlagsleiter Jürgen Merten, „Unsere Besucher sind Mitarbeiter des Museums, Wissenschaftler und Studenten. Aber auch Heimatkundler aus den umliegenden Dörfern besuchen uns regelmäßig, um ihre Chroniken zu pflegen.“ Die Präsenzbibliothek des Museums ist eine Zentrale für geschichtliche Dokumente und archäologische Funde des Landes. Als kleiner Verlag gibt das Museum auch drei bis vier Werke pro Jahr in Eigenregie heraus.

Wer hier nach Informationen sucht, der trifft in der Bibliothek auf Sonja Nolles, die als Bibliotheksassistentin dafür sorgt, dass jeder bekommt, was er braucht. Nolles betreibt zudem auch den Verkauf des Verlages und den Onlineshop.

Es wird hier bereits deutlich: Jeder hier im Museum hat mehr als nur eine Aufgabe. Man packt an, wo man kann, die Aufgabenfelder sind hier nicht so scharf abgesteckt, wie in vielen anderen wissenschaftlichen Einrichtungen. Dies mag auch durch den breiten Aufgabenbereich der Bibliothek im Besonderen und des Landesmuseums im Allgemeinen begründet sein. „Hier sitzen Archäologen und Hobby-Landeskundler am selben Tisch, da muss man entsprechend arbeiten“, so Nolles.

Zwischen 1.000.000 und 5.000.000 Artefakte in der Sammlung

Von der Bibliothek aus geht es bergab. Dr. Sabine Faust, die Sammlungsleiterin des Museums, ist für die nicht ausgestellten Funde des Museums zuständig. Im zweiten Untergeschoss des Landesmuseums findet sich eines der vielen Sammlungsdepots, die insgesamt zwischen 1.000.000. und 5.000.000 Fundstücke in ihren Lagerhallen zählen. Hier stehen Dutzende von Regalen mit Glastüren und tresorartigen Aufbewahrungsschränken zwischen kahlen Betonwänden. Das beständige Summen von Heizung und Klimaanlage liegt in der Luft.

„Die Sammlung ist nach zwei Gesichtspunkten sortiert – nach Funden und Sachgruppen“, erklärt Faust, „Keramik, Glas, Fibeln, Bronzestatuetten – alles, was nicht ausgestellt oder an andere Sammlungen ausgeliehen ist, steht hier in den Regalen.“ Die Sammlung ist sogar älter als das Museum selbst. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts finden Fundstücke ihren Weg in die Sammlung, das Museum selbst existiert erst seit 1877.

Faust betreut die Sammlung, die Standortvorlesungen im Studienbereich der Depots und hilft auch bei der Vorbereitung der Ausstellungen.

„Bevor ein Fundstück hier ins Depot oder in die Ausstellung wandert, wird es in den Werkstätten gereinigt und restauriert“ – womit der nächste Stopp des Rundganges bereits feststeht.

Röntgen und Tiefkühlkammer

In den Werkstätten des Museums erklärt Restaurator und Werkstattleiter Ludwig Eiden, was alles nötig ist, um ein Fundstück präsentabel zu machen. „Viele Fundstücke kommen als Blockausgrabung, also als Gipsblock hier an und werden erst hier in der Werkstatt ausgegraben.“ Vorher wird noch eine Röntgenaufnahme angefertigt. Je nach Art des Fundes – Metall/Organik, Glas, Mosaik, Wandmalerei oder Stein – wird das Objekt dann entsprechend gereinigt und restauriert. Das kann unterschiedlich kompliziert sein.

„Eisen ist da besonders problematisch. Metallfunde müssen oft lange in Entsalzungsbädern liegen, bevor man überhaupt sagen kann, um was es sich handelt“, erklärt Eiden.

Aus Alt mach Neu: Wandmalerei in Restauration und fertiges Mosaik in der Ausstellung

Oft werden von aktuellen Grabungen kleinere Funde eingereicht, die zur Datierung des Gesamtfundes dienen – zusammen mit der Restaurierung des Altbestandes, welcher nicht selten selbst bereits seit einer kleinen Ewigkeit in den Depots des Museums liegt und den Vorbereitungen für Ausstellungen kann es vorkommen, dass sich bis zu 100 Funde gleichzeitig in Bearbeitung befinden.

„Bevor das Stück in den Vitrinen landet wird es oft monatelang in unseren Werkstätten bearbeitet“, meint der Restaurator. Funde, die nicht sofort behandelt werden können oder müssen wandern daher oft erst einmal in den Tiefkühler.

Besonders aufwendig in der Restauration sind die römischen Wandmosaike. Es kann Monate dauern, bevor ein solches Stück auch nur erkennbar ist. Daher ist das Museum auch besonders stolz auf seine ausgedehnte Sammlung an antiken Mosaiken. Hat man einmal die Platte an Dreck und Erde gesehen, aus der in Kleinstarbeit schließlich das Muster befreit wird, ist das mehr als verständlich. Aber es sind nicht nur die spektakulären Funde, die soviel Arbeit machen. In jedem Nagel und jeder Tonscherbe in den Ausstellungsräumen stecken unzählige Arbeitsstunden der Handwerker und Wissenschaftler der Werkstätten.

Hier greift auch die moderne Technik unter die Arme.

„Durch die neuen Bearbeitungsmethoden ist es uns heute möglich Funde zu retten, die vor zehn Jahren noch als unrettbar verworfen worden wären. Allein die virtuelle Dokumentation eröffnet hier ungeahnte Möglichkeiten“, erklärt Eiden.

Jahrgenaue Bestimmung möglich

Bohrkernprobe und Vergleichschronologie eines Eichenholzes

Ein wichtiges Instrument, um Funde genau zu bestimmen bedient sich einer ebenso einfachen, wie genialen Methode. In einer weiteren Werkstatt sitzt Ruth Weishaar, technische Assistentin der Dendrochronologie. Hier werden Holzproben aus den verschiedenen Funden genutzt, um anhand der Jahresringes des Holzes eine Vergleichschronologie zu erstellen. Das funktioniert folgendermaßen: Aus dem Fund wird eine Kernprobe entnommen, die geschliffen, poliert und mit in dem Computer gescannt wird. Jedes Holz, das Jahresringe ausbildet und in einem bestimmten Gebiet gewachsen ist, weist ein ähnliches Jahresringsmuster auf. Da allein im rheinischen Landesmuseum einige Tausend Hölzer gescannt wurden, existiert eine sehr genaue Gesamtchronologie, die – eine gute und vollständige Kernprobe vorausgesetzt – auch bei über 2000 Jahre alten Funden durch einen einfachen Vergleich eine aufs Jahr exakte Datierung ermöglicht.

Auf diese Weise ist es nicht nur möglich, Hölzer aus Bauernhäusern, die für den Denkmalschutz ausgeschrieben sind, zu prüfen, sondern auch alte Reste von Baugerüsten im Trierer Dom oder den altrömischen Eicheneimer, der gerade auf der Arbeitsplatte hinter dem Computer liegt. Solange ein Jahresringe ausbildendes Holz im Spiel ist, können Ruth Weishaar und die Dendrochronologie mit ihren Datierungsmethoden einen außerordentlich wichtigen Beitrag zur Datierung des Fundes leisten.

Museum, Amt und Familie

Der Rundgang durch das Innenleben des Landesmuseums endet in einem langen Flur mit vielen Türen nahe des Ausgangs. Es gäbe noch viel zu sehen: Museumspädagogik, Haustechnik, die hauseigene Foto- und Grafikabteilung, sowie die Verwaltung. Hier im Haus gibt es nicht nur das Museum, auch die archäologische Denkmalpflege des gesamten westlichen Landteils hat hier ihre Zentrale. Es ist genau diese Vielfalt, die Dr. Unruh, der Anführer dieser kleinen Expedition so schätzt.

„Wir haben hier Handwerker, Studenten und Wissenschaftler beschäftigt. Das erschafft eine ganz besondere, sehr familiäre Arbeitsatmosphäre. Es kommen Landeskundler aus den Eifeldörfern, international bekannte Forscher und Schulklassen ins Museum, so haben wir viel mehr Kontakt nach außen als die meisten anderen wissenschaftlichen Einrichtungen“, so Unruh.

Man spürt nichts von dem Klischee des angestaubten Museumsmitarbeiters, der sich in seiner eigenen Ausstellung verläuft. Vielmehr trifft man hinter den Kulissen des Rheinischen Landesmuseums eine Gruppe aus professionellen und lebhaften Menschen, die vor allem eines verbindet: ihre Begeisterung für die Geschichte des Landes.

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auch die archäologische Denkmalpflege des gesamten westlichen Landesteils hat hier ihre Zentrale.

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Kommentare (1)

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  1. Claas sagt:

    Mensch, so eine Tour wünscht man sich als Museumsgänger doch auch.

    Schön geschrieben, informativ. Macht – wie auch eure Theaterreihe – Lust auf mehr!

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