Hochmoselübergang – Mit Stahlbeton durch den Würzgarten

Von Andreas Gniffke

Als Straßenbauprojekt von europäischer Bedeutung wurde es angepriesen, als unverzichtbare West-Ost-Achse, die eine schnelle Verbindung von den belgisch-niederländischen Nordseehäfen in den Rhein-Main-Raum verwirklicht. Die ‚B50 neu‘ soll das Autobahnkreuz Wittlich mit dem Flughafen Hahn und somit die Eifel mit dem Hunsrück verbinden. Zentrales Bauwerk dieser Trasse ist der so genannte Hochmoselübergang, der im Bereich der Ortschaften Ürzig und Zeltingen-Rachtig in Form einer mehr als 150 Meter hohen Brücke über eine Länge von 1,7-Kilometern das Moseltal überspannt, mit nicht zu überblickenden Folgen für den Spitzenweinbau und den Tourismus der gesamten Region.

Foto: Die Hochmoselbrücke ist zentraler Bestandteil des Projekts 'B50neu'

Die Planungen für das Projekt reichen bis in die sechziger-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Der damalige Landesminister Heinrich Holkenbrink, bezeichnenderweise ‚Trassen-Heinrich‘ genannt, plante mitten im Kalten Krieg eine Autobahn als militärische Aufmarschstraße von der Nordsee bis ins Rhein-Main-Gebiet. Die immensen Kosten verhinderten das Projekt. In den neunziger Jahren wurden die Pläne aus der Versenkung geholt, freilich unter der Vorgabe, einen privaten Investor zu finden, den es nie gab. Heute stehen dagegen Gelder aus dem Konjunkturpaket der Bundesregierung bereit und das Projekt hat alle demokratischen Legitimationsprozesse durchlaufen. Hendrik Hering, rheinland-pfälzischer Minister für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau, weist auf den hohen volkswirtschaftlichen Nutzen der Trasse hin, zahlreiche Studien belegen oder widerlegen dies.

Während Hering verkündet, die Menschen stünden bis auf eine kleine Minderheit hinter dem Projekt und seinen unschätzbaren Vorteilen für eine strukturschwache Region, erweist sich vor allem der Widerstand an der Mosel als erstaunlich hartnäckig. Mittlerweile zieht der Protest immer größere Kreise. Im Fernsehen berichtete Frontal 21 im ZDF ausführlich über den Brückenbau, Extra3 im NDR kommentierte die Situation satirisch. Nahezu alle großen überregionalen Printmedien haben den Bau immer wieder kritisch beleuchtet. Insbesondere der Weinjournalismus ergriff vehement Partei für die Brückengegner. ‚Weinpapst‘ Hugh Johnson besuchte die Baustelle ebenso wie der in Berlin lebende englische Weinkritiker Stuart Pigott, der das Bauwerk im Gespräch mit 5vier.de als ‚Verbrechen‘ bezeichnete. Der Verband der Prädikatsweingüter (VDP) weist auf eine bislang gute Zusammenarbeit mit dem Ministerium hin und fordert „Tabuzonen für das aktive Weltkulturerbe Deutschlands“. Gemeint sind absolute Spitzenlagen im Umfeld der Brücke, die durch das Bauwerk unmittelbar in ihrem Bestand gefährdet sind.

Spitzenlagen in Gefahr? Die internationale Weinszene ist entsetzt!

Von der Brücke bedroht: Die Zeltinger Sonnenuhr © Bettina Prüm

Die Auswirkungen auf den Weinbau der Region können nur schwer vorausgesehen werden. Von Brückenkritikern und Weinexperten wird vor allem die Wasserversorgung durch eine weitgehende Versiegelung des Bodens oberhalb der Weinberge als Problem betrachtet. Unklar sind weiterhin die Auswirkungen der Brücke auf Windströmungsverhältnisse und weitere noch nicht abzusehende Beeinflussungen des komplizierten Mikroklimas, auf das Spitzenweine außerordentlich empfindlich reagieren können. Betroffen sind dabei einige der Toplagen des Moselraums, wie zum Beispiel die Wehlener Sonnenuhr, der Ürziger Würzgarten oder das Zeltinger Himmelreich. Der englische Weinkritiker Hugh Johnson zeigt sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift ‚Der Feinschmecker‘ angesichts einer Ortsbegehnung in Ürzig geschockt über das Bauvorhaben und die bereits sichtbaren Baufortschritte am Brückenzubringer. Kein gutes Haar lässt er an der Mainzer Landesregierung allen voran Minister Hering. Johnson erwähnt einen an ihn gerichteten Brief Herings, in dem dieser ihm mitteilte, „Ürzig, Wehlen und Graach seien nichts Besonderes. Es gebe doch noch viele andere Weinberge entlang der Mosel.“ Jeder Weinliebhaber muss derartige Aussagen als Schlag ins Gesicht empfinden, zeugen sie doch von einer tiefgehenden Ignoranz der Landesregierung einer einzigartigen Kulturlandschaft und ihren Spitzenerzeugnissen gegenüber. Bezüglich der Auswirkungen auf den Weinbau scheint man sich in Mainz und Berlin einer negativen Beeinflussung der Weine durchaus bewusst zu sein. So bietet man den betroffenen Winzern bei gutachterlich nachgewiesenen Einbußen finanzielle Entschädigungen an.

Kosten-Nutzen-Verhältnis stark herabgestuft

Durch welche Vorteile ist ein derartig tiefgreifender Einschnitt in eine Region zu rechtfertigen, die nahezu ausschließlich auf Tourismus und Weinbau angewiesen ist? Mitentscheidend für die Einordnung derartiger Projekte in die für die Umsetzung entscheidenden Dringlichkeitsstufen ist das durch externe Gutachter ermittelte Nutzen-Kosten-Verhältnis (NKV). Grundsätzliche Voraussetzung für die Finanzierung eines Projekts ist ein Faktor von 1,0. Beim ersten ermittelten Faktor wurde das Projekt mit 3,4 bewertet. Bei einer erneuten Bewertung Ende 2010 wurde dagegen nur noch ein Faktor von 1,8 ermittelt. Der Durchschnitt aller Verkehrsprojekte des vordringlichen Bedarfs liegt bei 4,7. Von Seiten der Bundesregierung heißt es hierzu: „Dieser Wert [Anm. d. Red.: der maßgebliche Wert von 1,0] wurde im Ergebnis der aktuell durchgeführten Nutzen-Kosten-Bewertung deutlich überschritten. Daher wird die Bundesregierung weiter an dem Projekt festhalten.“ Mögliche Zweifel angesichts einer knappen Halbierung der Kosten-Nutzen-Relation scheint es nicht zu geben.

Der Moselsporn oberhalb von Zeltingen-Rachtig nach dem Brückenbau (Modell)

Von Seiten der zuständigen Ministerien werden folgende mehr oder weniger konkrete Gründe für den Bau herausgestellt: Zum einen verbessere die Trasse die Erreichbarkeit zwischen den Regionen (gemeint sind offenbar insbesondere Hunsrück, Mosel und Eifel) und leiste so einen „Beitrag zur besseren Erschließung des strukturschwachen Hunsrücks sowie der Eifel“, was den beiden Regionen langfristig einen bedeutenden Standortvorteil verschaffe. Zu belegen ist vor allem letztere Behauptung nicht. Von der Bürgerbewegung ‚Pro-Mosel‘-ermittelte Fahrzeitberechnungen haben außerdem ergeben, dass für die meisten der für die Region entscheidenden Verbindungen keine oder nur geringe Fahrzeitvorteile zu erreichen wären. Zum anderen soll die bessere Anbindung des Flughafens Hahn einen starken Impuls für die Region geben. Des Weiteren würden die vom Durchgangsverkehr stark belasteten Moselgemeinden entscheidend entlastet, wobei zu bedenken ist, dass ein Großteil des Verkehrs vor allem in der Hochsaison einen touristischen Hintergrund hat und somit nicht durch die Brücke beeinflusst würde.

Petitionsausschuss des Bundestags berät über Baustopp

Der in Beton gegossene Anachronismus scheint kaum aufzuhalten zu sein. Warum ausgerechnet in Zeiten leerer Kassen und der allgemein verkündeten Krise ein derartiges Megaprojekt mit aller Gewalt durchgesetzt werden soll, ist schwer nachzuvollziehen. 5vier.de hat hierzu ein ausführliches Gespräch mit Dr. Elisabeth Reis geführt, die im Namen der Initiative ‚Pro-Mosel‘ beim Petitionsauschuss des Bundestags eine von rund 24.000 Bürgern unterschriebene Petition mit dem Ziel eines sofortigen Baustopps eingebracht hat. Auch mit dem Landesministerium ist ein Gesprächstermin vereinbart, beide Gespräche werden in den nächsten Wochen veröffentlicht werden. Zu Wort kommen sollen aber auch die Befürworter des Projekts; so könnte ein Forum für den Austausch von Argumenten für und gegen die Notwendigkeit eines immensen Eingriffs in eine historische Kulturlandschaft von Weltruf entstehen. Für einen Bau dieser Größe muss es sehr gute Gründe geben, ansonsten wäre es tatsächlich das von Stuart Pigott benannte ‚Verbrechen‘.

Weitere Informationen

Offizielle Seite der zuständigen Ministerien: www.hochmoseluebergang.rlp.de
Initiative Pro-Mosel: www.b50neu.de

Fotos: Initiative ‚Pro-Mosel‘

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Kommentare (3)

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  1. rwziegler sagt:

    Meinem Vorredner, Erich Born, kann ich mich nur anschließen! Für diese 330 Millionen Euro sollten lieber die Straßenschäden durch den Winter 2010/11 ausgebessert werden. Es ist eine Schande, was dem schönen Moseltal angetan wird! Am 27.3. können wir die selbstherrlichen Politiker, die den Hochmoselübergang beschlossen haben, abwählen!!! Wir müssen, als Bürger, endlich deutliche Zeichen setzen, die „dort oben“ verstanden werden.. Die Politiker nehmen zur Zeut uns Bürger nicht ernst!

  2. blubb78 sagt:

    Interessant wäre mal zu wissen wieviele der Unterzeichner wirklich aus der betroffenen Region kommt! Die Sache ist beschlossen und fertig, ebenso wie S 21! Leute Ihr kommt zu spät.

    wenn das Ding 10 Jahre steht schert sich kaum ein Mensch mehr drum.

    Also schön ist es sicher nicht, ich kann mir nicht vorstellen das wegen dem Bau großartig weniger Besucher kommen..

  3. Erich Born sagt:

    Erich Born 19.01.2011

    Jeder der die Mosellandschaft kennt muß geschockt sein.
    Diese Region ist einzigartig wertvoll und schön.
    Deshalb können dort Menschen gut leben.
    Und deshalb kommen Besucher und Liebhaber dort hin.
    Sie bringen viel Interesse, aber auch viel Geld mit.
    Dies wird mit großer Sicherheit nach der Verwirklichung
    einer solchen Trasse, wie hier bei der „B50neu“ nicht mehr so sein!
    Natürlich ist es ein Verbrechen!
    Wer gibt den Politikern dieses Recht, immer wieder, eben
    doch gegen die große Mehrheit, Entscheidungen zu treffen?
    24000 Unterschriften die eine Petition stützen und viele mehr,
    die gegen dieses Projekt sind, werden von offensichtlich
    selbstherrlichen Politikern mit einem hohen Maß an Ignoranz
    nicht mehr wahrgenommen. Das ist gefährlich und für die
    Politik schädlich.
    Schlimm ist vor allem, dass man auf die dort lebenden Menschen,
    die ihre berechtigten Sorgen, auch Ihre sicherlich wirtschaftlichen
    Nachteile, nicht wirklich eingeht oder auch nicht will.
    Ein Projekt aus den sechziger Jahren will man 50 Jahre später
    Verwirklichen.
    Die öffentlichen Kassen sind leer. Der Schuldenberg ist nicht mehr
    Zu überschauen.
    Eine ordentliche Aufrechterhaltung und Instandsetzung des
    unseres Straßennetzes scheint nicht mehr ordentlich gewährleistet.
    Unglaublich!
    Nicht für wenige, liebe Politiker, für die meisten Menschen,
    alles nicht mehr zu begreifen!

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