Jahresbericht Fußball – Ist der Stadionbesuch noch sicher?

Von Andreas Gniffke

Mit dem Erscheinen des jährlichen „Jahresberichts Fußball“ der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS) breitet sich wieder Hysterie in der deutschen Medienlandschaft aus. Von „erschreckenden Zahlen“ berichtet die Bild und tatsächlich stellen sich die Daten des Berichts im Bezug auf die eingeleiteten Strafverfahren und die Verletzten im Umfeld von Fußballspielen insgesamt deutlich negativer dar als noch im Vorjahr. Doch besteht wirklich Grund zur Panik?

Bunte Kurven prägen noch das Bild in den deutschen Stadien. Doch wie gefährlich ist der Besuch im Stadien? Wohl sehr, wenn man vielen Medien Glauben schenkt (Foto: Anna Lena Grasmück)

Der Bericht der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ kommt zu einem besonderen Zeitpunkt (hier kann er eingesehen werden). Am 12. Dezember wird auf einer Mitgliederversammlung der DFL über das umstrittene und mittlerweile offenbar leicht überarbeitete Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“ beraten. Unter dem Druck der Politik sehen sich DFB und DFL genötigt, bis zum Ende des Jahres ihre Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Dass sie in einem ersten Schritt die Anhänger der beteiligten Vereine dabei völlig außen vor gelassen hatten, sorgte für große Empörung und eine Ablehnung des Papiers durch zahlreiche Clubs, allen voran Union Berlin.

Zahlen lügen nicht, aber wie sind sie zu deuten?

Die nun vorgelegten Zahlen sind bei oberflächlicher Betrachtung Wasser auf die Mühlen der politischen Hardliner, die in der zum Glück noch vorhandenen deutschen Fankultur eine bedrohliche Störung der öffentlichen Sicherheit wahrnehmen. Der Bericht hat zwar vor allem die erste und zweite Liga im Fokus, bietet aber auch interessante Zahlen für die Regionalliga West der Saison 2011/12.

Der Streit um die Freigabe von Pyrotechnik schlägt sich auch deutlich in den Statistiken des Jahresberichts nieder

Vor allem im Bereich der eingeleiteten Strafverfahren lesen sich die Zahlen dramatisch. In Liga 1 und 2 wurden 8.143 Verfahren eingeleitet, was einer Steigerung von etwa 40% im Vergleich zum Vorjahr entspricht (5.818). Besonders stark ist mit über 70 % der Anstieg im Bereich der Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz. Insgesamt 1.449 Verfahren wurden eingeleitet, im Vorjahr waren es lediglich 817. Das Papier nennt die abgebrochenen Verhandlungen zwischen DFL/DFB und Fanvertretern der „Pyrotechnik legalisieren“-Kampagne als einer der Hauptauslöser dieser Entwicklung. Sicherlich spielt aber ebenso ein stärkerer Ermittlungsdruck und die deutliche Verbesserung der Kamera- und Sicherheitstechnik eine entsprechende Rolle. Fraglich ist demnach, ob eine erhöhte Anzahl von Ermittlungsverfahren tatsächlich mit einer erhöhten Anzahl von Vergehen gleichzusetzen ist. Den größten Anteil der Strafverfahren stellen Körperverletzungsdelikte dar. Auch hier erhöhte sich der Anteil im Vergleich zum Vorjahr, wenn auch nicht so dramatisch wie im Bereich der Pyrotechnik. Insgesamt 1.831 Verfahren wurden eingeleitet, in der Vorsaison waren es noch 1.572.

Wenig zu diskutieren gibt es in der Statistik zu den Verletzten im Umfeld von Fußballspielen, denn die Zahlen, die keine Unfälle umfassen, sind deutlich angestiegen. Insgesamt wurden in den ersten beiden Ligen 1.143 Menschen verletzt, knapp dreihundert mehr als in der Vorsaison. Was dramatisch klingt, relativiert sich, wenn man im Hinterkopf behält, dass mehr als 19 Millionen Zuschauer die Spiele der ersten und zweiten Liga besuchten. Auch die Arbeitsstunden der eingesetzten Polizeikräfte erhöhten sich auf mittlerweile 1.888.525 Stunden, was Diskussionen über eine Kostenbeteiligung der Vereine erneut befeuern dürfte.

Geht die Gefahr von den Ultras aus?

Großes Misstrauen offenbart der Bericht in Bezug auf die Ultragruppierungen, die unter besonderer Beobachtung stehen. Über die Strukturen äußert sich der Bericht folgendermaßen, vor allem das „noch“ lässt tief blicken:

Obwohl die überwiegende Mehrzahl der Angehörigen der “Ultra”-Gruppierungen zwischen 18 und 25 Jahre alt ist und von den berichtenden Polizeibehörden mehrheitlich zwar (noch) in die Kategorie A [also als friedliche Fans] eingestuft wird, deuten [… der] hohe Anteil der von freiheitsentziehenden Maßnahmen betroffenen Personen in der Altersgruppe der 21- bis 25-jährigen sowie insbesondere die Steigerung in der Gruppe der über 25-jährigen auf eine vermehrte Teilnahme älterer Personen dieser Szene an Störerhandlungen hin.

Auch der Versuch von Ultras, Einfluss in Vereinsgremien zu erlangen, betrachtet der Bericht als kritisch, aber ist es nicht das gute Recht eines jeden Anhängers, Mitglied seines Vereins zu werden und damit auch Einfluss auf vereinsinterne Entscheidungen zu erlangen? Hier offenbart der Bericht ein äußerst merkwürdiges Demokratieverständnis.

Auch die Regionalliga ist KEIN Sicherheitsrisiko

Auch Besuche im Moselstadion stellen kein Sicherheitsrisiko dar (Foto: Anna Lena Grasmück)

Interessante Zahlen liefert der Bericht auch für die Regionalliga West, in der in der Saison 2011/12 auch Eintracht Trier gegen den Ball trat. In 342 Spielen gab es insgesamt 51 Verletzte, darunter neun Polizisten, dreißig sogenannte „Störer“ und nur zwölf Unbeteiligte. Natürlich ist jeder Verletzte einer zuviel, dennoch muss festgehalten werden, dass von Begegnungen sowohl in den Profiligen als auch in der Regionalliga keine wirkliche Gefahr ausgeht. Ein durchschnittliches Moselweinfest oder das Trierer Altstadtfest dürften weitaus dramatischere Zahlen zu bieten haben. 158 Strafverfahren wurden eingeleitet, was in etwa dem Stand der Vorsaison entspricht; bei den sogenannten freiheitsentziehenden Maßnahmen ist dagegen ein deutlicher Rückgang von 209 auf 165 belegt. Im Vergleich dazu mutet die extreme Erhöhung der polizeilichen Arbeitsstunden bizarr an. Investierte die Polizei 2010/11 noch 44.936 Stunden in der Regionalliga West, so waren es 2011/12 satte 61.534. Ein Eindruck, der sich auch bei den Fans verstärkt, denn eine immer größere Polizeipräsenz in den Stadien sorgt für ein Szenario, was weniger deeskalierend als provozierend empfunden wird. In jüngster Zeit häufen sich auch Berichte aus Fankreisen, die von überharten und überzogenen Polizeieinsätzen berichten.

Ich fühl‘ mich sicher!

Gegen die allgemeine und von den Medien gierig aufgegriffene Hysterie bezüglich der Gewalt in und um die deutschen Stadien gibt es mittlerweile zahlreiche Gegeninitiativen mit zum Teil beachtlicher Verbreitung vor allem in den sozialen Netzwerken. Besonders die Initiative „Ich fühl‘ mich sicher!“ sorgte für eine breite Resonanz unter den Fußballfreunden. Mittlerweile haben sich über 45.000 Menschen in die Liste eingetragen, um dem Zerrbild entgegenzuwirken, wie es in Presse und Politik verbreitet wird.

Der Fußball als kulturelles Phänomen von enormer gesellschaftlicher Relevanz ist durch die Diskussionen der vergangenen Monate ernsthaft bedroht. Nur im Dialog kann weiterer Schaden abgewendet werden. Das unausgegorene Konzeptpapier unter Ausschluss der Fans zu entwickeln war der zweite dramatische Fauxpas von DFB und DFL nach dem Scheitern der Pyrotechnikdebatte. Das Aufkündigen der Dialogbereitschaft, egal von welcher Seite, dürfte die Hardliner beider Lager stärken, mit Folgen für den Fußball, die heute noch nicht abzusehen sind. „Wir laufen gerade auf eine ziemlich große Kreuzung zu. Und die Liga sollte dringend die richtige Abzweigung nehmen“, äußerte auch DFL-Chef Christian Seifert im Interview mit der Süddeutschen Zeitung große Sorgen, betonte aber, dass man nicht pauschal von einem Gewaltproblem sprechen könne. Auch Fehler in der Kommunikation mit den Anhängern räumte Seifert ein. Sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung.

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